Die Sat.1 Comedy-Konferenz © Screenshot Sat.1
Fernsehshows in Zeiten von Corona

"Händchen klein, wasch ich rein, ich fang mir kein Virus ein"

 

Das Fernsehen müht sich, das Publikum in Krisen-Zeiten zu unterhalten und entdeckt dabei neue Spielarten. Doch die meisten der bisherigen Experimente sind bislang wenig überzeugend. Jüngstes Beispiel ist die gut gemeinte "Comedy-Konferenz". Ein Kommentar.

von Alexander Krei
27.03.2020 - 11:16 Uhr

Versetzen wir uns für einen kurzen Moment in die Lage einiger Menschen, die Sat.1 am Donnerstagabend rekrutierte, um das derzeit abkömmliche Studiopublikum zu kompensieren. Mehrere Dutzend von ihnen mussten fast vier Stunden lang vor ihren heimischen Webcams ausharren, um es dem Sender zu ermöglichen, ihre Konterfeis auf zahlreiche, vor die Köpfe von Schaufensterpuppen montierte Tablets projizieren zu können. Wie viel Schmerzensgeld sie dafür erhielten und ob es Fälle von Sekundenschlaf gab, ist nicht übermittelt.

Fakt ist jedoch, dass die Lacher am Donnerstagabend trotzdem vom Band kamen. Das war auch bitter nötig, denn witzig war fast nichts von dem, was Sat.1 einigermaßen spontan in Form einer "Comedy-Konferenz" ins Programm nahm, auch wenn das das Gesicht von Moderatorin Ruth Moschner die komplette Show über das Gegenteil vermuten ließ. Daran konnte auch Hugo Egon Balder nichts ändern, der an Moschners Seite zu acht Comedians und Sarah Lombardi schaltete, die in den eigenen vier Wänden eine Kostprobe ihres Könnens ablieferten. 


"Wenn die Sendung nicht so gut läuft, geht sie wenigstens in die Geschichte ein", hoffte Witze-Erzähler Markus Krebs noch zu Beginn des Abends. Doch schnell war klar: Gut läuft die Sendung nicht. Und auf einen Eintrag in die Geschichtsbücher des deutschen Fernsehens deutete nur wenig hin. Hier ein Solo von Chris Tall, dort ein paar Witze von Guido Cantz – und dazwischen durfte Wigald Boning zeigen, wie sich aus einer Küchenrolle und zwei Plastikbechern ein Subwoofer basteln lässt. Life-Hacks in Zeiten von Corona. 

Viel mehr geht nicht, sagen Sie? Nun, Sarah Lombardi hatte für ihren Auftritt noch ein paar Kinderlieder vorbereitet - innerhalb von fünf Minuten, sagte sie. Und wer das Ergebnis hörte, hatte keinen Zweifel, dass ihre Kompositionen auch nur eine Sekunde länger in Anspruch nahmen. "Händchen klein, wasch ich rein, ich fang mir kein Virus ein", sang sie zum Beispiel. Oder: "Meine Oma wäscht im Hühnerstall die Hände." Die einzig erfreuliche Nachricht: Alessio geht’s gut.

Sarah Lombardi

Wahrscheinlich bot die "Sat.1 Comedy-Konferenz" nicht weniger Unterhaltungswert als eine gewöhnliche Ausgabe von "Willkommen bei Mario Barth". Allein, der Funke wollte nicht überspringen, weil eben etwas Elementares fehlt, wenn das Publikum nur aus Schaufensterpuppen besteht. Sicher, der Mut und die Kreativität, in Zeiten der großen Krise für Unterhaltung zu sorgen, ist den Fernsehsendern hoch anzurechnen. Nach mehreren Versuchen bleibt jedoch die Erkenntnis, dass der Charme von Video-Schalten äußerst überschaubar ist.

Dass daran sogar große Entertainer wie Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Oliver Pocher scheitern können, ließ sich in dieser Woche gut erkennnen. Über drei Abende hinweg konnte man bei RTL drei Entertainer beobachten, die einfach nicht entertainten. Die vorzeitige Absetzung kam für Sender, Protagonisten und Zuschauer gleichermaßen einer Erlösung gleich. Auch die sicherlich gut gemeinte Vox-Show "Live aus der Forster Straße" erwies sich am Abend vor der "Comedy-Konferenz" über weite Strecken hinweg als zähe Veranstaltung. 

Einzig Luke Mockridge scheint allmählich erkannt zu haben, was es braucht, um mit einfachen Mitteln eine einigermaßen unterhaltsame Show auf die Beine zu stellen. Sein kleines Vorabend-Format wirkt mittlerweile zunehmend rund – doch vom Publikum wurde diese Entwicklung bislang nicht honoriert, sodass fraglich ist, ob Mockridge noch lange zwischen "Klinik am Südring" und "Big Brother" witzeln darf. Weitere Experimente stehen bereits in den Startlöchern: Vom "Wohnzimmer-Festival" bei ProSieben bis hin zur Liebes-Show im MDR. Die Hoffnung, das Publikum damit gut zu unterhalten, ist nach den Erfahrungen der letzten Tage gering.

All diese improvisierten TV-Shows eint, dass sie in ihrer optischen Schlichtheit kaum abwechslungsreicher wirken als die Videocalls, die für Millionen Menschen derzeit im Homeoffice zum Alltag gehören. Das Fernsehen aber, vor allem die große Unterhaltung, lebt von bunten Bildern, schönen Bühnen und tollen Kostümen. Es speist sich aus der Illusion, die mit viel Aufwand und Liebe zum Detail entsteht. Die Corona-Krise raubt den Shows dagegen ihren Zauber. Wohnzimmer sind keine Bühnen und Puppen kein Publikum. Möge dieses Scheiß-Virus schnell besiegt werden.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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