Schon in wenigen Stunden könnte sich entscheiden, ob die am 5. Dezember vergangenen Jahres verkündete Übernahme von Warner Bros. Discovery durch Netflix tatsächlich noch platzt. Um Mitternacht US-Ostküstenzeit endet das 7-tägige Verhandlungsfenster, in das Warner und Paramount Skydance vergangene Woche noch einmal eingetreten waren, nachdem der von David Ellison geführte und mit den Milliarden seines Vaters Larry Ellison gestützte Paramount-Konzern über Wochen hinweg weiter darum gekämpft hatte, trotz der Entscheidung der WBD-Führung für Netflix doch noch zum Zuge zu kommen.
Paramount hatte ein feindliches Übernahme-Angebot gestartet und seine Konditionen seither mehrfach in einigen Details nachgebessert - an der ursprünglichen Höhe von 30 Dollar je Aktie aber nichts verändert, sodass auch Netflix bislang nicht gezwungen war, seinerseits noch einmal nachzulegen. Das Board von Warner Bros. Discovery blieb daher ein ums andere Mal auch bei der Empfehlung an die Aktionäre, nicht aufs feindliche Übernahme-Angebot von Paramount einzugehen und stattdessen dem Deal mit Netflix zuzustimmen.
Die große Frage ist nun also: Wird das "best and final offer" von Paramount Skydance nun auch in finanzieller Hinsicht nochmal deutlich nachgebessert? Überhaupt nochmal in die Verhandlungen eingestiegen war Warner Bros. Discovery, weil Paramount signalisiert hatte, dass man bereit sei, den Preis je Aktie um mehr als 1 Dollar anzuheben. Um sicherzugehen, dass man Netflix nachträglich doch noch ausstechen kann, wäre wohl noch mehr nötig. Denn Netflix hat im Nachgang vier Tage lang das Recht, mit einem "Matching Offer" gleichzuziehen - also ebenso viel zu bieten wie Paramount, und somit trotzdem die Nase vorn zu behalten.
Bei Netflix dürfte man sich bereits überlegt haben, ob man bereit ist, sein eigenes Angebot nochmal zu erhöhen. Dass es im Dezember so schnell zu einem Abschluss kam, lag auch daran, dass Netflix klar gemacht hatte, dass es keinen weiteren Verhandlungsspielraum gebe. In einem Interview mit "Variety" sagte Netflix-Chef Ted Sarandos nun, dass man den Geschehnissen nicht vorgreifen und sich nicht im Detail zur Bieterstrategie äußern wolle, aber man sei "sehr diszipliniert". Er sei bekannt dafür, bereit zu sein, sich "zurückzuziehen und andere zu viel bezahlen zu lassen", so Sarandos. Das freilich kann auch die bekannte Tiefstapel-Strategie von Netflix sein: Noch kurz vor Verkündung der über 80 Milliarden Dollar schweren Übernahme kokettierte Sarandos damit, das Unternehmen sei "Builder" und kein "Buyer" - um dann doch zuzuschlagen.
Zieht Netflix nach - oder nicht?
Falls Netflix sich nach dem erhöhten Gebot von Paramount zurückzieht, dann haben die Ellisons die Schlacht um Warner Bros. Discovery doch noch gewonnen, Netflix würde dann 2,8 Milliarden Dollar Breakup-Fee von Warner Bros. Discovery bekommen, die Paramount demnach zusätzlich übernehmen will. Zieht Netflix hingegen nach, ist das letzte Wort wohl trotzdem nicht gesprochen. Denn die Lage ist kompliziert, weil die beiden Gebote nicht ohne weiteres vergleichbar sind: Während Paramount den gesamten Konzern Warner Bros. Discovery in seiner bisherigen Form übernehmen will, ist Netflix nur am Streaming- und Studiogeschäft interessiert, während die linearen Sender vorher in ein separates Unternehmen abgespaltet werden sollen. Um die beiden Gebote vergleichen zu können, müsste man also wissen, was das Sendergeschäft genau wert ist. Diese Aufsplittung des Unternehmens lässt aber noch auf sich warten, ein Aktienkurs und somit der Marktwert lässt sich also noch nicht taxieren.
Während Paramount behauptet, es sei de facto fast wertlos, messen Netflix und Warner Bros. Discovery in dem Segment mit sinkenden Umsätzen, aber weiterhin noch beträchtlichen Gewinnen, weiter einen großen Wert zu. Und ganz so wertlos wie Paramount es darstellt, ist das Geschäft offensichtlich nicht - sonst würde Paramount es ja auch nicht mit übernehmen wollen. Hier kommt der politische Aspekt ins Spiel: Die Ellisons dürften es dabei vor allem auf die Kontrolle über CNN abgesehen haben - und dass die Trump-nahe Familie dann dort das Sagen hätte, dürfte vor allem im Weißen Haus bejubelt werden.
All das führt dazu, dass Paramount auch jetzt schon behauptet, ein überlegenes Angebot abgegeben zu haben, während Netflix und Warner Bros Discovery das Netflix-Gebot für besser halten. Das würde sich also wohl auch nicht ändern, wenn Netflix nachzieht. Paramount dürfte dann an seinem laufenden feindlichen Übernahmeangebot festhalten - und zudem weiterhin darum kämpfen, auf der Hauptversammlung von Warner Bros. Discovery mehr Einfluss zu gewinnen, um dort die Zusammensetzung des Boards zu verändern, das bislang einstimmig für Netflix votiert hat. Womöglich ist also das letzte Kapitel im Kampf um Warner Bros. Discovery noch längst nicht geschrieben.
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