Freddy tanzt © WDR/Colonia Media/Martin Valentin Menke
Hans Hoffs Mordsschau

Kölner "Tatort": Ritual mit Betroffenheits-Liturgie

 

Auf den Kölner "Tatort" ist Verlass: Wie so oft liefern Ballauf und Schenk auch diesmal wieder Betroffenheitsfernsehen. Hans Hoff über eine hanebüchene Geschichte, eine schwache Inszenierung und fehlende Überraschungen...

von Hans Hoff
31.01.2015 - 11:35 Uhr

Es ist mal wieder Zeit für Betroffenheit. Heute fühlen wir alle mit jenen verlorenen Seelen, die ihre Nachbarn nicht mehr kennen, die ein vereinsamtes Leben führen und das Leid, das direkt hinter ihren Wänden stattfindet, ignorieren. Schluchz. Buhu. Wo das nur hinführt? Schlechte Welt. Willkommen im Kölner „Tatort“.

Kommissar Max Ballauf ist auch so einer von den Nichtwissenwollern. Von einer Nachbarin, die ihren Sohn vermisst, wird er unter der Schlafmaske weggerissen und um Hilfe gebeten. Aber er versteht sie nicht. Er begrüßt sie recht herzlich als Neuankömmling in diesem Haus. Sie sagt, dass sie in diesem Haus seit 17 Jahren lebe. Ballauf guckt doof und betroffen. Also eigentlich wie immer.

Es ist diese frühe Szene, die den Kenner eigentlich zum Abschalten bewegen sollte. Danach kommt nichts mehr, was man nicht erahnen könnte. Ist halt Kölner Betroffenheitsfernsehen im „Tatort“-Gewand. Da haben alle Menschen eine andere, eine dunkle Seite. Ballauf will von den anderen nur beruflich etwas wissen, sein Kollege Freddy tölpelt auf Freiersfüßen durch die Gegend, und knallharte Männer mögen heimlich Jungs während geniale Musiker auf der Straße leben und von bösen Boni-Bankern aus dem Klischeehandbuch beschimpft werden.

Ein Obdachloser wurde tot gefunden. Kurz vor seinem Ableben sah man ihn in einer schicken Bar Klavier spielen. Sehr besonders spielte er Klavier. So besonders, dass ihn der Wirt nach einer halben Stunde rausschmiss. Weil er die Banker, die gerade ihre Boni feierten, störte. Weil er nicht passte. Weil keiner sich für ihn interessierte. Auch nicht in dem Haus, wo er später mit blutverschmiertem Gesicht klingelte und wo fast nur Menschen mit doppelter Existenz leben.

Es ist so furchtbar hanebüchen, was sich Autor Jürgen Werner da zusammengereimt hat, dass man sich nicht vorstellen kann, wie ausgerechnet dieser Jürgen Werner die genialen Dortmunder „Tatort“-Ausgaben fertigt, wenn er für Köln solch eine Grütze abliefert. Nimmt er da nur das, was beim Schreiben der Dortmunder Episoden vom Tisch fällt? Vielleicht ist es aber auch die Inszenierung von Andreas Kleinert, die diesem Stück Fernsehen den Rest gibt.

Eigentlich ist es ohnehin wurscht, denn dieser Film kommt ja nicht nur mit der dicken Moralkeule um die Ecke, er ist dazu auch noch gähnend langweilig. Alles dauert, alles zieht sich. Man möchte das Wörtchen Krimi gar nicht erst in den Mund nehmen. Ist es schon ein Krimi, wenn behauptet wird, irgendetwas sei unklar, obwohl doch jeder Zuschauer schon nach zehn Minuten weiß, wo das alles hinführt?

Oder ist genau das das Rezept für einen erfolgreichen „Tatort“. Dass man die Handlung so gestaltet, dass jeder mitsingen kann? Handlung wurscht, Figuren wurscht, Hauptsache, das Ritual stimmt. Die Liturgie des Sonntagabendgottesdienstes der „Tatort“-Gemeinde muss stimmen. Immer gleich. Keine Überraschungen bitte.

Man könnte sagen, dass Freddy Schenk ein bisschen abgenommen hat, dass es trotzdem komisch aussieht, wie er sich nach einer großen Enttäuschung einsam auf der Tanzfläche dreht. „Freddy tanzt“ heißt diese Folge, aber mit Tanz hat das wenig zu tun. Es gleicht dem ungelenken Versuch, innere Befindlichkeit in Bewegung zu transferieren. Allein, es gelingt nicht.

Kölner „Tatort“. Wie immer. Ballauf und Schenk bitten zur Messe. Schön Hände falten und hoffen, dass es bald vorüber ist.

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