© ndF / spinTV
Was planen ndF und spinTV?

"Ein deutsches 'Game of Thrones'? Das ist nicht undenkbar"

 

High-End-Serien sind weltweit gefragt. Für den deutschen Markt erwartet ndF-Chef Eric Welbers diesbezüglich ebenfalls mehr Möglichkeiten. Wachsen will das Produktionshaus aber auch abseits der Fiction - nicht zuletzt durch den Einstieg bei spinTV.

von Alexander Krei , Köln
05.04.2018 - 12:38 Uhr

"Die MIP besitzt noch immer einen wichtigen Stellenwert. Nach über 40 MIPs bin ich allerdings froh, nicht mehr nach Cannes reisen zu müssen, um Programm zu verkaufen", sagt Eric Welbers. Seit fast drei Jahren ist Welbers inzwischen Geschäftsführer der ndF: neue deutsche Filmgesellschaft, nachdem er ab 1996 für Jan Mojto tätig war – zuletzt in der Geschäftsführung der Beta Film, wo er sich unter anderem um den internationalen Vertrieb und Ko-Produktionen kümmerte. Wenn er in wenigen Tagen die Fernsehmesse in Südfrankreich besucht, dann wird es für ihn vor allem um Koproduktionen und Formate gehen – so wie auch schon beim letzten Mal, als sich die Produktionsfirma die Rechte an "Parenthood" von Universal geangelt hat.

Im Fokus hat Welbers dabei nicht nur den deutschen Markt, auch wenn die ndF zu den größten unabhängigen Produktionshäusern des Landes zählt. "Aus meinem internationalen Netzwerk heraus blicken wir heute etwas stärker über die Landesgrenzen", erzählt er im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de. So wurde beispielsweise in Italien die Produktionsfirma Viola Film gegründet, die aktuell ihren ersten Kinofilm dreht und noch in diesem Jahr für die RAI eine Serie über die Liebesgeschichte zweier Menschen mit Down Syndrom realisieren wird. Auch eine Umsetzung in Deutschland hält Welbers für denkbar.

Generell denkt Welbers gerne groß. "Mein Traum wäre es, in Deutschland mal so etwas zu machen wie 'The Crown' oder 'Game of Thrones'", sagt er und wischt mögliche Zweifel gleich selbst beiseite. "Das ist überhaupt nicht undenkbar. Wieso sollte das hier nicht gehen?" Die Voraussetzungen dafür würden gerade geschaffen, auch wenn Deutschland hinsichtlich des Produktions-Outputs für High-End-Serien aktuell noch hinterherhinkt. "Da braucht man Sender und Partner, die sich das Große und Anspruchsvolle leisten wollen", meint Eric Welber. "Die Exklusivität der Inhalte wird das entscheidende Kriterium für den Wettbewerb unserer Branche in den nächsten Jahren sein."

Das Know-How dafür ist nach Ansicht des ndF-Chefs in Deutschland schon jetzt vorhanden. "Aber natürlich müssen Drehbuchautoren oder Regisseure erst einen Lernprozess durchmachen. Wenn man sehr gut davon lebt, über Jahre oder gar Jahrzehnte eine Serie zu machen, dann kann man das niemanden vorwerfen. Erst wenn die Zuschauer und die Inhalteanbieter, auch andere Serien-Genres verstärkt nachfragen, wird es auch für Regisseure und Drehbuchautoren mehr Möglichkeiten geben zu lernen." An der Schwarzmalerei mancher Kollegen will sich Welbers jedenfalls bewusst nicht beteiligen. Dem Markt gehe es trotz der Konsolidierung der Branche insgesamt gut – auch, weil es für Produzenten viel mehr Möglichkeiten gebe als noch vor ein paar Jahren.

"So positiv wie sich die Branche derzeit bewegt, wollen wir auch davon profitieren", betont der Geschäftsführer. Aber freilich gibt es auch noch das Brot- und Buttergeschäft, zu dem etwa "Der Bergdoktor" zählt, der im ZDF noch immer rund sieben Millionen Zuschauer erreicht, darunter eine auf erstaunliche Weise wachsende Zahl jüngerer Fans. Ein Erfolg, der stolz macht, wie der ndF-Geschäftsführer betont. "Man steckt das immer so gerne in die Heimatkiste, aber es ist keine klassische Heimatserie, sondern ein Medical-Shakespearean-Drama", erklärt Welbers. "Es gibt weltweit vermutlich keine Serie im medizinischen Bereich, die so berührend und tiefgehend erzählt. Teilweise machen wir Fälle, die sich die Amerikaner nie trauen würden."

Mit Entertainment und Factual wachsen

Doch wachsen soll die ndF nicht nur im fiktionalen Bereich, sondern auch im Entertainment- und Factual-Genre, das man schon jetzt mit dem Dauerbrenner "Aktenzeichen XY" bespielt. Um diesen Bereich weiter zu stärken, hat sich die ndF kürzlich an der Kölner Produktionsfirma spinTV beteiligt, die in der Vergangenheit beispielsweise mit der Bundeswehr-Serie "Die Rekruten" bei YouTube für Furore sorgte. "Die Partner, mit denen wir zusammenarbeiten, sind nicht dieselben wie die der spinTV – das ist also durchaus komplementär und wird uns gemeinsam nach vorne bringen", ist sich Eric Welbers sicher. Und auch Thomas Luzar, der spin TV im Jahr 2000 zusammen mit Reinhold Geneikis gegründet hat, ist voller Erwartungen: "Das bringt uns weiter – und zwar nicht nur finanziell."

So helfe die ndF beispielsweise dabei, Buchrechte zu erwerben oder in Köpfe zu investieren. Gerade erst wurde mit dem Musikjournalisten und YouTuber Rooz Lee ein Joint-Venture gegründet, "weil wir an das Thema, aber auch an seine Person glauben", wie Luzar gegenüber DWDL.de erklärt. Dabei macht er auch deutlich, dass er keineswegs nur auf die großen Millionen-Reichweiten schielt. "Ich liebe die Nische. Ich liebe es, Programme für Zielgruppen zu produzieren." spinTV agiert daher auch nicht Format-getrieben. "Uns war und ist es wichtig, Formate aus eigener Kraft zu entwickeln und zu produzieren. Das heißt nicht, dass wir nicht auch mal das ein oder andere internationale Format für den deutschen Markt optionieren oder erwerben. Aber unsere Leidenschaft liegt ganz klar in der Eigenentwicklung."

Für die Zukunft setzt Luzar aber auch auf das internationale Netzwerk, das Welbers und die ndF mitbringen – und auf Anknüpfungspunkte, etwa wenn zu Filmen und Reihe die passenden Dokumentationen beigesteuert werden können. "Am Ende verfolgen wir die gleiche Absicht: Wir erzählen Geschichten", sagt Eric Welbers. "Aber spinTV erzählt eben Geschichten auf eine ganz andere Weise, mit einem Know-How das wir bis jetzt so nicht haben." Nun steht für ihn allerdings erst einmal die Reise nach Cannes auf dem Plan – mal wieder, möchte man hinzufügen. Vor allem freue er sich auf den neuen Festival-Gedanken, der der MIPTV bislang noch fehlte. "Ich bin gespannt, wie das funktionieren wird."

Über den Autor

Alexander Krei ist seit 2009 Redakteur beim Medienmagazin DWDL.de. Liebt die große Fernsehshow ebenso wie das kleine Kammerspiel. Analysiert neue Formate und die Quoten am Morgen danach. Sport mag er am liebsten, wenn er in der Glotze läuft.

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