Die letzte Instanz © Screenshot WDR
DWDL.de-TV-Kritik

"Die letzte Instanz" im WDR: Mehr Widerspruch erwünscht

 

Die neue WDR-Show "Die letzte Instanz" mit Steffen Hallaschka will sich bewusst von anderen Talks absetzen. Das gelingt bei der Premiere allerdings eher mäßig, weil harte Auseinandersetzungen meist fehlen. Zumindest Rotlicht-König Kalle Schwensen eckt an.

von Alexander Krei
04.11.2019 - 10:22 Uhr

Dafür, dass mehr als 60 Prozent der Deutschen laut einer aktuellen "Zeit"-Umfrage der Meinung sind, man müsse aufpassen, wenn man öffentlich seine Meinung äußere, gibt es im Fernsehen eine erstaunlich hohe Zahl an Talkshows. Jetzt kommt mit "Die letzte Instanz" eine weitere hinzu. Diese wird vom WDR als "Meinungstalk" bezeichnet – was zwangsläufig die Frage aufwirft, worum es denn in anderen Talkshows geht, wenn nicht um die Meinung der Gäste.

Moderator Steffen Hallaschka bemüht sich nach Kräften, die Meinungsfreude seiner Gäste als Unikat herauszustellen. "Die letzte Instanz" sei so etwas wie die "Dschungelprüfung unter den deutschen Talkshows", sagt er gleich zu Beginn – und meint den Verglich vermutlich positiver als er klingt. Die Idee: Vier Prominente sprechen offen über alles, was das Land bewegt. Bei der Premiere sind das der Umgang mit der AfD, die radikalen Klimaproteste und die Frage, ob ein Wirt seinen Gästen verbieten kann, das Essen zu fotografieren.

Erstaunlicherweise nimmt die Sendung, hinter der die "Hart aber fair"-Produzenten von Ansager & Schnipselmann stehen, erst dann allmählich Fahrt auf, als es um die Food-Fotos geht, was auch daran liegt, dass Hallaschka seinen Gast, die Schauspielerin Anna Loos, mit ihren eigenen Schnappschüssen überrascht, obwohl diese Derartiges zuvor noch als "total lächerlich" abgetan hat. TV-Koch Alexander Herrmann erzählt wenig später von QR-Codes, die er inzwischen verteilt, um seinen Gästen professionelle Fotos seiner Speisen anzubieten.

Rotlicht-König Kalle Schwensen vermutet gar Fotos von verdautem Essen als nächste Stufe des Hypes. So weit, so erkenntnisarm. Ernsthafter wird es, als die Diskutanten auf die Proteste von Extinction Rebellion zu sprechen kommen. Man dürfte sich nicht persönlich betroffen, wenn man durch die Klimaaktivisten auf dem Weg zur Arbeit aufgehalten werde, sagt Loos und fordert, stärker an die nächste Generation zu denken. Sie kann es sich sogar vorstellen, mit Sekundenkleber auf die Straße getackert zu werden. Man spürt, dass es ihr ernst ist. 

Und dann ist da wieder Kalle Schwensen, der sich zwar vor den "Öko-Terroristen" fürchtet, aber reichlich Pragmatismus im Umgang mit ihnen an den Tag legt: "Wenn ich weiß, dass so eine Demonstration ist, gehe ich natürlich nicht auf die Straße." Vom ebenfalls anwesende Micky Beisenherz erfahren wir, dass er anders als Gernflieger Schwensen zwar mit der Bahn nach Düsseldorf gekommen sei, am Bahnhofskiosk aber eine Plastiktüte zum Transport der gekauften Zeitschriften genommen habe. "Wenn das Greta wüsste", soll der Verkäufer ihm zugeraunt haben.

Doch es wird nicht nur gesprochen in der "letzten Instanz": Vor und nach jedem Themenkomplex dürfen Hallaschkas Gäste mittels roter und grüner Karten abstimmen, wie sie zu der jeweiligen Frage stehen - ob sich die Meinung im Publikum nach Austausch der Argumente wirklich geändert hat, lässt sich in dem Karten-Wirrwarr allerdings nur schwer nachvollziehen. Die Diskussion selbst kratzt aber ohnehin meist nur an der Oberfläche, vielleicht auch, weil der Moderator oft etwas zu sehr darum bemüht ist, möglichst alle mit einzubeziehen.

"Ich weigere mich, diese Fragstellung hinzunehmen"

Nur manchmal blitzt auf, was sich Hallaschka, der "Die letzte Instanz" vor einigen Jahren auf der Hamburger Reeperbahn ohne TV-Kameras erfand, erhofft haben dürfte: Ernsthafter Widerspruch. Als Kalle Schwensen erklärt, es gebe in jeder Partei Idioten und die AfD sei genauso unwählbar wie die CDU, hält Micky Beisenherz dagegen und für einen kurzen Moment wird es etwas lauter. "Denkzettel werden nicht nur von Denkenden ausgestellt", fügt der Comedy-Autor später hinzu und klingt wie die Stimme der Vernunft. Man muss seine Meinung gewiss nicht teilen, aber mit seinen Aussagen belebt der Rotlicht-König zumindest die Diskussion.

Als es schließlich zur Abstimmung darüber kommt, ob es in Ordnung ist, aus Protest die AfD zu wählen, zückt Schwensen schließlich erkennbar unzufrieden eine grüne Karte. "Ich weige mich, diese Fragestellung hinzunehmen", moniert er und erntet dafür einen Tadel von Steffen Hallaschka: "Dann ist das für dich die falsche Sendung", hält der Moderator dagegen. Nach einer Stunde ist die Tagung der "letzten Instanz" schon wieder beendet und man fragt sich, ob das nun wirklich meinungsstärker war als bei den anderen, handelsüblichen Talkshows.

In einer Zeit, in der die gezielte Provokation vermehrt Einzug in die politische Debatten hält, wirkt diese neue Sendung im Dritten Programm vergleichsweise harmlos. Etwas mehr Reibung darf es in den nächsten Wochen also gerne geben. Raum für die eigentlich geplante Debatte über Sinn und Unsinn von E-Scooter blieb bei der Premiere übrigens nicht mehr. War aber ohnehin nicht nötig, denn Kalle Schwensen dürfte auch für den Rückweg das Flugzeug genommen haben.

"Die letzte Instanz" läuft sonntags um 22:15 Uhr im WDR Fernsehen.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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