Die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten realistisch und gleichzeitig spannend in Serienform zu gießen ist eine ganz besondere Herausforderung. Meist sind es stereotype Rollen, die Drehbuchautorinnen und Drehbuchautoren zeichnen - hier der rücksichtslose Paparazzi, da der nervige Reporter, der vermeintlich nur das Schlechteste für die Objekte der Berichterstattung will. Wie es auch anders geht, zeigte vor mittlerweile mehr als zehn Jahren die ausgezeichnete HBO-Serie "The Newsroom". Nun hat sich das ZDF im Rahmen der European Alliance (also zusammen mit France Télévisions und Rai) an einer Journalismusserie versucht - und scheitert damit auf ganzer Linie.
"The Kollective" heißt das Werk, das von der niederländischen Produktionsfirma Submarine produziert wurde und für sich in Anspruch nimmt, an reale Vorbilder wie das investigative Recherche-Netzwerk Bellingcat angelehnt zu sein. Produzentin ist dann auch Femke Wolting von Submarine, die den mit einem Emmy ausgezeichneten Dokumentarfilm "Bellingcat - Truth in a post-truth World" verantwortete. "The Kollective" hat dann aber in etwa so viel mit Bellingcat zu tun wie investigativer Journalismus mit Klatschblättern der Yellow Press.
Inhaltlich geht es in der Serie um das europäische Rechercheteam "The Kollective", das investigativ arbeitet, um internationalen Verschwörungen, Desinformation und Korruption auf die Spur zu kommen. Dabei verzettelt man sich aber zwischen verschiedenen Handlungsorten und Geschichten, die nur lieblos miteinander verbunden sind. Zum Auftakt kommt ein britischer Reporter in der Demokratischen Republik Kongo bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Bei "The Kollective" glauben sie nicht an einen Zufall, beginnen zu recherchieren und landen in einer globalen Verschwörung im brutalen Wettstreit um seltene Erden.
Die Mitglieder der Journalismusgruppe, die über ganz Europa verteilt sind, trifft sich in Folge des Flugzeugabsturzes mal eben so von jetzt auf gleich in London, als sei es das normalste der Welt. Vor Ort können sie nur wenige Indizien für einen Anschlag zusammentragen. Weil einer von ihnen aber ein sehr starkes Gefühl hat, geht die Recherche weiter. Es soll nicht die einzige Ungereimtheit im Verlauf der sechs Folgen bleiben. Delia, gespielt von Céline Buckens, lehnt es zunächst kategorisch ab, mit einer anonymen Quelle zu sprechen und artikuliert ihre Angst, dass The Kollective dadurch seine Glaubwürdigkeit verlieren würde. So als müsste sie die Infos dieser Quelle veröffentlichen - oder könnte sie danach nicht weiter recherchieren, um Infos hart zu bekommen.
Relevante Themen, zu hastig umgesetzt
Später besorgt sich Josh (Gregg Sulkin) die Telefonnummer der anonymen Quelle, ruft sie an und es entsteht ohne großen Widerspruch ein Videocall. Kurz darauf reist Josh nach Kinshasa und besucht die Frau, die angeblich so viel Wert auf Anonymität legt. Hier kommt die eigentliche Geschichte langsam ins Rollen: Es geht um Korruption rund um das begehrte Erz Coltan, Einfluss durch Russland und Auswirkungen von Desinformationskampagnen und Deepfakes.
Es sind eigentlich aktuelle und relevante Punkte, die "The Kollective" zum Thema macht. Dass die Serie nicht zündet, liegt daran, dass unendlich viele Bälle in die Luft geworfen werden, die dann aber nicht sinnvoll aufgefangen werden. Die Serie spielt in Kinshasa, Nantes, London, Amsterdam, Berlin, Budapest, Moskau, Riga oder auch Sankt Petersburg - es ist einfach viel zu viel, weil die verschiedenen Handlungsorte und Geschichten viel zu schnell abgearbeitet werden. So als wollte man möglichst viel Stoff in sehr wenig Zeit unterbringen.
Die Macherinnen und Macher erzählen einerseits die Geschichte eines Oppositionspolitiker im Kongo, gleichzeitig aber auch die von dubiosen Russen. In Ungarn wird dann noch eine andere Journalistin, die The Kollective hilft, bedroht. Und natürlich müssen immer auch wieder private Probleme der Journalisten gelöst werden. Allen voran der Vater von Aaron (Felix Mayr) steht im Mittelpunkt, dieser ist ein berühmter Konzertpianisten und wird verkörpert von Moritz Bleibtreu. In der Vergangenheit war er aber ein schlechter Vater, was Aaron dann auch ein Kamerateam wissen lässt, das an einer Doku über seinen Vater arbeitet. Wie gesagt: Viele Bälle.
Leider lassen die Macherinnen und Macher die Figurenentwicklung trotz solcher Nebenkriegsschauplätze schleifen, zu hoch ist das Tempo zwischen Kinshasa, St. Petersburg und London. Und dann bügelt die deutsche Synchronisation über fast alle Charaktere in den verschiedenen Ländern drüber, sodass alle wie selbstverständlich deutsch miteinander sprechen.
Auch in anderen Bereichen macht man sich nicht die Mühe, die Handlungen der Figuren auch nur annähernd sinnvoll zu erklären. Da reisen zwei der Journalisten ins tiefste Russland, um dort Informationen aus einer Geheimfabrik zu stehlen. Und wie sie dort rein und wieder rauskommen, ist derart an den Haaren herbeigezogen, dass man sich irgendwann zwangsläufig die Frage stellt, ob das alles ernst gemeint ist.
Journalisten agieren selbst wie Verbrecher
Positiv anrechnen kann man der Serie, das sie mit ihren (vermeintlichen) Hauptfiguren nicht gerade zimperlich umgeht. Gerade hat man sich an einen Charakter gewöhnt, da nimmt er auch schon die Ausfahrt Serientod. Das kommt mehrmals vergleichsweise überraschend. Und auch die Recherche-Szenen am Computer bzw. Laptop sind optisch durchaus ansprechend umgesetzt. Die digitale Kommunikation und die Recherche mutet fast futuristisch an, wenn sich die Charaktere plötzlich zwischen Bits und Bytes wiederfinden.
© ZDF/Submarine
Die Recherche-Szenen heben durch eingeblendete Zahlen, Daten und Schlagzeilen vom Rest der Serie ab.
Aber auch wenn es um die journalistische Recherche geht, bedient sich das Team hinter der Serie nur allzu oft an Klischees. So können die Datenspezialisten auf so ziemlich alle Kameras auf der Welt zugreifen und auch sonst in Windeseile Passwörter mit einer Software knacken, die sie zuvor in 5 Minuten geschrieben haben. Auch andere Sicherheitssysteme werden in Sekunden gehackt. Überhaupt hat man mitunter das Gefühl, die Journalisten würden selbst zu einer Art Verbrechersyndikat gehören, wenn man sich die Recherchemethoden vor Augen führt. Und das bei den anfangs und auch zwischendrin immer wieder artikulierten moralischen Zweifeln. Delia, die anfangs grundsätzlich nicht mit einer anonymen Quelle sprechen wollte, hat später überhaupt kein Problem damit, eine andere Person mit Tabletten zu betäuben. Wirklich sinnvoll wird dieser Wandel nicht erklärt.
Zwischendurch werden dann auch noch die Mitglieder von The Kollective bedroht, einige von ihnen wenden sich dann blitzschnell gegen das eigene Team. Und im nächsten Moment ist dann schon wieder alles vorbei. Man kann teilweise gar nicht so schnell schauen, wie sich gewisse Handlungsstränge auftun und kurz darauf schon wieder beerdigt werden.
Irgendwie ist es bei "The Kollective" wie in einer echten Redaktion. Es passiert viel - in diesem Fall nur leider zu viel. Die Serie verliert ihren roten Faden ziemlich schnell und das ist dann auch schon die einzige Konstante, die die Zuschauerinnen und Zuschauer über die sechs Folgen hinweg begleitet. Kaum eine Handlung wird ruhig und mit einem klaren Gedanken zu Ende gebracht, einzelne Figuren vollziehen 180-Grad-Wendungen, die nicht unbedingt dazu führen, dass sie glaubhaft wirken. Und so bleibt es dabei: Die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten realistisch und gleichzeitig spannend in Serienform zu gießen ist eine ganz besondere Herausforderung.
Eine solche Verfilmung hat Bellingcat nun wirklich nicht verdient.
ZDFneo zeigt "The Kollective" ab sofort immer sonntags ab 20:15 Uhr in Doppelfolgen. Die Serie steht bereits jetzt vollständig online zum Abruf bereit.
von



