Prominent und obdachlos - Gosse statt Glamour © RTLzwei
DWDL.de-TV-Kritik

Prominent, obdachlos und jetzt auch noch bei RTLzwei

 

Mit "Prominent und obdachlos" will RTLzwei das Thema Obdachlosigkeit sichtbar machen, scheitert dabei aber an der Darstellungsform. Neben den paar wenigen hellen Momenten liefern die Promis auf der Straße vor allem eins: Selbstinszenierung.

von Timo Niemeier
20.04.2020 - 23:08 Uhr

In den vergangenen Jahren ist das Thema Armut auf unterschiedlichste Art und Weise im Programm von RTLzwei zu sehen gewesen. Der Sender hat der Thematik auch bereits einen gewissen Unterhaltungsfaktor hinzugefügt und Prominente von Hartz IV leben lassen. Nun dreht man das Ganze noch etwas weiter: In dem neuen Format "Prominent und obdachlos - Gosse statt Glamour" hat man drei Promis für 72 Stunden probeweise auf die Straße geschickt (so zumindest die Theorie), um den Zuschauern das Thema Obdachlosigkeit näher zu bringen. Das ist hier und da sehenswert, aber zu oft geht es um Show und billige Selbstinszenierung. 

Das geht schon bei der Vorstellung der Promis los. Elena Miras, Jens Hilbert und Christian Lohse haben sich auf das Experiment eingelassen. Sie alle sind der Überzeugung, dass in Deutschland heutzutage niemand auf der Straße leben muss, wenn er das nicht auch wirklich will. Anstatt sich mit den Problemen von Obdachlosen zu beschäftigen, vergeht ein großer Teil der Sendung mit der Vorstellungsrunde der Promis und mit der immer wiederkehrenden Betonung, wie reich diese sind und gut sie es doch haben.

Von Jens Hilbert etwa erfährt man Dinge, die man nie wissen wollte. Etwa die Tatsache, dass er sein Gesicht zu Hause gleich mehrfach in unterschiedlichen Formen auf seine Wohnungswände gebracht hat. Vier Kissen auf dem Sofa ergeben außerdem den schönen Schriftzug: J-E-N-S. Die meiste Arbeit hatten die Macher von Good Times wohl in der Postproduktion, weil so ziemlich alle Logos auf Hilberts Kleidungsstücken wegretuschiert wurden. Und es waren wirklich viele Logos. Elena Miras durfte ihre Schuhe (natürlich Louboutins, Sie erinnern sich!) in die Kamera halten und Christian Lohse lässt sich in einem Restaurant in Berlin bekochen, in dem sich angeblich die halbe Stadt trifft, bei den Dreharbeiten war aber nur Christian Lohse da. Der Profi-Koch trinkt dann auch sehr viel Wein und gibt zu Protokoll, dass er auf der Straße notfalls Wein klauen werde. 


Die Regeln sind für die drei Promis gleich: Sie müssen 72 Stunden auf der Straße leben und dort auch schlafen. Sie haben dabei nur das, was sie am Körper tragen und durften sich zuvor einen persönlichen Gegenstand sowie einen Luxusartikel aussuchen. Zu Beginn des Experiment bekommen sie zudem Isomatte, Schlafsack und einige Pfandflaschen gestellt. Diese Flaschen abzugeben, um an Geld zu kommen, sei Asi-Arbeit, sagt Christian Lohse. Elena Miras ekelt sich gar vor dem Anfassen der Flaschen. 

Obdachlosigkeit als witziges TV-Experiment

Und damit wäre das Problem von "Prominent und obdachlos" eigentlich schon wunderbar benannt. Vor allem Miras und Lohse nehmen das Experiment als solches nicht an und können das Problem von Obdachlosigkeit so nicht vermitteln. Während Lohse sehr arrogant auftritt, um nach wenigen Stunden schon das Handtuch zu schmeißen (was von der Produktion wirklich sehr anschaulich in Szene gesetzt wurde), findet Elena Miras alles irgendwie lustig und hält immerhin eine Nacht durch, danach gibt auch sie auf. Die Selbstinszenierung der Promis in der Sendung ist streckenweise kaum auszuhalten, weil die Protagonisten offenbar selbst nicht verstehen, wie groß das Problem tatsächlich ist. 

Das RTLzwei-Format hat aber auch gute Momente, was allen voran an Jens Hilbert liegt - JENS-Kissen und Fototapete zum Trotz. Er ist der einzige, der die vollen 72 Stunden durchhält und zudem der einzige, bei dem man das Gefühl hat, er spürt ehrliche Empathie. So spricht der Unternehmer in den zweistündigen Format mit mehreren Obdachlosen, hört sich ihre Geschichten an und kommt darauf, dass er anfangs vielleicht zu schnell über sie geurteilt haben könnte. In einer anderen Szene wird er von einer Dönerbude von einem Fremden beleidigt. Auch das geht unter die Haut, zeigt es doch, welchen Anfeindungen Menschen auf offener Straße auch heutzutage noch ausgesetzt sind, aus welchen Gründen auch immer. Ob Hilbert dabei wirklich als Obdachloser zu erkennen war, sei einmal dahingestellt. Normalerweise treten Obdachlose ja nicht mit einem großen Kamerateam auf. 

Darstellungsform wird dem Thema nicht gerecht

Das ist vielleicht die größte Stärke von "Prominent und obdachlos": Hier und da scheint immer mal wieder durch, wie hart es auf Deutschlands Straßen zugeht. Das Thema Obdachlosigkeit wird durch das Format immerhin ein bisschen sichtbarer, wenngleich es fraglich ist, ob es dazu wirklich Promis benötigt hätte. RTLzwei macht so viele Dokus und Reportagen, das wäre hier vielleicht auch die richtige Herangehensweise gewesen. Oder man hätte sich Promis suchen müssen, die das Experiment ernster nehmen und so mehr Erkenntnisgewinn hätten liefern können. Immerhin konnte man als Zuschauer etwas über die teilnehmenden Promis erfahren - sei es negativ (vor allem) oder auch positiv (eher selten). Nur das hilft leider keinem Obdachlosen dieser Welt weiter. 

Über den Autor

Timo Niemeier schreibt mit kleiner Unterbrechung seit 2014 für DWDL.de, er lebt in Wien und ist damit der Alpen-Beauftragte. Mag seichte Unterhaltung ebenso wie anspruchsvolle High-End-Serien, kann sich aber auch in Geschäftsberichten verlieren.

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