Knapp ein halbes Jahr ist es her, als Media for Europe (MFE) die Mehrheit an ProSiebenSat.1 übernommen hat, seither wird der Konzern noch strikter als zuvor auf Entertainment-Kurs getrimmt. MFE-Boss Pier Silvio Berlusconi hatte große Sparrunden und einen Stellenabbau zuletzt öffentlichkeitswirksam verneint - meinte damit aber wohl allen voran das deutsche Geschäft. ProSiebenSat.1Puls4 (P7S1P4), die Österreich-Tochter des Konzerns, hat nun jedenfalls ihrerseits ein umfassendes Sparprogramm in Aussicht gestellt.
So hat man angekündigt, sich künftig stärker als bislang auf das Kerngeschäft zu fokussieren. Damit erforderliche Investitionen in Programm und Technik weiterhin in vollem Umfang getätigt werden können, werde man ein Effizienz- und Restrukturierungsprogramm umsetzen, heißt es aus Wien. Ziel sei es, "Produktivität, Stabilität und Agilität sicherzustellen".
Die Betonung des Fokus' auf das Kerngeschäft überrascht, schließlich ist ProSiebenSat.1 in Österreich nicht, wie in Deutschland, im großen Stil an branchenfremden Unternehmen beteiligt, die man versuchen müsste loszuwerden. Stattdessen definiert man das Kerngeschäft noch etwas enger, sodass nun auch Bereiche betroffen sind, von denen man bislang dachte, sie würden zu eben diesem Kerngeschäft gehören.
Konkret will sich ProSiebenSat.1Puls4, zu dem nicht nur die Österreich-Ableger von ProSieben, Sat.1 & Co gehören, sondern auch Puls 4, Puls 24 oder auch ATV, künftig auf Bewegtbild in den Bereichen Qualitätsjournalismus und Unterhaltung konzentrieren. Das führt dazu, dass das Textangebot, etwa auf der Webseite des Nachrichtensender Puls 24, noch weiter reduziert wird. Schon 2025 wurde bekannt, dass P7S1P4 in diesem Bereich sparen will. Aktuell setzt man bei Texten sehr stark auf Agenturmeldungen.
Wer weiterhin Texte lesen will, der ist künftig auf den Webseiten der Verleger besser aufgehoben - darauf verweist auch P7S1P4 ziemlich direkt. Die österreichische Verlagswelt würde ein "sehr breites und gutes Angebot an Text-Information" bieten. Man selbst fokussiere Expertise und Ressourcen daher bewusst auf Bewegtbild.
Bis zu 45 Stellen fallen weg
Ein weiterer Bereich, in dem man sparen will, ist der Sport. Hier wird die bislang eigenständige Sportredaktion in in die tagesaktuelle Redaktion eingegliedert. In Wien zieht man dann auch ein ziemlich ernüchterndes Fazit rund um die immer teurer werdenden Sportrechte, diese seien für ein wirtschaftlich agierendes privates Medienhaus in Österreich "aktuell nicht darstellbar". Das wurde bereits vor rund zwei Jahren deutlich: Damals erhielt Puls 4 den Zuschlag für Europa-League-Übertragungen im Free-TV und gab diese noch vor dem Beginn der Rechteperiode an ServusTV weiter.
Ausgewählte Sport-Highlights will man auch künftig auf den eigenen Sendern zeigen, etwa in Sat.1 Österreich, wo ja einzelne Bundesliga-Spiele laufen. Doch in Wirklichkeit ist es jetzt ein Rückzug in einem Bereich, der bei der Sendergruppe früher mal eine wichtige Rolle gespielt hat. Ziel des Umbaus im Sport sei es, das Themenfeld weiterhin "sichtbar, effizient und plattformübergreifend abzubilden", heißt es.
Weitere Einsparungen im journalistischen Bereich will man erzielen, indem man Sendungen einstellt. Von ProSiebenSat.1Puls4 heißt es, die betroffenen Formate seien schon im vergangenen Jahr beendet worden. Erst vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass ATV das Format "Aktuell: Der Talk" nicht fortführen wird. Darüber hinaus will man auch durch Digitalisierung und die verstärkte Automatisierung in Regie und Studiobetrieb Geld einsparen, Doppelstrukturen in der Verwaltung sowie im Management sollen abgebaut werden.
Entscheidung ohne Druck von MFE?
In Summe trennt sich ProSiebenSat.1Puls4 im Zuge des Sparprogramms von 9 Prozent seiner Belegschaft. Das entspricht rund 45 Stellen. Bernhard Albrecht, Co-CEO des Unternehmens, sagt: "Die anhaltenden Veränderungen am Medienmarkt erfordern unternehmerische Maßnahmen, damit wir unsere Investitionsfähigkeit erhalten und Wachstumsperspektiven sichern können. Ein starker nationaler und vielfältiger Medienmarkt bleibt dabei zentral." Albrecht fordert angesichts dessen von der Politik Regulierungen, um die Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Medien nachhaltig abzusichern.
Thomas Gruber, ebenfalls Co-CEO von P7S1P4 betont in einer Stellungnahme, dass die Maßnahmen eine "schwere, aber notwendige Entscheidung" gewesen seien, die man "in Österreich eigenständig und aus unternehmerischer Verantwortung getroffen haben". Damit will er wohl möglicherweise aufkommende Kritik an MFE entgegenwirken.
Der zeitliche Zusammenhang ist dennoch nicht von der Hand zu weisen: Rund ein halbes Jahr nach der Übernahme durch MFE kommt es im Österreich-Geschäft von ProSiebenSat.1 zu weitreichenden Einsparungen. Dabei führte man bereits im vergangenen Jahr, noch vor der MFE-Übernahme, einen Stellenabbau durch. Damals erklärten die beiden Co-Geschäftsführer aber noch, es werde keinen "Big Bang" geben. Also die tiefgreifenden Veränderungen, die man jetzt angekündigt hat. Andererseits sind viele Medienunternehmen aktuell von Einsparungen betroffen, auch bei ServusTV und diversen Verlagen wurden zuletzt umfangreich Stellen abgebaut - die Maßnahmen von P7S1P4 sind nicht zwangsläufig auf MFE zurückzuführen.
Verhandlungen über Sozialplan
Um die jetzt betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bestmöglich finanziell abzusichern, ist das Management in Sozialplanverhandlungen mit dem Betriebsrat getreten. Zusätzlich zu allen gesetzlichen Ansprüchen seien gestaffelte Leistungen vorgesehen – unter anderem nach Alter, Betriebszugehörigkeit und Anzahl der unterhaltsberechtigten Kinder. Christoph Woska-Kiefmann, Betriebsratsvorsitzender des Unternehmens bedauert, "dass es nun in unserer Unternehmensgruppe einen solchen Schritt benötigt". Für den Betriebsrat habe die soziale Abfederung "oberste Priorität". Gleichzeitig fordert Woska-Kiefmann eine Arbeitsstiftung für die gesamte Branche. "Denn leider gehen wieder Medienjobs nachhaltig verloren."
Birgit Moser-Kadlac, Geschäftsleitung HR bei ProSiebenSat.1Puls4, sagt: "Wir wissen, dass dieser Schritt für viele unserer Kolleg:innen eine große Belastung bedeutet. Gerade deshalb ist es uns ein Anliegen, diesen Prozess fair, transparent und mit Verantwortung zu gestalten. Unser Fokus liegt darauf, eine bestmögliche finanzielle Abfederung sicherzustellen und gleichzeitig konkrete Unterstützung für den beruflichen Neustart zu bieten. Uns ist wichtig, dass niemand diesen Weg allein gehen muss."
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