Die Liveshow bei dir zuhause © ProSieben/Willi Weber
DWDL.de-TV-Kritik zur neuen ProSieben-Show

"Die Liveshow bei dir zuhause": Topp, die Butter schmilzt

 

Drei Jahre nach dem "Auswärtsspiel" sendete ProSieben mit der "Liveshow bei dir zuhause" aus dem Wohnzimmer zweier Familien. Das hatte Charme, aber auch Längen und wirkte an vielen Stellen trotz des ungewöhnlichen Settings erstaunlich uninspiriert.

von Alexander Krei
13.10.2019 - 01:08 Uhr

Irgendwann nach 22 Uhr dürfte selbst dem letzten Zuschauer klar geworden sein, dass auch bei ProSieben nur mit Wasser gekocht wird. Im Splitscreen konnte zu diesem Zeitpunkt beobachtet werden, welcher Wasserkocher im Fernduell am schnellsten die Flüssigkeit in seinem Inneren erhitzt. "Ich krieg jetzt echt Gänsehaut", kommentierte Elmar Paulke diese beeindruckenden Bilder aus dem Off – nur wenige Minuten, nachdem er bereits die passenden Worte finden musste, als zwei Pfund Butter in der Pfanne zum Schmelzen gebracht wurden. "Was die Butter hier rechts macht, ist wirklich sensationell", lautete sein fachkundiges Urteil.

So sieht sie also aus, die Samstagabendunterhaltung bei ProSieben im Herbst 2019. Drei Jahre, nachdem sich der Sender mehr oder weniger erfolglos an seinem "Auswärtsspiel" versucht hat, wagte ProSieben jetzt einen neuen Anlauf, eine Abendshow im Wohnzimmer seiner Zuschauer zu veranstalten. "Die Liveshow bei dir zuhause" nennt sich das Format, für dessen Produktion sich Banijay Productions Germany verantwortlich zeichnet – und es hätte wirklich ein amüsanter Abend werden können, hätte denn etwas mehr Liebe zum Detail in dieser knapp vierstündigen Sendung gesteckt.


Dabei stimmten die Grundzutaten: Anders als beim "Auswärtsspiel" traten nun zwei Familien gegeneinander an, was die Spannung zumindest auf dem Papier erhöhte, und mit Matthias Opdenhövel und Steven Gätjen fuhr ProSieben gleich zwei seiner bekanntesten Moderatoren auf. Gätjen stellte eine "Wundertüte" in Aussicht und sprach gleich zu Beginn des Abends vorsichtshalber schon mal die Warnung aus, die Show könne so werden wie der Gang auf ein dunkles Klo. "Es kann auch mal ein bisschen was schiefgehen."

Was folgte, fühlte sich trotz des ungewöhnlichen Settings in einem Bochumer Straßenzug erstaunlich vertraut an, was daran lag, dass das Konzept dem vieler ProSieben-Shows glich. Gespielt wurde über neun Runden hinweg – und vieles hätte streng genommen genauso gut in einem normalen TV-Studio stattfinden können. Mal galt es, mit einem Fahrrad Überschläge zu machen, ein anderes Mal mussten Murmeln in den Waggons einer Miniatur-Eisenbahn versenkt werden, was vor dem Fernseher ähnlich aufregend daherkam wie die Ziehung der Lottozahlen, wenn man gar keinen Tippschein abgegeben hat.

Viel zu selten nutzte "Die Liveshow bei dir zuhause" ihren USP, nämlich eine Sendung auf die Beine zu stellen, die sich unterscheidet von den sterilen Studioproduktionen. Da konnte man nach den Erfahrungen mit dem "Auswärtsspiel" durchaus mehr erwarten. Der Aufwand war freilich trotzdem groß, ebenso wie der Trubel, der sich immer dann ergab, wenn der Tross mal wieder von der einen in die andere Wohnung wechselte. Und so wurde die Premiere-Ausgabe am Samstag zu einer sympathischen, aber bisweilen eben chaotischen Leistungsschau ohne eine nennenswerte Dramaturgie.

Die Liveshow bei dir zuhause

Dass gegen Mitternacht ein neuntes Spiel absolviert werden musste, obwohl die Finalteilnehmer längst feststanden, ist eine weitere konzeptionelle Schwachstelle. Hinzu kommt das erschreckend uninspirierte Endspiel, in dem sich drei Familienmitglieder einen Flummi zuwerfen mussten, ohne dass dieser auf den Boden fällt – was erwartungsgemäß schnell vorbei war. Umso länger dauerte es dagegen, bis es überhaupt losging, weil die Kandidaten erst noch ihre Schuhe suchten, die sie in der vorherigen Runde an ein Seil werfen mussten. 

Szenen wie diese machten die neue ProSieben-"Liveshow" stellenweise arg zäh und mitunter wirkte es gar, als würden sich die Familien selbst langweilen. Da kam es nicht von Ungefähr, dass einer der Kandidaten nach mehr als drei Stunden erklärte, er könne einschlafen. An fehlender Lautstärke kann das allerdings nicht gelegen haben: Pausenlos wurde durcheinandergesprochen. Kein Wunder bei so vielen Protagonisten. Dass jede Familie auch noch zwei Promis zur Seite gestellt bekam und Elmar Paulke regelmäßig aus dem Schweinestall kommentierte, machte es nicht besser.

Ärgerlich auch, dass manche Spiele so unspektakulär daherkamen und vieles schien, als fahre man mit angezogener Handbremse. Und doch hat "Die Liveshow bei dir zuhause" durchaus Potenzial – vorausgesetzt, ProSieben und Banijay besinnen sich auf die Stärken der Grundidee. Dass Max Giesinger im Wohnzimmer singt und die österreichische Band Wanda vor der Sitzgruppe im Garten performt, hat einen besonderen Charme, wie auch das ständig klingelnde Telefon, weil ein paar findige Zuschauer offensichtlich mühelos die Nummer einer der mitspielenden Familie herausfanden. 

Dass es dennoch über weite Strecken unterhaltsam wurde, lag auch an den beiden Gastgebern, die souverän durch den Abend führten. Bereits in zwei Wochen werden sich Matthias Opdenhövel und Steven Gätjen aus anderen Wohnzimmern melden. Nicht viel Zeit, um der "Liveshow bei dir zuhause" mehr Drive zu verleihen. Vielleicht könnten ein paar Konfettikanonen im Hausflur und ein kleines Feuerwerk über der Wohnsiedlung Wunder bewirken. Damit nicht nur zwei Wasserkocher bei Elmar Paulke für Gänsehaut sorgen.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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