ProSieben Wohnzimmer Festival © ProSieben
TV-Kritik zum Coronatainment von ProSieben

Retro-Feeling bei "Wohnzimmer Festival" in Max Conzes Büro

 

Noch so eine spontane Show in Corona-Zeiten? Doch das "Große ProSieben Wohnzimmer Festival" am Freitagabend überraschte mit launiger Moderation und einem Retro-Gefühl trotz mitunter auch hier oft mäßiger Video-Qualität.

von Thomas Lückerath
28.03.2020 - 07:35 Uhr

Das war episch, ganz unabhängig von der Quote. "Das große ProSieben Wohnzimmer Festival" endete am Samstagmorgen um 2 Uhr. Zwischenzeitlich wirkte es gar so als wolle man einen alten "Schlag den Raab"-Rekord (2:26 Uhr) brechen, doch auch so war es eine XXL-Show - und erfreulicherweise, eine die überzeugte. Das kann man nicht über viele Coronatainment-Formate der vergangenen Tage sagen. Die Qualität der Videoschalten in die Wohnzimmer, Aufnahmestudios und Badezimmer von nationalen und internationalen Künstlern war auch hier nicht das Highlight. Dafür aber eine starke Live-Moderation, viel Charme und die musikalische Bandbreite.



Seit Jahren tun sich Musiksendungen im deutschen Fernsehen schwer. In Zeiten von Social Media verlor das Massenmedium Fernsehen an Bedeutung für Künstlerinnen und Künstler, besonders aber für Plattenlabel. Mit Millionen von Followern auf eigenen Kanälen wirkten Auftritte in TV-Shows zunehmend aus der Zeit gefallen. Sie waren nicht mehr so attraktiv aus Marketingsicht. Umso bemerkenswerter, wie viele Gäste ProSieben für diesen Abend gewinnen konnten. Die Corona-Krise bringt zusammen. Nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer fühlten sich angesichts des prominenten Teilnehmerfelds, das selbst jede "Wetten, dass..?"-Sendung neidisch gemacht hätte, an frühere Zeiten erinnert.

Lena Meyer-Landrut eröffnete den Abend, bei dem sich danach immer wieder nationale und internationale Stars abwechselten und neben einem musikalischen Beitrag in den meisten Fällen auch einen Blick in ihr Zuhause gewährten, das Joko Winterscheidt und Steven Gätjen stets gerne inspizierten. Dabei waren u.a. Rita Ora, Dua Lipa, Mando Diao, Scooter, Josh Groban (der zunächst kopfüber zugeschaltet war), Patricia Kelly, Nico Santos, Mark Forster, Pur, Alle Farben, Felix Jahn, Luka Graham, Querbeat, Gentleman, Lotte, Justin Jesso und Giovanni Zarrella. Dem Aufruf von ProSieben folgten in den vergangenen Tagen so viele Künstler, dass die Show ohnehin schon bis 1 Uhr nachts geplant wurde - und trotzdem deutlich überzog.

Das all diese Stars nur zugeschaltet waren, machte "Das große ProSieben Wohnzimmer Festival" zur größten kleinen Live-Show, irgendwie minimalistisch aus dem Mangel heraus entstanden und trotzdem spektakulär. Was machte sie besser als andere Coronatainment-Formate? Sie klammerte die Krise bis auf Dankesworte an Helferinnen und Helfer für ein paar Stunden weitgehend aus, war damit Ablenkung und Fernseh-Lagerfeuer.  Moderiertes Musikfernsehen mit viel Small-Talk, einigen geplanten Comedy-Einlagen und sehr viel mehr ungeplanter Komik, die der außerordentlichen Moderation von Joko Winterscheidt und Steven Gätjen geschuldet war. Man fühlte sich zurückversetzt in Zeiten von VIVA und "Interaktiv".

Das Duo in Unterföhring war die Homebase der Sendung und konnte sich, im umfunktionierten Studio von "Red" sitzend, ohne Übertragungsverzögerung die schnellen Bälle hin und her spielen. Und das klappte so gut als hätten die beiden sich schon über Jahre von MTV über ZDFneo zu ProSieben moderiert. Ach, Stichwort Klaas Heufer-Umlauf: Den lud Winterscheidt im Laufe des Abends ein, doch mal anzurufen. Nur sei sein Handy im Studio natürlich auf lautlos. "Klaas, ruf doch einfach in Unterföhring an", schlug Gätjen vor. "Darf man sagen, wo wir hier sind?" Winterscheidt grinst: "Wir sind bei Max Conze im Büro." Beide lachen ob des Witzes über den rausgeworfenen Vorstandsvorsitzenden. "Komm, ließ schnell den nächsten Tweet vor." Die Talks mit den dazugeschalteten Gästen verlaufen selten wie geplant, dank Joko Winterscheidt.

Während Steven Gätjen Kurs auf ein vernünftiges Gespräch hält, gesteht Fanboy Winterscheidt etwa Spicegirl Mel C überschwänglich, was für ein Fan er früher war. So penetrant, dass sich Gätjen in dem Moment fast noch ein bisschen schämt. Es war ja erst 21 Uhr und niemand konnte ahnen, wie sehr das hier noch aus dem Ruder laufen wird. Zum Running Gag wurde die Förmlichkeit des Kollegen Winterscheidt. "Ich fang doch jetzt nicht an die Leute zu duzen! Ich hab' die Zuschauer seit 10 Jahren gesiezt!" Bei der Anmoderation des üblichen Gewinnspiels vor den Werbepause musste Gätjen immer wieder erinnern: "Wir duzen unser Publikum". "Ich hab ja seit Jahren keine Show mehr moderiert. Ich bin ja immer nur zu Gast in meinen Sendungen", entschuldigt sich Winterscheidt.

Als es irgendwann ausnahmsweise einmal klappt, lobt ihn Gätjen. "Du könntest echt mein Vater sein", kontert Winterscheidt lachend. Dass die Sendung nicht über die volle Strecke aussah wie eine Skype-Konferenz war der Atmosphäre sehr zuträglich. Auch die Vielfalt der Darbietungsformen half der Länge der Show: Viele Künstler spielten live im Moment, andere hatten tagsüber vorab ein Musikvideo aufgenommen (Mel C oder Querbeat), bei Dua Lipa war es die Deutschland-Premiere ihres regulären Musikvideos und manche Künstler bevorzugten für die Akustik das heimische Badezimmer für ihren Auftritt. Zwischendurch immer wieder das Duo Winterscheidt-Gätjen, sowie Teddy Teclebrhan dessen Beiträge im Laufe des Abends immer dadaistischer wurde.

In den letzten zwei Stunden der Show, die ProSieben komplett werbefrei zeigte, wurde dann auch noch gezaubert. Eine Schalte zu Ava Max irritierte, weil es nur Small Talk und gar keine Musik gab. Doch das und auch zwei aufgrund von schlechter Verbindung vorzeitig abgebrochene Auftritte weit nach Mitternacht, fielen kaum ins Gewicht. Auf Twitter war das  #WohnzimmerFestival am Freitagabend ein Phänomen für sich: Wo sonst mit Vorliebe Fernsehformate in der Luft zerrissen werden, gab es vom überwiegend jungen Publikum fast ausschließlich Lob und Begeisterung für diese Sendung, die weit davon entfernt war, technisch perfekt zu sein.

Herz und Seele attestierten jedoch viele Zuschauerinnen und Zuschauer. Es brauche nicht viel für eine gute Show, war recht häufig der Tenor. Um es klar zu sagen: In dieser Intensität war positives Feedback zu einer TV-Show selten zu lesen. Nur zwei Schalten, erst weit nach Mitternacht, müssen vorzeitig abgebrochen werden. Es traf u.a. Gentleman, aus dessen Performance man sich vorzeitig ausklinkte. Gätjen saß schon bereit im Studio, Winterscheidt kam etwas später und etwas außer Atem, von der Toilette zurück gesprintet. "Die Toilette ist doch gleich hier um die Ecke. 5 Meter entfernt", wundert sich Gätjen. "Ach", antwortet Winterscheidt. „Echt? Ich war hier noch nie. Ich hab noch nie 'red' moderiert.“

Lob gab es auch von Mark Forster: "Ihr habt weniger 'Ähs' in der  Moderation." Die Marathon-Modererier in Unterföhringer lobten dennoch höflich Forsters leider glücklose weil zähere Vox-Show, die am Mittwochabend lief. Witzig wurde es auch immer dann, wenn Winterscheidt und Gätjen so überhaupt nicht subtil Werbung für einige ProSiebenSat.1-Produkte machen musste. "Du wolltest mir noch diese Quiz-App zeigen", erinnerte Winterscheidt zwischendurch einmal. "Ich wollte nicht, aber ich mach es trotzdem", entgegnet Gätjen und preist die Quipu-App. Winterscheidt wiederum rät bei zu viel Zeit zuhause: "Schauen Sie ProSieben, oder Joyn. Oder wie das heißt, was wir alles haben."

„Herzlich willkommen zur längsten Show der Welt“, begrüßt Joko Winterscheidt um kurz nach Mitternacht bei der Rückkehr aus der letzten Werbepause. "So langsam werden wir hier verrückt." Spätestens als Teddy gegen 0.20 Uhr nochmals diazugeschaltet wird, drehen alle durch. Minutenlang schmeißen sich die drei Herren vor Lachen weg. Teddy will singen, brüllt aber regelrecht ins Mikrofon. "Was passiert hier?", fragt sich Gätjen. Das bleibt unklar, aber alle lachen und die gute Laune der absurden Situation ist ansteckend. So gegen 1 Uhr schaltet man zur Sängerin Lotte. "„Hast du morgen noch was vor oder ist es okay, dass wir dich jetzt noch stören?“. Der finale Auftritt kommt dann um 1.55 Uhr von Fury in the Slaughterhouse.

Zurück im Studio verabschieden sich Winterscheidt und Gätjen mit einem dank ans eigene Team und all die Helfer da draußen im Land. „Wir haben ja nix gelernt. Alles was wir zwei beisteuern können, ist eine Sendung wie diese“, sagt Joko Winterscheidt. Und man möchte ihm danken. Diese Show war speziell.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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