Raising Dion Netflix © Netflix
DWDL.de-Serienkritik zu "Raising Dion"

Superheldenserie mal anders: Netflix zaubert einmal mehr

 

Superheldenserien gibt es wie Sand am Meer, doch die neue Netflix-Produktion ist anders. Die Macher von "Raising Dion" haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Helden-Saga mit einem Familiendrama zu verbinden. Das Vorhaben gelingt erstaunlich gut.

von Kevin Hennings
05.10.2019 - 11:26 Uhr

Eine Superheldenserie, die selbst den eingefleischtesten Comic-Fanatiker überrascht. Dass es so etwas gibt, kann in der heutigen Zeit, in der gefühlt fast jeden Monat ein neuer Mavel-Blockbuster erscheint, kaum erwartet werden. Doch ausgerechnet ein kleiner Junge definiert das Genre ein Stück weit neu. Endlich mal kein gebeutelter Charakter, der die Welt zum wiederholten Male retten muss. Stattdessen ist der siebenjährige Dion (Ja'siah Young) gerade erst dabei zu erkunden, was ihn von seinen Schulkameraden unterscheidet - dass er Dinge zum Fliegen bringen kann, zum Beispiel. Die verwitwete Nicole Warren (Alisha Wainwright) ist an seiner Seite und tut alles in ihrer Macht stehende, um den jungen Burschen auf den rechten Weg zu schicken. "Raising Dion" ist damit spannende Erziehungsstudie und sehenswerte Heldenreise gleichermaßen. Und einmal mehr der Beweis, dass Netflix doch noch ein paar Ideen im Köcher hat.

"Alle denken, ihr Kind sei was Besonderes. Nur ich habe Recht." Mit diesem Einstiegssatz schicken die Serienmacher nur einen kleinen Seitenhieb in Richtung aller Helikoptereltern; sie führen direkt aus, wie es wirklich ist, ein besonderes Kind aufzuziehen. Denn während viele Eltern ihren Nachwuchs am liebsten in einer Plastikblase verstecken würden, um sie vor all den Gefahren der Umwelt zu schützen, gibt es weitaus gefährdetere Kinder, die diese Aufmerksamkeit tatsächlich benötigen. Kinder mit speziellen Bedürfnissen aufgrund spezieller Umstände. Solche wie Dion. Gerade deswegen ist vor allem die Rolle seiner Mutter hochinteressant, steht sie doch vor der Herausforderung, einen kleinen Superhelden aufzuziehen, der so gar nicht in das Muster der Allgemeinheit passen will.

"Raising Dion" basiert auf der Comic-Grundlage von Dennis Liu, der bereits vor vier Jahren einen Kurzfilm dazu veröffentlichte, ohne dass dieser allzu hohen Wellen geschlagen hätte. Eigentlich schade, denn bereits diese erste Fassung bewies, welch großes Potenzial in der Idee steckt, die nun in Zusammenarbeit mit Liu vom ausführenden Produzenten Michael B. Jordan in angemessenem Maße umgesetzt wurde. Herausgekommen ist eine sehenswerte Adaption. Angefangen bei den Effekten, die sich vom Profi-Telekinese-Angeln bis hin zu rasanten Teleportationen in die Riege der schönsten CGI-Momente der jüngeren Seriengeschichte einreihen.

Eine ansehnliche Teleport-Szene ist stets ein Gradmesser dafür, wie fein die Grafik-Experten an das Projekt herangegangen sind. Im Falle von "Raising Dion" wird dort nicht nur der hohe visuelle Anspruch demonstriert, sondern gleichzeitig das feinfühlige Storytelling. Dion teleportiert sich in besagter Szene, weil er Gefahr läuft, von einem Auto überfahren zu werden. In letzter Sekunde setzt er seine Kräfte ein – nicht, um das Auto zu zerstören oder wegfliegen zu lassen, sondern um sich in die schützenden Arme seiner liebenden Mutter zu beamen. In "Raising Dion" geht es nie darum, Gewalt der Gewalt wegen zu inszenieren, sondern stets so zu agieren, wie es die authentische Dramaturgie verlangt.

Autorin Carol Barbee ("UnReal") nimmt sich vollends der Aufgabe an, die Grundpsyche des Menschen zu beleuchten. Sie zeigt, wie sehr ein junges Wesen von der Person beeinflusst wird, die ihm am nächsten steht. Noch wichtiger: Immer wieder wird deutlich verdeutlicht, wie wichtig es ist, ein Bewusstsein dafür zu bekommen, dass ein Kind in erster Linie durch Erziehung geprägt wird. Das ist keine lapidare Aufgabe, die einfach mal so nebenbei erledigt werden sollte. Deswegen ist "Raising Dion" auf den ersten Blick zwar eine unterhaltsame Superheldenserie, auf den zweiten Blick eine reife Erzählung über die Herausforderung der Kindererziehung.

Natürlich geht es auch um Dion selbst und die kindliche Freude und Angst, die sich in ihm aufbäumt, sobald er den Inhalt seiner Müslischale zum ersten Mal zum Schweben bringt. In Anlehnung an den derzeitigen Superhelden-Hype holt sich Dion viele seiner Ideale gleichermaßen durch Comics, die er von seinem Patenonkel präsentiert bekommt. Als sein Mentor spricht er ebenso mit ihm darüber, welcher Superheldenname zu ihm passen könnte und wieso es so wichtig ist, Grenzen einzuhalten. So bedroht Dion in einer Situation ausgerechnet seine einzige Freundin Esperanza (Sammi Haney), was er erst dadurch bemerkt, als er es von ihr klar und deutlich gesagt bekommt. Hier muss nicht zwingend #metoo aufgegriffen werden – doch schnell wird klar, dass "Raising Dion" dank gesellschaftlicher Themen vielschichtiger ist als viele andere Serien dieses Genre.

Manchmal wirkt die achtteilige erste Staffel mit ihrer Mischung aus herumfliegendem Spielzeug und erhobenem Zeigefinger etwas überladen. Immerhin löst sie sich dadurch von demografischen Grenzen. Die Jüngsten bekommen eine High-Budget-Produktion an die Hand, mit der sie selbst eine gewisse Orientierung erlangen. Junge Eltern können sich hingegen darauf besinnen, was bei der Erziehung eines Kindes wirklich wichtig ist - und der Rest darf sich einfach über gute Superhelden-Unterhaltung freuen. 

Die erste Staffel von "Raising Dion" ist ab sofort bei Netflix verfügbar. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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