Fittest Family Germany © Sat.1/Benedikt Müller
DWDL.de-TV-Kritik

"Fittest Family Germany" in Sat.1: Crash Games mal anders

 

Mit der Show "Fittest Family Germany" wollte Sat.1 eigentlich im Feld der Physical Gameshows groß aufschlagen. Nun wird das Format zur Mittagszeit versendet. Tatsächlich gibt es viel auszusetzen, doch die Show hat auch ihre hellen und emotionalen Momente.

von Timo Niemeier
02.11.2019 - 14:10 Uhr

Als Sat.1 seine neue Show "Fittest Family Germany" im Januar dieses Jahres erstmals ankündigte, waren die Hoffnungen noch groß. Von einem neuen Primetime-Format war damals die Rede. Zur besten Sendezeit sollte die von Constantin Entertainment produzierte Show, die im Original aus Irland stammt, Formaten wie "Ninja Warrior" Konkurrenz machen. Doch die RTL-Show wird vorläufig die einzige in diesem Bereich bleiben, der ein Erfolg vergönnt ist. Bei Sat.1 hat man schon im Vorfeld die Waffen gestreckt und versendet "Fittest Family Germany" nun samstags zur Mittagszeit. 

Offiziell heißt es vom Sender, dass man das Format zu einer "familientauglichen Sendezeit" anbieten wolle. Das ist natürlich nichts weiter als eine mehr oder weniger einfallsreiche PR-Sprache für: Wir haben keine Hoffnung. Dass das Format nicht für diese Sendezeit gemacht ist, sieht man bereits an der opulenten Optik gleich zu Beginn der ersten Folge. Keine Frage: Dieses Format ist für die Primetime gemacht. Dass Sat.1 der Show dort, und selbst am Vorabend des Wochenendes, keinen Erfolg zugetraut hat, kommt nicht von ungefähr - "Fittest Family Germany" hat einige Schwachstellen. 

Das fängt mit dem langatmigen Konzept an, geht über sehr steife Coaches und reicht bis hin zur ungeschickten Inszenierung der Kandidaten. Doch der Reihe nach: In der Show treten zwölf Familien gegeneinander an. Zunächst müssen jeweils drei Familien in vier Gruppen einen Hindernisparcours bewältigen. Die schnellste Familie ist automatisch in Runde zwei, die beiden anderen Familien müssen zu einem weiteren Wettkampf antreten. Die Familie, die am Ende der vier Ausgaben gewonnen hat, darf sich "Fittest Family Germany" nennen und erhält zudem 100.000 Euro. Das Preisgeld ist ganz nebenbei noch so ein eindeutiger Hinweis darauf, dass Sat.1 diese Show nicht für das Mittagsprogramm hat produzieren lassen. 

Nachträglich eingesprochener Kommentar 

Leider kann sich "Fittest Family Germany" nicht so recht entscheiden, ob es nun Physical Gameshow oder Dokusoap sein will. Da werden alle Familien ausgiebig vorgestellt, inklusive sehr regelmäßiger Tränen-Stories. Das ist zwar durchaus emotional, passt aber nicht mit den anschließenden Parcours-Elementen zusammen. Diese sind spannend anzusehen, durch den im Nachhinein eingesprochenen Kommentator wirkt das Ganze allerdings unfreiwillig komisch. Hier wäre ein Live-Kommentar wünschenswert gewesen. So erinnert "Fittest Family Germany" leider an die erfolglose ProSieben-Trashshow "Crash Games". 

Durch die nachträglich eingesprochenen Kommentare kann man hier zwar einige Witzchen einbauen, die gehen aber das ein oder andere Mal auf Kosten der jeweiligen Familienmitglieder. Auch das ist nicht die beste Voraussetzung für eine Show, die sich vorgenommen hat, die Kandidaten ernst zu nehmen. Das bekommt man bei "Ninja Warrior" deutlich besser hin. Beim RTL-Format hat sich "Fittest Family Germany" übrigens so einiges abgeguckt. Das beschränkt sich nicht nur auf das "Germany" im Namen, am Ende der zweiten Runde (genannt "Eliminator") wartet auf die Familien eine meterhohe Rampe, die erklommen werden muss. Geneigte "Ninja Warrior"-Zuschauer dürften diese Rampe bestens kennen. 

Fittest Family GermanyDie Familie müssen einen Parcours möglichst schnell überwinden, hier sind je zwei Familienmitglieder aneinandergekettet und schleppen Boote zum nahegelegenen See.

Unterstützt werden die Familien von professionellen (Ex-)Sportlern. In der ersten Ausgabe sahen die überwiegend nur zu und suchten sich am Ende ihre Schützlinge aus. In einer Vorstellungsrunde durften Pascal Hens, Marie Lang, Moritz Fürste und Peter Neururer dennoch vorab für sie geschriebene Sätze wie Roboter in die Kamera sagen. Das darf Sat.1 und Constantin Entertainment bei einem solchen Format natürlich nicht passieren - eigentlich darf es nie passieren. Immerhin Neururer bewahrt sich seinen Witz und sagt: "Die ganzen sogenannten Coaches könnten alle meine Kinder sein. Ich habe schon Menschen trainiert, da sind sie noch mit der Trommel um den Weihnachtsbaum gelaufen."

"Wir werden einfach Gas geben, keine Ahnung."

Dass die Familien bislang offenkundig wenig TV-Erfahrung haben, ist durchaus sympathisch, führt aber ebenfalls zu skurrilen Aussagen. Als ein Familienvater darüber sinniert, was er mit den 100.000 Euro Siegprämie machen möchte, fängt er an zu schluchzen und sagt anschließend, seine Mutter bekomme dann ein neues Gebiss. "Die soll sich ein neues Gebiss machen lassen und dann gehen wir mit der ganzen Familie fett essen und gut feiern." Die Tochter einer anderen Familie erzählt stolz von ihrem Hobby: Kickboxen. Sie habe bereits Turniere  gewonnen und dort "teilweise drei, vier Gegnerinnen K.O. gemacht". Ein anderer Kandidat fasst seine Motivation so zusammen: "Wir werden einfach Gas geben, keine Ahnung."

Und dann ist da noch Moderatorin Alina Merkau, bekannt aus dem "Frühstücksfernsehen". Sie ist redlich bemüht, kann das Format aber ebenfalls nicht zusammenhalten. "Wieso habt ihr gewonnen?", will sie von einer siegreichen Familie nach einer Runde wissen, nur um danach die Antwort gleich mitzuliefern: "War es der Zusammenhalt?". Dieser "Zusammenhalt" ist ohnehin ständig Thema in der Show, es vergeht quasi keine Minute, ohne das nicht ein Kandidat oder der Off-Sprecher erwähnt, wie wichtig es sei, dass man die Show nur im Team gewinnen könne. 

Konsequente Entscheidung von Sat.1

Dass in der ersten Ausgabe zwölf Familien in vier Gruppen den jeweils gleichen Parcours absolvieren müssen, trägt ebenfalls nicht zur Abwechslung bei. Das haben andere Shows schon besser hinbekommen. Dennoch hat auch "Fittest Family Germany" seine guten Seiten. Immer dann, wenn es emotional wird, sieht man, wie es wirklich um den Zusammenhalt in den Familien bestellt ist. Da rennt der vermeintlich stärkste Part in der Gruppe einfach vor, ohne sich um den Rest zu kümmern. Und bei der Familie, die die mit Abstand kleinsten Kinder hat, fließen nach dem frühen Aus bittere Tränen bei den Kleinsten, weil sie unbedingt eine Runde weiterkommen wollten. Das ist authentisch, kann das Format insgesamt aber auch nicht mehr retten. Insofern ist es auch sehr konsequent von Sat.1, es mit "Fittest Family Germany" gar nicht erst in der Primetime zu versuchen. Dort wäre es sehr wahrscheinlich mit wehenden Fahnen untergegangen. 

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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