Deutscher © ZDF/Martin Rottenkolber
DWDL.de-Serienkritik zu "Deutscher"

Die ZDFneo-Serie mit der eingebauten Shitstorm-Garantie

 

Nachbarn als Spiegelbild einer polarisierten Gesellschaft: Die Miniserie "Deutscher" schickt zwei Familien durch Spaltung und Eskalation. Das gelingt in den kleinen Momenten mit Feingefühl. Wäre da nur nicht der Crime-Plot, der sich allzu viel vorgenommen hat.

von Torsten Zarges
28.04.2020 - 16:30 Uhr

Wenn man den Machern von "Deutscher" eines nicht vorwerfen kann, dann ist es Mutlosigkeit bei der Themenwahl. Von der Redaktion des Kleinen Fernsehspiels im ZDF ging der Impuls aus, die gesellschaftliche Polarisierung und ihre potenzielle Gefahr für die Demokratie auch im Fiktionalen zu beleuchten. Für die Finanzierung der ersten Konzeptphase nutzte man den ZDF-Innovationsfonds. Produzent Lasse Scharpen, damals noch bei Bantry Bay, und Autor Stefan Rogall kamen mit der starken Grundidee, das Phänomen der großen Spaltung auf die überschaubare Welt zweier Nachbarsfamilien herunterzubrechen.

Die Schneiders und die Pielckes leben seit Ewigkeiten Haus and Haus, Garten an Garten, irgendwo im deutschen Durchschnittsvorort. Man kennt sich, man hilft sich, die beiden Söhne sind beste Freunde. Die politischen Ansichten könnten freilich kaum unterschiedlicher sein: Als eine rechtspopulistische Partei die Bundestagswahl gewinnt, ist die linksliberale Akademikerfamilie Schneider erschüttert, während die konservative Handwerkerfamilie Pielcke frohlockt, dass nun "endlich aufgeräumt" werde. Von da an häufen sich die persönlichen Katastrophen, und auf beiden Seiten schreitet die Verhärtung schnell voran.

Wer mit einer derart aufgeladenen Geschichte im Setting der Normalität schockieren und aufrütteln will, hat den Shitstorm quasi schon einkalkuliert. Denn man muss geradezu die Grenzen der politischen Korrektheit überschreiten und auf manche Füße treten, wenn man vom Publikum mehr als ein müdes Gähnen erwartet. "Lindenstraßen"-Sozialdidaktik reicht im Jahr 2020 nicht mehr aus. Gleichzeitig bringt es die Fallhöhe mit sich, dass man genau wissen sollte, was man mit seinen Figuren und Konflikten anfängt.

"Deutscher" weiß das in vielen, wenn auch nicht in allen Situationen. Zum Gelingen trägt die eigenständige visuelle Grammatik der Miniserie bei, die sich recht konsequent durch alle vier Episoden zieht. Die Regisseure Simon Ostermann und Sophie Linnenbaum, beide Regiestudenten der Filmuniversität Babelsberg, zeichnen im Zusammenspiel mit dem Szenenbild von Roland Wimmer und der Kamera von Tom Holzhauser sowie Claire Jahn einen wiedererkennbaren Kosmos. Die ständige Fronttotale auf die beiden Nachbarshäuser – das eine rot, das andere blau, die Garagenauffahrten nur von einem schmalen Grünstreifen getrennt – hilft bei einer authentischen Verortung, die auch für etliche TV-Zuschauer auf der anderen Straßenseite liegen könnte. Eine Summe vieler Kleinigkeiten wie etwa das gegrillte Nackensteak auf der einen, das vegetarische Bio-Food auf der anderen Seite setzt die Atmosphäre.

Überhaupt sind die kleinen Momente hier die größten und gehen mit dem schauspielerischen Feingefühl der Hauptfiguren einher. Die Serie schlägt sich nicht auf eine Seite, sondern erzählt ganz unabhängig von der politischen Gesinnung liebenswerte Seiten wie charakterliche Schwächen in beiden Familien. Sanitärmeister Frank Pielcke (Thorsten Merten) mag sehenden Auges den falschen Leuten vertrauen, aber ist eben auch der sich abstrampelnde Kleinunternehmer, der Frau und Kind eine solide Zukunft bieten will.

Lehrer Christoph Schneider (Felix Knopp) mag idealistische, integrative Absichten verfolgen und sich dem Nachbarn insofern überlegen fühlen, doch für die wiederholte Gratisreparatur der Wasserleitung ist ihm dieser stets gut genug. Auf beiden Seiten entschärfen die Ehefrauen, Ulrike (Milena Dreißig) und Eva (Meike Droste), mit gesundem Menschenverstand den einen oder anderen Konflikt, tragen dann jedoch auch wieder zur emotionalen Eskalation bei. Die Söhne Marvin (Johannes Geller) und David (Paul Sundheim) finden ihre eigene Ebene, Pubertätsrebellion und Positionsnahme mit- und gegeneinander auszuspielen.

 

Das Experiment hätte also rundum gelingen können, wenn "Deutscher" sich nicht selbst zwei unnötige Fallen gestellt hätte. Zum einen lassen manche Dialoge und szenischen Abfolgen den moralischen Impetus dann doch ein bisschen zu stark durchspüren und weisen wie mit erhobenem Zeigefinger auf die Botschaft hin, dass passives Aussitzen keinen gesellschaftlichen Rechtsruck verhindert. Das wäre vielleicht noch verschmerzbar, weil es sich zwischen zahlreichen starken Szenen und vielschichtigen Figuren verspielt.

Doch vollends verhebt sich der Vierteiler an seinem Crime-Plot, der irgendwie alles mit allem verbinden will: den Brandanschlag auf einen türkischen Burgerladen, den die Familie von Davids Freundin betreibt, mit der Attacke auf einen von Evas Arbeitskollegen, mit Franks zwielichtigem Lehrling und mit noch einigem mehr. Dass das Ganze dann auch noch mit einem gefühlig-moralisierenden Finale aufgelöst wird, passt eher zum ZDF-Herzkino als zur durchaus ambitionierten Familienaufstellung in Zeiten der Polarisierung.

ZDFneo zeigt "Deutscher" in Doppelfolgen am Dienstag und Mittwoch jeweils ab 20:15 Uhr. Alle vier Folgen sind auch in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Über den Autor

Torsten Zarges ist seit 2013 Chefreporter des Medienmagazins DWDL.de. Stellt liebend gern Fragen – an deutsche Intendanten wie an US-Showrunner. Beruflich wie privat dreht sich bei ihm (fast) alles um Serien. Zitiert Selina Meyer: "Suck-up isn´t gonna fix a f***-up."

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