Tales from the Loop © Amazon
DWDL.de-Kritik zur neuen Amazon-Serie

"Tales from the Loop": Poetischer Sci-Fi-Balsam für die Seele

 

Als ob es geplant gewesen wäre, startet mit "Tales from the Loop" eine Serie, die perfekt zur momentanen Quarantäne passt. Nicht, weil die Amazon-Produktion selbst von einer erzählt, sondern weil sie diese für einen anhaltenden Moment vergessen lässt.

von Kevin Hennings
05.04.2020 - 13:30 Uhr

Serien, die aufgrund von Romanen oder Comics entstehen, sind schon lange keine Seltenheit mehr. Doch haben Sie schon mal von einer Serie gehört, die auf Gemälden basiert? "Tales from the Loop" hat seinen Ursprung in den Werken des schwedischen Künstlers Simon Stålenhag, der 2014 mit futuristischen Visionen Bilder unserer Welt zeichnete, die die sonst so aufregend erscheinenden Sci-Fi-Zukunftspielereien verblüffend entschleunigt haben. Filme wie "Interstellar" spielen mit den absurdesten Hoffnungen der modernen Wissenschaft, während "Tales from the Loop", ähnlich wie zugrunde liegende Bilderreihe, einen bedachten Schritt nach dem anderen macht. Die neue, auf Amazon zur Verfügung stehende Serie ist genau das, was man unter Slow TV im fiktionalen Bereich verstehen kann. 

Nathaniel Halpern ("Legion") hat sich den gleichnamigen Bildband von Stålenhag genommen und ein Drehbuch entworfen, dass eine Kleinstadt in der Nähe von Ohio zum Mittelpunkt eines Teilchenbeschleunigers macht. Dieser ruht unterirdisch, stellt oberirdisch jedoch die Welt auf den Kopf. Plötzlich begegnet eine der Protagonistinnen ihrer jüngeren Version, die Gravitation widerstrebt allen physikalischen Regeln und an AT-STs erinnernde Roboter durchstreifen die Wälder. Als Labor-Gründer der Teilchenbeschleuniger-Heimat wird Russ Willard (Jonathan Pryce, "Game of Thrones") eingeführt, der mit sanfter Stimme erklärt: "Jeder in der Stadt ist auf die ein oder andere Weise mit dem Loop verbunden - und du wirst viele ihrer Geschichten kennenlernen…wenn die Zeit gekommen ist."

"Tales from the Loop" folgt mehreren Einwohnern der Stadt, einschließlich Willards eigener Familie, die dank des Loops so manches Wunder erleben durften. Wunder, die sich Stålenhag, während seiner siebenjährigen Residenz am Stadtrand von Stockholm selbst gewünscht hat. Er zeichnete in seinen Bildern eine alternative Version Schwedens im 80er-Jahre-Stil, in der wiederauferstandene Dinosaurier, verlassene Sci-Fi-Maschinen und fliegende Schiffe mit knalligem Farbdesign inmitten einer vor sich dahinlebenden Gesellschaft Platz nehmen. Die nun zu "Tales from the Loop" entstandene Serie fühlt sich wie eben dies an, wie eine Welt, die durch die Augen eines fantasievollen Kindes gesehen wird. Gleichzeitig schwingt eine erwachsene Ruhe mit, die dafür sorgt, dass die einzelnen Bilder auch in der Serie lange genug angeschaut werden können, ehe die nächste Sequenz eingeleitet wird.

Ein solches Bilderband in eine insgesamt achtstündige Erzählung umzuwandeln, birgt eine gewisse Herausforderung, die in diesem Fall meisterhaft genommen wurde. So wie bereits die ursprünglichen Kunstwerke darauf ausgelegt sind, dass der Zuschauer sie ohne große Erklärung für sich interpretieren soll, erklärt auch die Serie kaum, was vor sich geht. Die Welt von "Tales from the Loop" ist einfach da und wir können ein Teil von ihr sein, wenn wir uns darauf einlassen wollen. Die Kameramänner und Bildgestalter Philip Messina ("The Hunger Games") und Jeff Cronenweth ("The Social Network") haben Stålenhags Gedanken mit ungeheurer Präzision in bewegte Bilder adaptiert und stets verstanden, was Sinn der Sache ist. Verziert werden die poetischen Bildstrecken mit feinen Orchestertönen - Violinstücke und Pianoeinsätze untermalen beinahe durchweg in Perfektion, welche Melancholie in "Tales from the Loop" mitschwingt. Verantwortlich waren dafür unter anderem Paul Leonard-Morga ("Limitless") und Philip Glass ("The Truman Show"). 

Es stimmt zwar, dass die Amazon-Produktion auf den ersten Blick wie ein ferner Verwandter von "Stranger Things" anmutet. Falls Sie jedoch darauf hoffen, Demogorgons dabei beobachten zu können, wie sie kleine Kinder auf ihren Retro-Fahrrädern jagen, muss ich Sie enttäuschen. "Tales from the Loop" erinnert eher an den düsteren Ton von "Dark". Der große Unterschied liegt jedoch darin, dass die Geschichte hier fest in einer Zeit spielt und nicht ständig hin- und hergereist wird. Denn auch das gehört zum Kredo Halperns Serie: Unnötige Ablenkung wurde komplette rausgestrichen.

Tales from the Loop

Box-Training der etwas anderen Art. 

Im Mittelpunkt eines jeden Episode steht ein Thema: Elterndasein, Sterblichkeit und Einsamkeit sind da nur einige wenige. Jedes Thema wird von einer Flut von Fragen umkreist, die untypischerweise keine vagen "Was-wäre-wenn"-Positionen beleuchten wollen, sondern direkt in den menschlichen Geist. Wie vermeidet man es, dieselben Fehler wie seine Eltern zu wiederholen? Wie tröstet man ein Kind, das mit der Realität des Todes konfrontiert wird? Wie lernt man, sich selbst zu lieben und mit sich selbst zu leben, geschweige denn mit anderen Menschen? Bei den Antworten wird es dann auch gerne mal erschreckend realistisch: "Es stellt sich heraus ... nicht alles im Leben macht Sinn."

Nicht immer werden Worte gewählt, um Antworten zu manifestieren. Dafür wussten alle Beteiligten viel zu gut, dass bereits Schöpfer Simon Stålenhag dies alleine mit Bildern schaffen konnte. "Tales from the Loop" ist eine ungewöhnliche Serie, die in ungewöhnlichen Zeiten wie diesen noch besser zur Geltung kommt. Denn wer es bislang immer noch nicht geschafft hat, die Krisenzeit für eine richtige Entschleunigung zu nutzen, könnte hier mehr als genug Hilfe finden.

Die achtteilige Mini-Serie "Tales from the Loop" steht bei Amazon ab sofort zum Streamen zur Verfügung. 

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