Spides © NBCUniversal
DWDL.de-Serienkritik

"Spides" bei Syfy: Coming-of-Age auf Aliendroge

 

In der Syfy-Serie "Spides" nutzen Außerirdische ab heute Partydrogen, um die Welt zu unterjochen. Keine schlechte Idee - hätte sich Showrunner Rainer Matsutani vorher mal die Berliner Clubkultur angesehen und auch sonst auf einige Klischees verzichtet.

von Jan Freitag
05.03.2020 - 13:02 Uhr

Was illegale, angeblich harte Drogen sind und was erlaubte, vermeintlich weiche, ob also das Frankfurter Bahnhofsviertel Deutschlands größte offene Rauschgiftszene ist oder das Münchner Oktoberfest – hierzulande ist das zumeist eine Frage festgefügter Meinungen, nicht wissenschaftlicher Expertise. Über eins jedoch könnten sich beide Lager wohl einigen: wer nach dem Konsum bewusstseinsverändernder Mittel zombieschwarze Augen kriegt, geistesabwesende Manieren und zu allem Überfluss echsenartige Finger, der hätte letztere besser mal von diesem hier gelassen: Blis.

Zu dumm, dass es im Berlin der deutschen Syfy-Serie "Spides" grad die heißeste Partydroge ist. Besser als Sex, würde der heroinabhängige Renton in Danny Boyles Filmlegende "Trainspotting" sagen, besser als das verfickte Leben, würde die methsüchtige Rita in Christian Schwochows "Tatort"-Legende "Borowski und der Himmel über Kiel" hinzufügen. Denn besser als mit Blis, das zeigt sich nur Sekunden nachdem das lilaglitzernde Teufelszeug auf die Netzhaut geträufelt wird, kann man die Nächte dieser schillernd-verkommenen Fernsehhauptstadt kaum durchtanzen.

Aus Sicht der hedonistischen Jugend im Partyhotspot scheint also alles super – gäbe es da nicht diese leicht irritierende Nebenwirkung: Blis ist nämlich nicht nur ein Rauschgift, Blis ist der Stoff, mit dem insektenartige Aliens versuchen, die Erde zu unterjochen. Und das wiederum macht Blis zur wirksamen Grundlage eines Achtteilers, in dem der schwäbische Horror-Experte Rainer Matsutani nach eigenem Drehbuch gleich vier Boomgenres des neuen Kinos Fernsehen verknüpft: Drogenthriller, Coming-of-Age-Drama, Milieu-Mystery- und Science-Fiction.

Zu Beginn von "Spides" erwacht die 17-jährige Nora schließlich nach einer Überdosis Blis ohne Gedächtnis im Krankenhaus. Als sie sich von dort aus auf die Suche nach der verlorenen Zeit macht, kriegt sie es dann nicht nur mit der russischen Drogenmafia und einer seltsam willkürlichen Polizei auf deren Spur zu tun, sie stößt auch auf Geheimnisse ihrer eigenen Biografie – inklusive homoerotischer Abzweige und einer verschollenen Schwester, die mit tiefsitzender Kapuze schwerbewaffnet Aliens jagt, zu denen dummerweise auch ihr eigener Zwilling zählt.

Das ist zumindest in den ersten drei von insgesamt acht Stunden für deutsche Verhältnisse ordentlich inszeniert. Besonders die Luise-Neubauer-hübsche Hauptdarstellerin Rosabell Laurenti Sellers – bekannt als Tyene Sand aus "Game of Thrones" – weicht darin mit etwas zu strengem Blick und etwas zu schlechter Haut über etwas zu viel Babyspeck zwischen etwas zu großen Ohren angenehm ab vom Schönheitsideal makelloser Heldinnen. Auch das robuste Shishabar- und Plattenbauberlin ringsum wird vielfach von vergleichsweise authentischen Normalmenschen wie Noras Freundin Marie (Anna Bollard) bevölkert.

Leider teilen sie sich ihre Kulissen mit einer ganzen Armee außergewöhnlich klischeehafter Knallchargen, die für derart international besetzte Verhältnisse dann eben doch Teil einer ziemlich deutschen Serie sind. Das mysteriöse Krankenhaus etwa, in dem Nora offenbar mehr genutzt als geheilt werden soll, ist ständig in blaues Arzneimittelreklamelicht getaucht. Das Haus ihrer Eltern – gravitätisch gespielt von Desirée Nosbusch und Francis Fulton-Smith – erinnert in seiner sterilen Eleganz eher an kalifornische Küstenvillen als deutsches Spießbürgertum. Und was die Partyszene betrifft, hätte Rainer Matsutani seine Szenenbildner vorab vielleicht mal ins reale Berghain geschickt – dann wären seine Filmclubs nicht voller Models, die zu Stampftechno tanzen, als liefe in ihrem Kopf souliger Jazz.

In dieser lächerlichen Clubkulturkarikatur sind Drogendealer demnach flamboyante Freaks oder sexy Lederdominas, während die Wissenschaftler ein paar Panoramaflüge weiter blutleere Kitteldominas sind oder noch ulkiger: im Rollstuhl sitzen wie bei Dr. Seltsam. Warum über der Spree die Seemöwen kreischen, bleibt da ebenso rätselhaft wie die Besetzung der Polizei. Ganz normale Cops kann sich solche Oberflächenfiktion auf der Jagd nach Hunderten Jugendlicher, die nach dem Genuss von Blis verschwunden sind, jedenfalls nicht recht vorstellen – weshalb es vom Grace-Jones-Verschnitt Florence Kasumba und einer Vollbartkante namens Falk Hentschel im goldenen Strich-Achter verkörpert wird, die es vielleicht in Graphic Novels voller Zombies gibt, doch ganz gewiss in keinem Polizeirevier der Bundesrepublik.

Aber gut – um Authentizität geht es abseits der angenehm glaubhaften Hauptdarstellerinnen bei "Spides" auch gar nicht; es geht um das Gefühl, Babelsberg könne trotz ungleich kleinerer Budgets Hollywood. Von derlei Größenwahn ergriffen, dreht die Erzählung ständig am viel zu großen Verschwörungsrad, das Ordnungshüter ebenso mitreißt wie Ärzte, Mafiosi, Politiker, Geheimagenten, Asterix und Obelix, den Mann im Mond und vermutlich die Zahnfee. Das ist insofern schade, als Matsutanis Twist, Modedrogen als außerirdisches Unterwanderungselixier zu nutzen, echt gut ist.

Auch deshalb zählen die absurderen Momente, wenn halbtote Menschen als Wirte fieser Tentakelwesen missbraucht werden, zu den Highlights einer uneigensinnigen Mixtur aus "Breaking Bad" und "V – Die Besucher", der selbst eine Prise "Dark" nicht aus dem Strudel berechnender Effekthascherei hilft. Immerhin ist das Englisch der deutschen Produktion auch ohne Untertitel gut zu verstehen – falls es ab heute auf Syfy nicht nur die Synchronfassung gibt…

Syfy zeigt die erste, achtteilige "Spides"-Staffel ab sofort immer donnerstags ab 20:15 Uhr. 

Über den Autor

Jan Freitag arbeitet seit 2016 fürs Medienmagazin DWDL.de. Badet ebenso gerne in Hass auf liebloses Fernsehen wie er leidenschaftliches auch dann feiert, wenn es Trash ist. Mag Filme & Serien umso lieber, je größer der soziokulturelle Bogen ist.

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