Mit ihrer Gründung im Jahr 1855 gehört der "Daily Telegraph" zu den traditionsreichsten Zeitungen der Welt, doch so unsicher wie in den letzten Jahren war der Verbleib des Blattes nie. Als die frühere Eigentümerfamilie Barclay in eine finanzielle Krise geriet und ihre enormen Schulden nicht mehr bedienen konnte, fiel die Kontrolle des Blattes 2022 an die Bank Lloyds, die einen Verkaufsprozess einleitete.
Den Zuschlag erhielt zunächst ein Konsortium um RedBird Capital, das gemeinsam mit IMI aus Abu Dhabi die Telegraph Media Group übernehmen wollte. Schnell entbrannte eine Debatte, ob ein staatlich geprägter ausländischer Investor Einfluss auf eine der wichtigsten konservativen Zeitungen des Landes bekommen sollt, bis die Regierung gesetzliche Regelungen für ausländische Staatsbeteiligungen an britischen Zeitungen erließ, die den ursprünglichen Plan unmöglich machten.
RedBird suchte also einen Plan B mit anderen Investoren, die sich aber nicht fanden - stattdessen trat der Verlag des Konkurrenten "Daily Mail" auf den Plan und bot eine Übernahme für 500 Millionen Pfund an. Doch auch dieses Szenario stieß auf Bedenken - schließlich drohte eine enorme Konzentration im britischen Zeitungsmarkt, keine guten Nachrichten also hinsichtlich Medienvielfalt und Wettbewerb. Die britische Regierung kündigte eine Untersuchung an, es drohte also eine erneute lange Hängepartie.
In dieser Situation kommt nun wohl Axel Springer zum Zug, das vor über zwanzig Jahren schon einmal gerne den "Telegraph" übernehmen wollte, letztlich aber scheiterte. Nun hat man sich mit RedBird IMI, das seine Pläne ja wie beschrieben nicht umsetzen kann, eine Vereinbarung über den Erwerb der Telegraph Media Group für 575 Millionen britische Pfund in bar unterzeichnet. Umgerechnet entspricht das etwa 663 Millionen Euro.
Jetzt dürfen nur keine anderen regulatorischen Bedenken mehr dazwischen kommen. Seitens Springer heißt es: "Die Parteien sind davon überzeugt, dass die Transaktion im Einklang mit dem britischen Foreign State Influence Regime steht." Man freue sich jedenfalls auf die Gespräche mit dem Department of Culture, Media and Sports (DCMS) und anderen Beteiligten in den kommenden Wochen.
Springer-Chef Mathias Döpfner beschreibt die Bedeutung des "Telegraph" für sein Unternehmen so: "Axel Springer hat sein Unternehmen 1946 auf Grundlage einer britischen Presselizenz gegründet. Seine Zeitungen entstanden in der Tradition der Fleet Street. Der Telegraph war für ihn dabei sein Leitstern. Vor mehr als 20 Jahren haben wir ohne Erfolg versucht, das Unternehmen zu erwerben. Nun wird unser Traum wahr."
Und weiter: "Eigentümer dieser Institution des britischen Qualitätsjournalismus zu sein, ist Privileg und Verpflichtung zugleich. Wir wollen den Telegraph weiterentwickeln, dabei seinen unverwechselbaren Charakter und sein Erbe bewahren und dazu beitragen, ihn zum meistgelesenen und intellektuell inspirierenden, bürgerlich-konservativen Medium der englischsprachigen Welt zu machen. Der Telegraph steht für Freiheit, persönliche Verantwortung, demokratische Werte und den Glauben an offene Gesellschaften und marktwirtschaftliche Prinzipien. Diese Überzeugungen stimmen mit unseren essentiellen Werten überein."
Geplant ist unter anderem die Expansion in den US-amerikanischen Markt, auf dem Springer mit "Politico" und "Business Insider" bereits stark vertreten ist. Außerdem heißt es von Springer, die Telegraph Media Group werde "von Axel Springers großer Erfahrung in der Weiterentwicklung von Journalismus in einer digitalen und KI-geprägten Welt profitieren sowie von unternehmerischer Expertise unter anderem in den Bereichen digitale Werbung, Abonnements und Events" profitieren.
Redbird IMI teilt mit: RedBird IMI: "Nach zügigen und effizienten Verhandlungen freuen wir uns, eine Vereinbarung mit Axel Springer über den Erwerb der Rechte von RedBird IMI an dem 'Daily Telegraph' erzielt zu haben. Angesichts der Stärke ihres kommerziellen Angebots und eines klar strukturierten regulatorischen Wegs zur Eigentümerschaft sind wir überzeugt, dass Axel Springer gut positioniert ist, um den Telegraph in sein nächstes Kapitel zu führen. Unser Team arbeitet nun eng mit der britischen Regierung zusammen, um die erforderlichen Genehmigungen für den Abschluss dieser Transaktion zu erhalten."
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