"Schreck im Live-Fernsehen! ntv-Moderatorin rennt aus Studio" - Mit diesen Worten hat RTL am Freitag über Stunden hinweg auf seiner Webseite einen Artikel überschrieben, in dem man über einen Brand berichtete, der sich zuvor im ntv-Studio ereignet hatte. Darin war auch ein Video eingebettet, in dem man Moderatorin Jasmin Gebele (Foto oben) sah, die fluchtartig das Studio verließ. Später hörte man eine Männerstimme im Hintergrund: "Ich hab’s gelöscht", hieß es da. Auch eine Leiter und zwei Personen waren plötzlich im Bild zu sehen, sie inspizierten offenbar den Scheinwerfer, der Feuer gefangen hatte. Und das alles soll live on Air zu sehen gewesen sein - das suggerierte zumindest der Text auf RTL.de.
Das Problem: So ist es nicht gewesen.
Doch der Reihe nach: Den Brand hat es tatsächlich gegeben. "Ein Scheinwerfer hat vermutlich aufgrund eines Kurzschlusses Feuer gefangen", bestätigt eine Sendersprecherin gegenüber DWDL.de. Zugetragen hat sich das gegen 7:47 Uhr. Das erscheint realistisch: Zu diesem Zeitpunkt war beim Nachrichtensender im Rahmen der "Telebörse" ein Beitrag über den Equal Pay Day zu sehen, der plötzlich abbrach - es folgte ein kurzer Werbe-Abbinder und die zuvor bereits gezeigte Nachrichtenstrecke begann von vorn.
Ab diesem Zeitpunkt schaltete ntv auf die sogenannte Havariestrecke um - und blieb hier rund zwei Stunden. Um 10 Uhr wurde schließlich wieder normal aus dem Studio gesendet. Das Feuer konnte derweil schnell unter Kontrolle gebracht werden. "Niemand ist zu Schaden gekommen", sagt eine ntv-Sprecherin.
Das heißt aber auch: Das Feuer, die aufspringende Moderatorin und die Mitarbeiter, die den Scheinwerfer begutachten, waren nicht live on Air zu sehen - anders als von RTL.de suggeriert. In dem entsprechenden Artikel hieß es, die Zuschauer hätten am Freitagmorgen gesehen, "wie Moderatorin Jasmin Gebele ihr Pult verlässt und wegrennt". Und weiter: "Um kurz vor 8 Uhr schaltet ntv nach einem Beitrag über den Equal-Pay-Day zurück zu Jasmin Gebele ins Studio. Doch die verlässt fluchtartig ihr Moderationspult. Was genau in dem ntv-Studio los ist, wissen die Zuschauer da noch nicht – lediglich ein leeres Studio samt einzelnen Wortfetzen sind zu hören."
Dank der "entschlossenen und schnellen Reaktion der Kollegen" und der gegriffenen Sicherheitsroutinen sei es letztlich nur bei der Schrecksekunde geblieben. "Davon konnten sich die Zuschauer selbst vor ihren Bildschirmen überzeugen", heißt es in dem Artikel unter anderem noch. Statt Nachrichten hätte das Publikum "zeitweise die ntv-Mitarbeiter verfolgen" können.
Es ist eine Irreführung der Leserinnen und Leser, die von etlichen Medien ungeprüft übernommen wurde. "TV Spielfilm", "Rheinische Post", "T-Online" und "Exxpress" übernahmen die vermeintliche Geschichte von der Moderatorin, die live aus dem Studio türmt. Auch Branchenportale wie "Digitalfernsehen" und "turi2" berichteten darüber. Sie hatten guten Grund, der Berichterstattung von RTL zu glauben, schließlich war ein Video auf der Webseite zu sehen, das den Vorfall belegen sollte.
Die Ausschnitte aus diesem Video sind aber nicht bei ntv zu sehen gewesen, wie eine kurze Recherche hätte ergeben können. Stattdessen sind, während auf die Havariestrecke umgestellt wurde, die Kameras im Studio schlicht weitergelaufen - und aus diesem Material hat man bei RTL dann später die Geschichte gebastelt - möglicherweise in der Hoffnung auf einen viralen Hit. Wenn ungewöhnliche Dinge in einem TV-Studio passieren, sorgt das immer für viele Klicks. Blöd nur, wenn man Sachen berichtet, die so gar nicht passiert sind.
Eine Sendersprecherin bestätigt auf DWDL.de-Nachfrage am späten Freitagabend: "Der Brand ist während eines Beitrags ausgebrochen und war somit live on Air nicht zu sehen. Die Kollegen von RTL.de haben den Cleanfeed verwendet." Man werde das umgehend korrigieren. Und tatsächlich: Kurz nach der Anfrage von DWDL.de ist der Artikel auf der RTL-Webseite überarbeitet worden. Dort ordnet man nun direkt unter einem Foto von Moderatorin Jasmin Gebele ein: "Plötzlich verlässt ntv-Moderatorin Jasmin Gebele ihr Pult. Für die Zuschauer war das nicht zu sehen. Die Regie zeichnete den Moment jedoch auf."
Weiter unten hat man noch einen Korrekturhinweis hinzugefügt. Dort räumt man ein, zuvor falsch berichtet zu haben. "Wir haben den Fehler korrigiert und bitten aufrichtig um Entschuldigung", steht dort geschrieben. Das Video, in dem man Jasmin Gebele zuvor noch von ihrem Moderationsplatz flüchten sah, hat RTL offline genommen.
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