West of Liberty © ZDF/Frédéric Batier
DWDL.de-Serienkritik

"West of Liberty": Zwei Spione zwischen Action und Relevanz

 

Wenn Wotan Wilke Möhring und Matthew Marsh als abgehalftertes CIA-Duo den Kopf eines Whistleblower-Netzwerks jagen, sind Ähnlichkeiten mit der Realität keineswegs zufällig. Die Serie nach Thomas Engströms Roman "West of Liberty" verwischt klare Fronten.

von Torsten Zarges
19.11.2019 - 10:12 Uhr

Ungewohnte Probleme erfordern kreative Lösungen. Wenn ein schwedischer Romanautor einen deutschen Antihelden erfindet und ihn in einen Spionagethriller mit etlichen amerikanischen Figuren in Berlin verwickelt, dann ist das auf bedrucktem Papier einfach machbar. Wenn sich jedoch ein schwedischer TV-Produzent entschließt, diesen Bestseller als Serie zu verfilmen, dann fangen die Fragen an: Wo? Mit wem? Und wer bezahlt's?

Gunnar Carlsson, seit "The Bridge" in internationalen Koproduktionen gestählt, wählte die Kölner ZDF-Beteiligung Network Movie als Partner. Die Finanzierung zu stemmen, dauerte stolze fünf Jahre. Schließlich entstand ein überwiegend in Nordrhein-Westfalen und Malmö gedrehter Sechsteiler, der von einer Schwedin und einer in Berlin lebenden Britin geschrieben, von einer Österreicherin inszeniert und von ZDF und SVT koproduziert wurde. "West of Liberty" kann sich trotz dieser Odyssee sehen lassen. Die Mühen der Macher haben sich gelohnt.

Im Zentrum der Handlung steht Ludwig Licht, der zu DDR-Zeiten als Doppelagent für Stasi und CIA eine große Nummer im Berliner Treiben der Spione war, heute ein leicht heruntergekommener Schatten seiner selbst, der sich mit eigener Kiezkneipe in Kreuzberg und gelegentlichen Botengängen für den alternden Chef der Berliner CIA-Station, Clive Berner, über Wasser hält. Dieses Duo funktioniert als dramaturgisches Gerüst hervorragend: zwei abgehalfterte Geheimdienstler, die einander brauchen, um es noch einmal allen zu zeigen. Wotan Wilke Möhring (Licht) und Matthew Marsh (Berner) holen aus ihren Rollen alles raus und überzeugen mit Schattierungen von Frustration, Selbstironie und Kampfesgeist.

Als Antagonist steht ihnen ein faszinierend-bedrohlicher Lars Eidinger in der Rolle des Lucien Gell gegenüber – eine Figur, die lose, aber unverkennbar an Wikileaks-Gründer Julian Assange angelehnt ist. Gell ist der untergetauchte Kopf des umstrittenen Whistleblower-Netzwerks Hydraleaks und wird von der CIA mit der Ermordung dreier Amerikaner in Marrakesch in Verbindung gebracht. Mit Hilfe von Faye Morris (Michelle Meadows), Gells ehemaliger Sprecherin, die dem Attentat nur knapp entkam, finden Licht und Berner heraus, dass er sich offenbar in der syrischen Botschaft in Berlin verschanzt hat.

Dass die Mischung aus Action, Thrill und weltpolitischer Relevanz stimmt, ist sowohl den Drehbüchern von Sara Heldt und Donna Sharpe als auch der Regie von Barbara Eder zu verdanken. Mehrfach wurde die Fiktion während der Dreharbeiten von der Realität eingeholt, was insbesondere das Spannungsverhältnis zwischen Assange und seinen zwischenzeitlichen Gastgebern in der Londoner Botschaft von Ecuador betraf. "West of Liberty" nimmt die heutige Unübersichtlichkeit geopolitischer Machtverschiebungen und die schwierige Abwägung von Verrat versus Loyalität ernst genug, um dem anspruchsvollen Zuschauer Futter für den Hintergrund zu bieten.

West of Liberty© ZDF/Carolina Romare
Faszinierend-bedrohlicher Antagonist: Lars Eidinger spielt Hydraleaks-Chef Lucien Gell

Auch wenn die Umsetzung etwas bodenständiger und weniger 'sophisticated' als bei "Homeland" ausfällt, kommt das zunehmende Verwischen klarer Fronten und moralischer Pole deutlich zum Ausdruck. Gleichzeitig lässt Eder es im entertainigen Sinne ordentlich krachen und formt mit starker Handschrift eine atmosphärisch dichte Erzählung. Obwohl nur wenige Szenen im echten Berlin gedreht wurden, bringt sie es sogar fertig, Lokalkolorit zu zeichnen – nämlich das eines düsteren, zerrissenen Berlin, in dem das vermeintliche Ende des Kalten Krieges bloß zu noch komplexeren Bedrohungen geführt hat. Carl Sundbergs Kamera und Erwin Pribs Szenenbild erweisen sich als kongeniale Unterstützung.

Dem deutschen Publikum überlässt das ZDF die Wahl zwischen zwei grundlegend verschiedenen Darreichungsformen von "West of Liberty", die unabhängig voneinander geschnitten wurden: einerseits die internationale Fassung mit sechs Episoden à 45 Minuten, die entweder im englischen Originalton oder deutsch synchronisiert in der Mediathek abgerufen werden kann; andererseits die stark gekürzte Zweiteiler-Variante mit zweimal 96 Minuten im linearen Hauptprogramm. Unsere Empfehlung ist klar: Der Erzählrhythmus funktioniert beim Sechsteiler wesentlich besser. Außerdem kommt ein Plus an Authentizität zur Geltung, wenn Möhrings Ludwig Licht das unperfekte Englisch eines langjährigen DDR-Agenten spricht. Da Thomas Engström nach "West of Liberty" noch drei weitere Ludwig-Licht-Romane geschrieben hat, wäre eine TV-Fortsetzung durchaus wünschenswert.

Die internationale Fassung von "West of Liberty" (6 x 45 Minuten) ist ab Dienstag, 19. November in der ZDF-Mediathek abrufbar. Der Zweiteiler läuft am 24. und 25. November jeweils um 22:15 Uhr im ZDF.


Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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