Im Namen des Volkes - So urteilt Deutschland © RTLzwei
DWDL.de-TV-Kritik

"Im Namen des Volkes": Hobby-Richter und Hackebeilchen

 

Wenn der Pfarrer oder eine Studentin in echten Kriminalfällen urteilen, dann ist das glücklicherweise bloß das Konzept eines TV-Formats. Die neue RTLzwei-Show "Im Namen des Volkes" rät mit zum Miträtseln ein. Aber taugt die Show für die Primetime?

von Alexander Krei
02.04.2020 - 21:15 Uhr

Dass ausgerechnet RTLzwei eine fast 50 Jahre alte Fernsehidee wiederbelebt, kommt nicht alle Tage vor. Über Jahrzehnte hinweg war "Wie würden Sie entscheiden?" ein fester Bestandteil des ZDF-Programms, nun wagt sich der Privatsender mit "Im Namen des Volkes" an eine ganz ähnliche Idee. Der Untertitel - "So urteilt Deutschland" - ist dabei nur bedingt richtig, denn nicht etwa das ganze Land bildet sich ein Urteil zu einem wahren Kriminalfall, sondern lediglich sieben Personen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. 

Das wahre Urteil kennen sie nicht, sodass Wunsch und Wirklichkeit zum Schluss miteinander abgeglichen werden können. Zunächst liefert ein Einspielfilm erste Fakten, aber auch Slomos und dramatische Musik. Kein Wunder, der Fall ist ernst: Eine Haushaltshilfe gesteht, einen Rentner getötet und ihn in seinem eigenen Garten vergraben zu haben. Aus Notwehr, wie sie sagt, denn der Mann soll sie zuvor belästigt haben. Aus Notwehr habe sie sich mit Messer und Axt verteidigt. Unklar bleibt jedoch, wieso die Frau die Spuren beseitigte und nicht die Polizei verständigte. Stattdessen erfahren die Juroren, dass die Haushaltshilfe stattdessen 20 Jahre lang unbemerkt die Rentenbezüge kassierte. 

Wie also würden der Pfarrer, die Finanzbeamtin, die Chemie-Studentin und die vier anderen Geschworenen entscheiden? Eine erste Abstimmung fördert ein breites Meinungsspektrum zutage: Die Bandbreite reicht von lebenslänglich bis Freispruch – und vor allem Letzteres sorgt für Diskussionen. "Du solltest kein Richter werden", mahnt einer der Juroren seinen Mistreiter. Und auch Inge, offensichtlich aus dem Ruhrpott stammend, tut ihre Meinung kund: "Dass sie mit dem Hackebeilchen zugeschlagen hat, das geht einfach nicht!" 

Aber es geht es wirklich nicht? Ein weiterer Einspielfilm in XY-Manier sorgt für einen Wandel im Meinungsbild - und selbst der Pfarrer schwenkt nun um von zehn Jahren Haft auf lebenslänglich. Danach wird wieder eifrig diskutiert. Moderator Alexander Stevens, der als Rechtsanwalt so etwas wie der Hüter des Gesetzes ist, hält dabei die Fäden in der Hand, ohne sich zu sehr einzumischen. Das treibt auch die Debatte auf dem Sofa voran. Spannend ist "Im Namen des Volkes" nämlich vor allem, weil man sich als Zuschauer schnell selbst eine Meinung bilden kann und somit, ähnlich wie die TV-Jury, die Rolle des Laien-Richters übernimmt. 

Leider wirkt die Sendung dennoch wegen ihres Laienspiels stellenweise eher so, als sei sie fürs Nachmittagsprogramm gedacht – und womöglich wäre sie dort in der Tradition der einst so beliebten Gerichtsshows tatsächlich besser aufgehoben als in der Primetime. Am Ende ergeht jedenfalls das Urteil: Auf fünf Jahre einigt sich die Jury – natürlich "im Namen des Volkes". Das wahre Urteil sorgt schließlich sogar für Tränen, die standesgemäß von Klavier- und Geigenmusik unterlegt werden. Das zumindest hätte es bei "Wie würden Sie entscheiden?" nicht gegeben.

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Ist Sesselsportler, von Bundesliga bis Darts-WM.

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