The Irishman © Netflix
Kritik zum Netflix-Film

Scorseses Mafia-Epos "The Irishman": IG Mord und Totschlag

 

Um beim Oscar-Rennen zu starten, lief Martin Scorseses Mafia-Epos „The Irisman“ mit den Mobster-Veteranen Pacino, de Niro, Pesci kurz im Kino. Jetzt startet die Eigenproduktion bei Netflix und zeigt, wie groß selbst konventionelles Hollywood sein kann, wenn es sich seiner Zeit bewusst wird.

von Jan Freitag
27.11.2019 - 16:25 Uhr

Wer 2019 im Kino Erfolg haben will, muss schon ganz schön tief in die Tasche greifen, idealerweise neunstellig, mit einer dicken 3 am Anfang. Martin Scorseses dürre 1 dagegen reicht im Kampf um die Top 10 der teuersten Blockbuster gerademal für alte Superstars wie Robert de Niro. Fast 160 Millionen Dollar, die dem Regisseur fürs nächste Mafia-Epos mit seinem Lieblingsitaliener zur Verfügung standen, wären für Kinoverhältnisse also spottbillig – ginge es bei "The Irishman" denn überhaupt um Kinoverhältnisse.

Wie im Streaming War genannten Krieg der Video-Portale üblich, wertet Netflix sein Hochglanzprodukt vorm heutigen Streaming nämlich nur deshalb kurz in einer wohldosierten Zahl kleiner Lichtspielhäuser aus, um sich dort die Chance auf ein paar Oscars zu wahren. So hat es der Marktführer mit dem Sozialdrama "Roma" vorgemacht, so macht es Steven Soderbergs CIA-Thriller "The Report" parallel für Amazon Prime nach, so machen die Novizen des Home-Entertainment den Platzhirschen nach Risikokapital und Spitzenpersonal auch das Renommee streitig. Es ist ein Wettlauf explodierender Etats, der durch den Einstieg von Disney und Apple ins Streaming-Geschäft noch weiter angeheizt werden dürfte.

Erst die unbegrenzten Mittel der Unterhaltungsmischkonzerne machen 762.000 Dollar im Ringen um Aufmerksamkeit ja finanzierbar: so viel hat "The Irishman" gekostet. Pro Minute! Ein Volumen, das den Preis der teuersten Netflix-Serie "The Crown" leicht verdreifacht. Da fragt sich: sind 160 Millionen für eine teilcineastische PR-Aktion im italo-amerikanischen Mafiakrieg der Fünfziger- bis Siebzigerjahre, die hierzulande 14 Tage in 42 oft leeren Kinosälen lief, angemessen? Nicht wenn man es nur als italo-amerikanischen Mafiakrieg der Fünfziger- bis Siebzigerjahre betrachtet.

Denn der wurde schon vielfach inszeniert: von Coppolas "Pate" über Ciminos "Sizilianer" oder De Palmas "Scarface" bis hin zu Scorsese selbst, dessen "Good Fellas" 1990 die Blaupause für "The Irishman" lieferte. Damals erledigte Ray Liotta als Cosa-Nostra-Killer Henry Hill die Drecksarbeit vom Paten Jimmy Conway, dessen Darsteller de Niro bei Netflix nun als Titelheld die Seiten wechselt und "Häuser streicht", wie Kopfschüsse unter Mafiosi heißen, wobei Joe Pesci hier zum legendären Mobster-Boss Bufalino aufsteigt, was das Personalkarussell noch längst nicht zum Stehen bringt…

Ob Harvey Keitel, Stephen Graham oder Ray Romano, Domenick Lombardozzi, Jessy Plemons und als Hochzeitssänger: "Lilyhammer"-Migrant Steven Van Zandt: Scorsese wühlt mit ähnlich nostalgischer Lust im personellen Fundus fiktionalisierter Bandenkriminalität wie im dramaturgischen. Wenn Robert de Niro als greiser Erzähler auf sein Leben als irischstämmiger Frank Sheeran zurückblickt, nimmt er uns demnach mit auf eine Zeitreise ins spießbürgerliche Nachkriegsamerika, wo wie in "Good Fellas" weder Pietismus noch Pepitahüte darüber hinwegtäuschen, wie dünn der zivilisatorische Firnis darüber war, während der historisch verbriefte Sheeran vom Fernfahrer Frank zum Auftragsmörder "The Irishman" aufsteigt.

Wie Martin Scorsese diese True-Crime-Story eines echten Cops nach Steven Zaillians Drehbuch zum Leben erweckt – das ist chromblitzendes Historytainment auf höchstem Hollywoodniveau, bei dem jeder Satz, jedes Bild, jede Bügelfalte sitzt wie aus der Wirklichkeit teleportiert. Weil sie trotz ihrer hirnspritzenden Brutalität aber auch makellos wirkt wie ein Waschmittelwerbespot, in dem Frauen einzig als serviles Accessoires schmutzender Kerle vorkommen, wäre "The Irishman" aber auch etwas redundant – hieße die zweite Hauptfigur nicht Jimmy Hoffa. Also jener legendäre Arbeiterführer, der 20 Jahre lang die mächtige Trucker-Union Brotherhood of Teamsters führte und vermutlich wegen seiner Nähe zur Cosa Nostra seit 1975 spurlos verschwunden ist.

Erst als Frank Sheeran nach einer von dreieinhalb Filmstunden sein Leibwächter wird, wandelt sich "The Irisman" von der schwelgerischen Kulissenschieberei zum reflexiven Politainment einer Epoche, in der Gewerkschaften noch stark waren und Männer frei von Selbstzweifel. Anders als Jack Nicholson unter Danny DeVitos Regie 1992, ist Scorseses Hoffa ein sexistischer Strippenzieher ohne Impulskontrolle und somit das Paradebeispiel des alten weißen Mannes, der nach jahrtausendelanger Misogynie endlich in der Krise steckt. Da Al Pacino ihn zugleich prinzipientreu fürsorglich darstellt, wird Hoffas Machismo bei aller Kriminalität aber auch zum Sinnbild einer Epoche, in der "die da unten" noch Seite an Seite gegen "die da oben" gekämpft haben und Solidarität nicht nur eine Wort war.

Im Gegensatz zur konventionellen Mafia-Erzählung, die durch Serien wie "Sopranos" oder "Gomorrha" längst entzaubert wurde, umweht die Klassenkampferzählung ein geschichtlich bedeutsamer Hauch im Sturm der Weltpolitik. Und während darin mit jedem Kennedy die Hoffnung auf eine Gesellschaft jenseits männlicher Selbstherrlichkeit stirbt, berichtet der digital verjüngte Robert de Niro im Altersheim von jener Zeit, in der Männer wie er noch unwidersprochen selbstherrlich sein konnten. Dass "The Irisman" sich dann weitere 60 Minuten Zeit nimmt, um dieses Alphatier in aller Ruhe beim Altersverfall zu beobachten, das macht "The Irishman" auch im Angesicht eines alten weißen Strippenziehers ohne Impulskontrolle im Oval Office zu ganz großem Kino. Obwohl – im Grunde ist es ja Fernsehen...

Der Film "The Irishman" steht ab sofort bei Netflix zum Abruf bereit

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