The Circle © Netflix
DWDL.de-Serienkritik

"The Circle" auf Netflix: Reality-TV erreicht ein neues Level

 

Mit "The Circle" hat Netflix ein britisches Reality-Format adaptiert, das dem Genre ganz neue Möglichkeiten aufzeigt. In seiner ultramodernen Art unterhält der Beliebtheitswettbewerb weniger mit Fremdscham, als mit purer Freude am Spiel.

von Kevin Hennings
18.01.2020 - 12:04 Uhr

Herzlich Willkommen im "Circle", der 2020gsten Reality-TV-Sendung, die ein Mensch derzeit zu sehen bekommen kann. Setzen Sie sich und vergessen Sie bitte nicht ihre gewohnte Dschungelcamp-Erwartungshaltung, wenn klar ist, dass heute Reality-TV eingeschaltet wird. Ein Genre, das sich für durch und durch ironische Treffen mit Freunden etabliert hat. Ob nun "Der Bachelor" oder "Das Sommerhaus der Stars": So müssen sich die alten Römer gefühlt haben, wenn man aus seinem gemütlichen Sitz heraus beobachtet, wie sich Menschen aufs brutalste zerfleischen. Körperteile fliegen in den modernen TV-Adaptionen zwar nicht, jedoch allerhand Hüllen nach diversen Seelenstriptease, die nicht selten in kompletter Fremdscham enden. Mit "The Circle" beweist Netflix jedoch, dass dieses Genre noch so viel mehr kann.

Dabei fällt es der Erfindung, die ursprünglich aus England kommt und 2018 bei Channel 4 Premiere gefeiert hat, nicht leicht, dem ersten Eindruck standzuhalten. "The Circle" fühlt sich anfangs wie ein kruder Mix aus "Big Brother" und unangenehmen WhatsApp-Gruppen an und hält vor allem deshalb bei der Stange, weil das komplette Konzept so bescheuert wie faszinierend wirkt: Acht Spieler ziehen in ein Haus und beziehen jeweils ein hipstereskes Junggesellenbüdchen. Freundlicherweise wurden sie extra so gemütlich eingerichtet, damit sich die Kandidaten in ihrer Einsamkeit nicht so melancholisch fühlen. Denn der Clou ist, dass sich die Spieler nicht von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten.

Sie kommunizieren lediglich über den "Circle", ein Siri-Alexa-Cortana-ähnliches Programm, das durch Sprachsteuerung bedient wird. Sie alle müssen sich ein Social-Media-Profil erstellen und dürfen dabei komplett frei entscheiden, wie sie sich den anderen darstellen möchten. Während der schüchterne Shubham Goel sich dazu entschließt, komplett er selbst sein zu wollen, gibt sich Seaburn Williams künftig als seine Freundin Rebecca aus, während Sean Taylor ihre Rundungen verschweigt und Bilder ihrer Model-Freundin wählt. Wenn sich jemand verstellt, dann mit dem Ziel, so sympathisch wie möglich bei den anderen ankommen zu können. Der Gewinner des Spiels bekommt nämlich einen Check in Höhe von über 100.000 Dollar überreicht.

The Circle

Im Chat spielt sich das Meiste von "The Circle" ab - so wie im echten Leben

Gewinnen kann man in diesem Social-Media-Spiel natürlich nur, wenn man zur beliebtesten Person aufsteigt. Dafür werden am Ende jeder Folge Rankings erstellt. Diejenigen, die auf Platz eins und zwei stehen, werden Influencer und beschließen zusammen, wer vom Rest "geblockt" wird. Diese Person ist dann logischerweise die längste Zeit Teil des Spiels gewesen.

Das klingt furchtbar, oder?

Tatsächlich fühlt sich "The Circle" in der ersten Folge wie eine verkorkste "Black Mirror"-Persiflage an, bei der man es kaum fassen kann, wenn die Mitspieler 'LOL' oder 'weinendes Lachemoji' laut aussprechen, um es in den Chat zu schreiben, während sie in Wahrheit ihre steinerne Mine beibehalten. "The Circle" startet als perfekter Trash, der genauso wie all die anderen Formate wirkt, die sich nur über Menschen lustig machen, die sich gerne in Szene setzen.

Doch es dauert nicht lange, bis sich die Sendung zu etwas außergewöhnlichem entwickelt. Stereotype wie Joey Sasso als Ultra-Vorzeigemacho legen ihre eindimensionale Schale schnell ab und präsentieren fortan einen Kern, der mehr Tiefe beweist, als alle "Bachelorette"-Kandidaten zusammen. Der anfängliche Trash wandelt sich in atemberaubender Geschwindigkeit zu einer der besten Sozialstudien, die die noch so frische Dekade hätte bekommen können.

Interessant ist zum Einen, dass die meisten vorziehen, sie selbst zu sein, anstatt ein perfekteres Ich etablieren zu wollen. Es ist ein Spiel und sie könnten sein, wer sie möchten. Doch sie entscheiden sich lediglich dazu, gewisse Gemeinheiten unausgesprochen zu lassen und lieb zu bleiben. Diese selten zu sehende Magie kommt dadurch zustande, dass die Spieler isoliert agieren müssen. Dadurch entwickeln sich nur in absoluter Seltenheit große Streittiraden wie bei "Ich bin ein Star holt mich hier raus" und nein, das ist kein direktes No-Go für eine Reality-TV-Sendung.

"The Circle" beweist, dass solch ein Format nicht mit Hass durchtränkt sein muss, um unterhalten zu können. Die Spieler faken zwar oft Freundlichkeit, da sie ihre wahren Gedanken in ihren vier Wänden behalten können – doch richtige Antipathien entstehen selten. Was auch daran liegt, dass über vieles sachlich gesprochen wird. Das ist natürlich dem geschuldet, dass jeder sympathisch wirken und das Spiel gewinnen möchte. "The Circle" wirft die Frage auf, warum das nicht auch außerhalb eines Wettbewerbs so sein kann und der Mensch gerne argwöhnisch ist, wenn es um nichts geht. 

Der Bildungsauftrag hinter der Netflix-Produktion, die nun auch in Brasilien und Frankreich eigene Ableger bekommen soll, ist im Generellen nicht ohne. In unterhaltsamster Manier wird Social-Media dekonstruiert und von allen Ecken beleuchtet. Die Schattenseiten werden deutlich: Die Teilnehmer haben Angst, ihr komplett wahres Ich zu zeigen und kein Teil der Gruppe zu werden. Deutlich wird das vor allem bei den fünf weiteren Teilnehmern, die im Anschluss an die Stammprotagonisten noch in den Wettbewerb eingestreut werden. Sie werden analysiert und beinahe durch die Bank weg als "Fake" in Frage gestellt, ehe sie ihren Mehrwert bewiesen haben.

Doch in dem breiten Raum, den "The Circle" liefert, werden auch all die positiven Aspekte deutlich. Da die Spieler Zeit haben, um über ihre Kompagnos nachzudenken, kommen sie nicht selten zu dem Entschluss, das Beste und nicht das Schlechteste von ihnen erwarten zu wollen. Dementsprechend auch hier der Denkanstoß: Warum immer so schnell urteilen?

Zum Ende hin entwickelt sich "The Circle" zu einer wahren Reality-TV-Utopie. Es soll nicht zu viel verraten werden, aber geheuchelte Freude gibt es hier ebenso wenig, wie versteckten Frust. Natürlich werden im Laufe der insgesamt zwölf Episoden menschliche Schwächen entlarvt und gewisse Gemeinheiten ausgetauscht. Doch das hält sich in einem Rahmen, den es so auch auf jedem normalen Pausenhof geben würde. "The Circle" zelebriert die Tücken des Social-Media und verblüfft damit, dass die Sendung nicht nur aus Hasskommentaren besteht und seichte Fakereien spätestens dann fallengelassen werden, wenn man sich am Schluss gegenüber steht und in die Augen schaut.

Die erste Staffel der amerikanischen "The Circle"-Version kann bei Netflix gestreamt werden. 

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