Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers © Joyn
"Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers"

Joyn lädt zur Uber-Fahrt: Schicksale in Fünf-Minuten-Happen

 

Ben Phillips hat sich in Sydney mehrere Jahre seine Brötchen mit Uber-Fahrten verdient. Seine Geschichten sammelte er in einem Blog, ehe sie beim australischen ABC auf Sendung gingen. Jetzt zieht Joyn mit einer deutschen Adaption der Sitcom nach.

von Kevin Hennings
28.05.2020 - 10:42 Uhr

Dass Humor nicht unbedingt viel Aufwand benötigt, um sein Wirkung zu entfalten, haben Serien wie "King of Queens" mannigfaltig bewiesen. Häufig ist es eben die Situation, aus der ein Lacher entsteht - nicht umsonst nimmt der Wortfetzen "Sit" die Hälfte der Genre-Bezeichnung "Sitcom" ein. "King of Queens", um beim Thema zu bleiben, beschränkte sich in seinen knapp 200 Episoden größtenteils auf den übersichtlichen Haushalt der Heffernans, und Bill Lawrence hat mit "Scrubs" eindrucksvoll gezeigt, dass selbst ein Krankenhaus mit all seinem Schmerz und Tod witzig sein kann, wenn gewisse Parameter erfüllt werden: Es braucht bloß einen Treffpunkt, an dem skurrile und exzentrische Charaktere aufeinandertreffen - schon ist die Situationskomik perfekt. 

 

Jetzt hat Joyn eine Sitcom veröffentlicht, die trotz eines überschaubaren Schauplatzes schier unendliche Möglichkeiten bietet, um das Publikum zum Lachen zu bringen: Ein Uber-Wagen. "Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers" nennt sich die Adaption, die auf der australischen Serie "Diary of an Uber Driver" basiert, deren Macher sich wiederum von den Blogeinträgen eines echten Fahrers inspirieren ließen. Ben Phillips, so sein Name, kutschierte jahrelang Fahrgäste in und um Sydney und erhaschte dabei so manchen Einblick in ein fremdes Leben, den er nicht mehr vergessen konnte. Von Menschen, die ihm ihr Herz nach einem gefloppten Date ausschütteten über Betrunke, die von einer Party ins Auto stolperten, bis hin zu solchen, die einfach jemanden brauchten, um wichtige Lebensentscheidungen zu überdenken, war offenbar alles dabei.

Als deutscher Ben Phillips wurde Kostja Ullmann eingestellt, der Hamburg zu seinem Ort des Get-Togethers macht. Der Vollzeitfahrer spielt die Fake-Referenz eines Kunden, der nur durch seine Hilfe an einen heiß begehrten Job kommt, mimt Tagestherapeuten für eine Krebspatientin und schenkt einem alten Mann die Aufmerksamkeit, die ihm seine einzige Tochter nicht geben möchte. Während er in seinem Job als Uber-Fahrer und Problemlöser in Personalunion immer wieder glänzt, erinnert bei Ben nach Feierabend vieles an eine Quarter-Life-Crisis. Die Mutter (gespielt von Claudia Eisinger) seines zukünftigen Kindes möchte nichts mehr von ihm wissen und auch die Jobwahl muss er sich immer wieder schön reden.

Ähnlich wie Joyns zuletzt gestartete Serie "MaPa", für die eigens die Kategorie "Sadcom" erfunden wurde, geht es also auch bei "Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers" nicht darum, einen Kalauer nach dem nächsten in die Welt zu feuern, ohne den emotionalen Kontext in Betracht zu ziehen. Deswegen war es wichtig, mit Ullmann einen Protagonisten zu finden, der so schrecklich nett und zuvorkommend ist, dass der Zuschauer einfach mit ihm sympathisieren möchte. Es wäre beinahe schon unmenschlich, dies nicht zu tun.

Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers

"Hey, kannst du der Referenz-Kontakt für einen möglichen Job sein?" - Kostja Ullmann (r.) wird zu Edin Hasanovics Rettung

Das Autor- & Regiegespann aus Georg Lippert und Julian Pörksen hat mit Bon Voyage Films exakt in den Gang geschalten, der diese feine Serie gemütlich in die richtigen Bahnen fahren lässt. Pörksen hatte in seiner jungen Karriere bereits zwei Mal bewiesen, dass ihm solche Geschichten liegen. Zum einen, als er mit seinem Filmedebüt "Sometimes we sit and think and sometimes we just sit" einen 50-jährigen Mann freiwillig ins Altenheim ziehen ließ, damit er dort mit seiner Passivität eine Fülle von Ereignissen auslöst. Zum anderen mit seinem ersten Langspielfilm "Whatever Happens Next", in dem er von einem Aussteiger und Taugenichts erzählt, der sein altes Leben hinter sich lässt und fortan dem Zufall frönt. Der gleiche Reiz spielt bei "Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers" auf: Der Zuschauer weiß nie, mit welcher Figur und Geschichte Ben als nächstes konfrontiert wird – sofern er nicht das Original gesehen hat, aus dem die meisten Storys eins zu eins übernommen wurden. 

In diesem Fall ist es aber alles andere als verkehrt, dass die deutsche Version zumindest in der ersten Staffel vor allem wie ein Remake wirkt daherkommt, schließlich bietet die Serie viele witzige Momente, die sonst ungenutzt im Schrank geblieben wären. Alleine der Einstieg in die erste Folge, als eine Kundin ohne Begrüßung einsteigt und mit ihrem Telefonat fortführt, in dem sie mal eben erläutert, weshalb sie plötzlich auf ihren Mann scharf wurde, als dieser einen Marder ermordete. Sollte es jedoch zu einer zweiten Staffel kommen, wäre es interessant zu sehen, welche Interaktionen ein deutscher Autor schaffen würde. In Australien wurde "Diary of an Uber Driver" bislang nicht verlängert. 

Potenzial hat Joyns neuestes Streich allemal. Während in mancher Konversationen rührend über das Leben philosophiert wird, sorgt das Aufeinandertreffen mit einem Ex-Drogenhändler in den darauffolgenden fünf Minuten für einen anhaltenden Lachflash. Dafür ist auch der hervorragende Cast verantwortlich, der neben Kostja Ullmann mit Auftritten von Fahri Yardim, Edin Hasanovic, Timur Bartels, Susanne Wolff und Pheline Roggan glänzen kann. Sie alle haben verstanden, worauf es bei einer Sitcom ankommt.

Alle sechs Folgen der ersten Staffel von "Aus dem Tagebuch eines Uber-Fahrers" sind ab sofort bei der Premium-Version von Joyn zu sehen. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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