NOS4A2 © Amazon
DWDL.de-Serienkritik

"NOS4A2" bei Amazon: Weihnachtsgähner für den Sommer

 

So wie nicht jede Stephen King-Verfilmung automatisch ein Meisterwerk darstellt, kann man dies auch nicht bei den Werken seines Sohnes Joe Hill erwarten. Im Falle von "NOS4A2" wurde die vielversprechende Weihnachtsgeschichte in ein lahmes Geschenk verpackt.

von Kevin Hennings
07.06.2019 - 16:23 Uhr

Seit jeher werden kleine Kinder damit erpresst, lieb sein zu müssen – sonst kommt am Ende des Jahres Knecht Ruprecht mit der Rute vorbei. Diese Drohung sollte jedoch umformuliert werden: Wer nicht brav ist, muss "NOS4A2" schauen, Amazons neuester Zugang im Horrorportfolio. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die AMC-Serie ist alles andere als so furchteinflößend, dass Sie kein Kind zu Gesicht bekommen sollte. Gruselig wird es tatsächlich kaum, dafür aber quälend dröge mit einem Potpourri vergebener Chancen. Kein Kind der Welt möchte diese Tortur über sich ergehen lassen. Ebenso wie es kein erwachsener Mensch sollte.

 

Im Allgemeinen gilt die Warnung: Halten Sie ihre Kinder von dieser Sendung fern, wenn Sie weiterhin besinnliche Weihnachten feiern möchten. Denn auch wenn "NOS4A2" die Prämisse nicht im Ansatz auszuspielen weiß, bietet die auf dem Roman "Christmasland" basierende Adaption eine Heilige Nacht der verstörendsten Art. So wie in Joe Hills Werk geht es auch in der zehnteiligen ersten Staffel um den bösartigen und unsterblichen Charlie Manx (Zachary Quinto, "American Horror Story"), der durch die Gegend fährt und sich von Kinderseelen ernährt. Er lockt sie mit verheißungsvollen Geschenken und entsorgt die traurig anmutenden Existenzen im sogenannten Christmasland – einem verstörten Ort in Manx' Fantasie, an dem jeden Tag Weihnachten ist und wo das Verbot herrscht, traurig zu sein.

Es ist im Grunde wie mit dem Lieblingsdöner: Wer jeden Tag isst, verliert die Freude an ihm. Und wer jeden Tag Weihnachten erlebt, der muss auch irgendwann feststellen, dass die einstige Traumfantasie in eine nicht enden wollende Hölle umschwenken kann. Zur vermeintlichen Rettung der bislang verlorenen Kinder steht die Teenagerin Vic McQueen (Ashleigh Cummings) bereit. Sie hat, ähnlich wie Manx, etwas übernatürliches an sich: Sie kann verlorene Dinge wieder aufspüren.

Eben jene zwei Aspekte werden in "NOS4A2" auch kurz erläutert, ehe sich die Erzählung in einem Wirrwarr aus zu vielen spannungsarmen roten Fäden und Eintönigkeit verliert. Eintönigkeit trifft es hingegen nicht ganz. Gefühlt wird gar kein Ton getroffen, vor allem kein eigener. "NOS4A2" - dessen Titel übrigens 'Nosferatu' bedeutet - bietet eine Geschichte mit einem besessenen Auto, einer magischen Brücke und einem mythischen Ort namens Christmasland – und doch schafft es die von Jami O'Brien ("Fear the Walking Dead") umgesetzte Serie nicht, eine gewisse Atmosphäre zu erzeugen oder gar das Gefühl, dass hier etwas eigentümliches, sehenswertes produziert wurde. Eine faszinierende Tatsache, da ausgerechnet Kari Skogland die ersten zwei Episoden inszeniert hat – die Dame, die bei "The Handmaid's Tale" mit dafür verantwortlich war, dass der Fernsehwelt eine der bedrückendsten Dystopien geschenkt wurde.

Vielmehr entsteht mit zunehmender Laufzeit der Gedanke – vor allem bei Kennern des Buches – dass die Macher bereits an die Zukunft gedacht haben, anstatt in der Gegenwart zu arbeiten. So werden in der ersten Staffel lediglich die frühen Ereignisse des Romans beleuchtet, damit für potenziell kommende Staffeln noch Luft ist. Ob dies nun der Gedankengang von O'Brien und AMC Studios war, oder nicht: Dadurch entstanden zehn einstündige Folgen, die sich kaum länger ziehen könnten. Die Storyarmut wird durch das Ausleuchten lahmer Details kompensiert, wodurch der Ärger über die links liegen gelassenen, interessanten Aspekte noch größer wird. Anstelle der vielversprechenden Mythologie verläuft sich "NOS4A2" in ein abgedroschenes Drama.

Interessanterweise war ausgerechnet Autor Joe Hill überaus erfreut über diese Tatsache. In mehreren Interviews brachte er seine Freude zum Ausdruck. "It's pretty wild, isn't it?". Was Hill, der Sohn von Stephen King, mit "wild" meint, erklärt sich, wenn er seine Definition von Horror zum Besten gibt: "Ich vermute, für manche Menschen dreht sich Horror um Sadismus und darum, dass Gedärme gegen die Kamera geschleudert werden. Zu einem gewissen Grad ist das so. In meinen Augen geht es bei effektivem Horror jedoch um Empathie."

Die erwähnte Empathie spiegelt sich im hier gezeigten, typischen Drama wieder. "NOS4A2" ist keine Gruselserie, sondern eine Tragödie über die Protagonistin Vic, die zwar eindrucksvoll von Cummings gespielt wird, jedoch keinen originellen Charakterbogen bietet. Ähnlich wie beim uninspirierten Grundton der Serie, strotzen auch die Autoren nicht gerade mit überschwänglicher Leidenschaft, die Hill in seinem Roman noch an den Tag legte. Selbst Manx, der eigentlich eine mächtige, furchteinflössende Figur darstellen sollte, wirkt lediglich wie ein alter, weißer Mann, der sich creepy an kleine Kinder heranmacht. 

Da Hill, ähnlich wie sein Vater, eine subtile Art des Horrors zelebriert, dürfte seine Fernsehkarriere ebenfalls ein Hit&Miss-Geschäft werden. Stephen King, der Vater zahlreicher Filme und Serien, hat bereits große Erfolge wie "Stand by me" und niederschmetternde Flops wie "The Mist – Die Serie" zu verzeichnen, was stets mit der Produktion zusammenhing. Wird der Geist des Autoren nicht im richtigen Maße verstanden, entsteht eine Produktion, die keinerlei Gründe liefert, einzuschalten. Gleiches Spiel mit einer der ersten Fernsehadaptionen Joe Hills, die visuell komplett hinter ihren Möglichkeiten bleibt und jegliche Spannung im Keim erstickt.

Die erste Staffel von "NOS4A2" kann ab sofort bei Amazon Prime Video gestreamt werden. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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