Fühlen Sie sich manchmal mal vom Leben überrumpelt und sind verwirrt, in welche Richtung es für Sie gehen soll? Sie waschen sich wohl nicht zwischen ihren Fußzehen. Diese simple Auflösung bekommt Ramy (Ramy Youssef) zu hören, als er seiner muslimischen Umgebung mitteilen möchte, dass er seine Glückseligkeit mit Mitte 20 noch nicht gefunden hat. Für die gläubigen Muslime in seinem Kreis ist klar, woran es außerdem liegt. Er wäscht sich nicht nur tadelhaft seinen Körper vor dem Gebet, sondern ist zudem noch single und Angestellter in einem Start-up. Eine Kombination, die auch der etwas aufgeschlosseneren Elterngeneration von Ramy noch einigermaßen sauer auf den Magen schlägt.

Doch sie versuchen ihr bestes und möchten Ramys neumodischen Lebensstil akzeptieren, indem sie ihre religiös behafteten Wünsche nur subtil unterstreuen. Seine Mutter versucht so beispielsweise Ramy dazu anzustiften, nach dem nächsten Salāt einfach mal etwas Extraeinsatz zu zeigen. Er weiß jedoch schnell, was sie von ihm will: "Die Moschee ist kein Ort, um Frauen anzusprechen! Was soll ich sagen: 'Kann ich die Nummer deines Vaters haben?'" - "Warum nicht?"

"Ramy", die neue Hulu-Comedy, die seit wenigen Tagen auch hierzulande bei Starzplay zu sehen ist, bietet frischen Humor wie diesen en masse. Die muslimische Kultur und all ihre Fragezeichen, die sie für ausländische Betrachter haben kann, werden in charmantester Form seziert und mit einem Zwinkern eingeordnet. Gerade der Islam kann Außenstehenden etwas streng vorkommen, weshalb es nicht selbstverständlich ist, wie smooth "Ramy" das Lehrstück gemeistert hat, diese Religion mit einer einladenden, anlachenden Umarmung zu repräsentieren.

Das liegt natürlich in erster Linie an Ramy Youssef selbst, der in der Serie zwar praktizierender Muslim ist, aber dennoch viele Dinge hinterfragt, die seine Eltern noch still mitgemacht haben. Youssef macht sich mit "Ramy" erstmals einen echten Namen, auch wenn er vorher bereits eine kleine Nebenrolle bei "Mr. Robots" und einen Stand-Up-Auftritt in der "Late Show with Stephen Colbert" hatte. Doch obwohl seine Vita noch nicht die längste ist, hat er mit der zehnteiligen Comedy, die von Hulu bereits um eine zweite Staffel verlängert wurde, bewiesen, dass dies auch gar nicht nötig ist, um hervorragende Arbeit abzuliefern. "Ramy" kann auf eine Stufe mit Aziz Ansaris "Master of None" gestellt werden, die seit 2015 zeigt, wie moderne Dramedy über Lebenssinnfindung auszusehen hat.

"Ramy" sticht vor allem mit der Einzigartigkeit des Kernthemas heraus: Wie kann ein hormongesteuerter, planloses Mittzwanziger sein Leben bestreiten, ohne die religiösen Ansichten seiner Familie & Freunde ins Lächerliche zu ziehen. Und wieso ist es überhaupt notwendig, dass es diesen Menschen recht gemacht werden muss, wenn es doch eigentlich um ihn, ein eigenständiges Individuum geht? Hulus Halbstünder offenbart damit nicht nur ein tolles How-To für Gleichgesinnte, sondern schlicht einen humoristischen Blick in eine Welt, der wir uns kulturell somit leichter öffnen können.

Selbstironie ist dabei der stetige Begleiter von Ramy und seinen Geschichten. So checkt Ramy beispielsweise stets seine benutzten Kondome mittels Wassertest auf Löcher, um ja zu vermeiden, seine jüdisch-amerikanisch-weiße Bekanntschaft geschwängert zu haben. In seiner Kultur wäre eine potenzielle Abtreibung nämlich etwas, das einer Todsünde gleichkommt. Als es mit ihr nicht so ganz klappen möchte, lädt er sich kurzerhand 'Muzmatch' runter – Tinder für Muslime, nur um kurzerhand festzustellen, dass er es vielleicht doch einfacher hat, sich einfach eine Frau von seiner Mutter aussuchen zu lassen.

An manchen Stellen fühlt sich "Ramy" etwas unentschlossen an - ganz so, als sei im Writers Room keine klare Entscheidung darüber gefallen, welcher Erzählstrang wann präsent zu sein hat. Charaktere ploppen mancherorts auf, ohne tiefergehend beleuchtet zu werden. Das geschieht dann plötzlich ein paar Episoden später. Dies ist jedoch Meckern auf absolut hohem Niveau, da Ramy Youssef mit seiner Debütserie eine spannend selbstsichere Performance abliefert, die in jeder Hinsicht beeindruckt. Ästhetisch fühlt sich "Ramy" ebenfalls wie viele andere, hochklassige Dramedys an, denen es gelang, einen melancholischen Vibe in wunderbaren Stand-Up zu tauchen. Ansonsten ist "Ramy" etwas gänzlich Einzigartiges.

Die erste Staffel von "Ramy" ist bei Starzplay zu sehen. Abgerufen werden kann das Angebot via Prime Video Channels.