The Passage © ProSieben
DWDL.de-Serienkritik

"The Passage" auf ProSieben: Blutleere Vampirapokalypse

 

Die Menschheit steht in "The Passage" einmal mehr vor dem Aus. Ähnlich wie beim Klimawandel, ist das mögliche Ende auch hier selbstprogrammiert. Doch so wirklich beißen möchte das Vampirdrama aus dem Hause Fox nicht.

von Kevin Hennings
08.01.2020 - 16:42 Uhr

Nachdem der Hype um Vampire vor einigen Jahren in ungeahnte Höhen getragen wurde, scheint er jetzt seinen nächsten Frühling zu feiern. Auf "Twilight", "True Blood" und "Vampire Diaries" folgen nun "V Wars", "Dracula" und "The Passage". Letztgenannte Serie startet am heutigen Abend auf ProSieben und basiert auf der erfolgreichen Roman-Trilogie des US-Autoren Justin Cronin, die 2010 mit "Der Übergang" ihren Lauf nahm. Der Ausgangspunkt der übernatürlichen Geschichte dürfte einigen bekannt vorkommen: In einer geheimen, medizinischen Einrichtung testen Wissenschaftler mit dem Projekt Noah ein Virus, das als Heilmittel für jede erdenkliche Krankheit dienen könnte. Der Worst Case sieht jedoch so aus, dass der Untergang der Menschheit eingeleitet wird. Einmal mehr herrscht in einer Sendung also Endzeitstimmung.

Die Regierung nimmt diese Gefahr in Kauf, als eine gefährliche Grippewelle die USA bedroht. Die Experimente, die zunächst mit südamerikanischen Fledermäusen durchgeführt wurden, sollen ab diesem Punkt verfeinert werden: Das extrahierte Virus scheint Menschen unsterblich machen zu können. Weniger Nebenwirkungen gibt es, umso jünger die Versuchsperson ist. Agent Brad Wolgast (Mark-Paul Gosselaar, "Nobodies") wird also beauftragt, eine auserwählte Testperson einzusammeln.

Dabei handelt es sich um das 10-Jährige Mädchen Amy Bellafonte (Saniyya Sidney, "Roots"), die aufgrund ihrer Obdachlosigkeit die perfekte Wahl darstellt. Zwei Probleme treten auf: Brad entwickelt einen ausgewachsenen Beschützerinstinkt für sie und die anderen Testpersonen werden immer bluthungriger. Das war natürlich nicht der Plan und auch die Protagonisten sträuben sich anfangs amüsant, das V-Wort auszusprechen. Allen voran Dr. Jonas Lear, verkörpert vom Ur-Sympath Henry Ian Cusick ("Lost").

Gesichter wie Cusick eines anbietet, an deren Performance man sich nicht satt sehen kann, sind in "The Passage" extrem wichtig. Wer das lyrische Original nämlich kennt, dürfte erstaunt feststellen, dass die Adaption des US-Senders Fox deutlich entschleunigter umgesetzt wurde. Alleine im ersten Teil der Trilogie werden mehrere Dekaden abgedeckt und Sprünge in verschiedene Genres unternommen. "The Passage" führt in der ersten Folge flott in die Story ein, drückt dann aber extrem auf die Bremse. Ein episches postapokalyptisches Drama darf hier nicht erwartet werden. Es handelt sich eher um Genussfernsehen, bei dem Zwischendurch auch mal in der Küche ein Joghurt geholt werden kann, ohne dass man großartig etwas verpasst.

Der Kniff der Serie liegt darin, dass ein kleines Kind für obskure Experimente genutzt werden soll. Das Zusammenspiel von Gosselaar und Bellafonte ist dementsprechend das Wichtigste der gesamten Produktion. Glücklicherweise stellt sie einen aufgeweckten Youngster dar, der locker mit dem manchmal etwas müde wirkenden 45-Jährigen mithalten kann. Das Duo bringt gut rüber, dass hier eine besondere Verbindung herrscht und dass sie sich zusammen gegen die ganze Welt stellen würden. An ein vergleichbares Pärchen wie Joel und Ellie in "The Last of Us" kommt das Ganze emotional aber nicht heran. An dieser Messlatte müssen sie sich einfach vergleichen lassen und sich eingestehen, dass die Charakterenthüllungen zeitlich auffallend weit gestreckt wurden. Das hätte knackiger und dementsprechend spannender funktionieren können. So kann anfangs gar nicht nachvollzogen werden, warum der unmoralische Agent plötzlich Herz beweist.

Das Absurdeste an "The Passage" ist wohl, dass es sich trotz der vielversprechenden Prämisse nie danach anfühlt, als ob hier wirklich etwas auf dem Spiel steht. Die Menschheit steht kurz davor, einer Vampirplage zu erlegen und dennoch wird der Spannungspunkt nie so gelegt, dass man wirklich mitfühlt. Verantwortlich dafür sind auch die zahlreichen Nebenstränge, die immer wieder vom eigentlichen Punkt ablenken. So erklärt Dr. Jonas Lear ausführlich, wieso er ausgerechnet dieses Virus einst testen wollte und was es mit der Vergangenheit seiner Kollegin Dr. Fanning auf sich hat, die nun auch ein Vampir zu sein scheint. Natürlich sind das Hintergrundinformationen, die die Geschichte lebendiger wirken lassen. Jedoch hätten sie besser eingesetzt werden müssen. Der Zuschauer müsste sich nach solchen Informationen verzehren, und nicht in der ersten Episode lieblos hingeschmissen bekommen.

Schade ist auch, dass sich die Macher um Schöpfer Liz Heldens ("Friday Night Lights") nicht entscheiden konnten, in welche Richtung es gesamtkünstlerisch gehen sollte. Während die Bücher bewusste Genre-Sprünge unternommen haben, bleibt "The Passage" ein Misch-Masch aus politischen Thriller, effekt- und erschreckungsarmen Horror, pseudo-philosophischen Hintergrundstimmen und seichtem Familiendrama. Es wirkt, als wäre die Brainstorming-Mind-Map komplett als Drehbuch adaptiert worden und Ridley Scott ("Alien"), der als Executive Producer hinter dem Projekt steht, hätte kein Mitspracherecht gehabt oder sich schlicht nicht drum geschert. Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb ProSieben die Serie innerhalb von nur drei Wochen abfrühstückt. Eine zweite Staffel hat Fox übrigens nicht in Auftrag gegeben. 

"The Passage" ist ab heute jeden Mittwoch um 20:15 Uhr bei ProSieben zu sehen. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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