Dignity © Storyhouse
DWDL.de-Serienkritik

Joyn-Serie "Dignity": Definitiv keine leichte Weihnachtskost

 

Etwas zu sehr unter dem Radar ist gerade die neue Joyn-Serie "Dignity" gestartet. Das Drama über die Colonia Dignidad, eine deutsche Sekte in Chile und seinen pädophilen Führer Paul Schäfer, ist definitiv keine leichte Kost. Und doch lohnt sich das Einschalten.

von Kevin Hennings
22.12.2019 - 13:23 Uhr

"Das ist Hausfriedensbruch!", brüllt Devid Striesow als Hofarzt der Colonia Dignidad den gerade angekommenen chilenischen Ermittlern entgegen. "Tenemos una orden de arresto del Sr. Paul Schäfer", erwidert die Gegenseite. Er stellt sich stur und erwidert, er könne sie nicht verstehen. "Entführung und Kindesmissbrauch. Wenn Sie nicht kooperieren, verhaften wir Sie gleich mit", wird der deutsche Auswanderer überrascht. Vor ihm steht nicht nur ein chilenischer Ermittler, sondern Staatsanwalt Leo Ramirez (Marcel Rodriguez), ein ehemaliges Mitglied seiner Kolonie. Ein junger Mann, der von seinem Chef, Paul Schäfer, vergewaltigt wurde. Etliche Fälle dieser Art soll es gegeben haben, weshalb er nun endlich seine gerechte Strafe bekommen soll. Doch Schäfer befindet sich nicht mehr in der Colonia Dignidad, dem Siedlungsareal einer christlichen Sekte. Angeblich, zumindest.

Diese wahre deutsch-chilenische Geschichte, die von Story House Pictures für Joyn, das Streamingportal von ProSiebenSat.1 und Discovery, umgesetzt wurde, erzählt von der Suche nach ihm und all den tiefen Narben, die er zahlreichen Menschen hinterlassen hat. Immer, wenn eines der Kinder in Schäfers Kolonie etwas "Schmutziges" getan hatte, musste es sich "reinwaschen" lassen. Ein Vorgang, den er im Badezimmer höchstpersönlich umgesetzt hat. "Nur Gott kennt deine Sünden", hört ein kleiner Junge ihn sagen. "Und ich. Das hier bleibt unser Geheimnis. Sonst wirst du in der Hölle brennen."

Dabei möchte "Dignity" keine Aufklärung des Verbrechens liefern. Die meisten Zuschauer werden bereits von der Colonia Dignidad gehört haben, oder aus Interesse googlen, sobald die neue Serie ins Blickfeld gerät. Die für Jahrzehnte in Chile aufrechterhaltene Sektensiedlung war eine von der Außenwelt und mit Wachtürmen abgeschottete Menschengruppe, die dem Ideal eines Führers gefolgt sind. Er versprach ein "urchristliches Leben im gelobten Land" und prophezeite eine angeblich drohende russische Invasion in Deutschland, um zum Start des Ganzen im Jahre 1961 zahlreiche Zögernde und Ängstliche mit nach Südamerika zu locken.

"Dignity" ist vielmehr eine serielle Offenbarung dafür, wie vernebelt Menschen jahrelang solche Umstände beobachten und geschehen lassen. Die Colonia Dignidad bestand zu ihren besten Zeiten aus 300 Mitgliedern, die alle ihre Augen verschlossen und die Verbrechen als einen Teil des Masterplans zurechtredeten. Auch die Bevölkerung des Umlands der Colonia wehrt jegliche Bemühungen der Judikative ab – Schäfer und seine Gefolgschaft werden geschätzt, weil sie so "nett" sind und als einzige Anlaufstation weit und breit eine Krankenstation bieten. Auch das chilenische Regime unter dem Diktator Augusto Pinochet möchte Schäfer schützen, da er ein Freund seiner Politik ist.

Selbst von deutscher Seite aus gab es viel Gegenwind gegen die Ermittlungen. Die Colonia Dignidad galt als hervorragender, deutscher Export, der zeigt, wie erfolgreich Deutsche ein anderes Land bereichern können. Die Zucht, Sauberkeit und Ordnung der ganzen Sekte wirkte wie ein Aushängeschild für die Qualität Deutschlands. Tatsächlich wirkt Paul Schäfer ein bisschen wie Pablo Escobar, der mit seinem Drogenhandel zwar ein Vermögen machte, dafür aber auch dank zahlreichen Spenden und Hilfestellungen einen angesehenen Stand hatte. Nur, dass Escobar hier ein masochistischer, pädophiler Mann ist, der sich wie ein Gott fühlt.

Wie ekelhaft er ungefähr gewesen sein muss, lässt Götz Ottos Performance nur zu gut vermuten. Sehenswert, wie er einen menschgewordenen Teufel zum Leben erweckt. Neben seiner unerträglichen Mimik gibt es in "Dignity" nämlich nur wenige weitere Dinge, die die schrecklichen psychischen und physischen Lasten darstellen. Genau hierin liegt die Schwäche von "Dignity": Die Macher um Regisseur Julio Jorquera Arriagada haben zu viel Respekt vor schmerzhaften Bildern bewiesen. Bis auf die Anfänge der ersten Episode werden emotional treffende Bilder sehr zaghaft gezeigt. Es wird sich mehr darauf verlassen, dass die Autoren einen guten Dienst abliefern.

Dem ist auch so. Doch "Dignity" bleibt auf diese Weise größtenteils ein fantastisches Hörbuch und nur zu einem gewissen Grad außerordentliches Fernsehen. In jedem Fall überrascht die Krimi-Serie mit einer Intensität - da muss man sich schon fragen, warum das Joyn nicht stärker in die Werbetrommel gehauen hat. Begründet werden könnte es damit, das "Dignity" schlicht keine Weihnachtskost ist, die sich gut zwischen Bescherung und Festmahl verdauen lässt.

Die achtteilige Miniserie "Dignity" steht bei Joyn Plus zum Abruf bereit. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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