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30 Mio. teuer

Neues ZDF-Studio muss sich im Alltag beweisen

 

Seit rund drei Jahren arbeitet man beim ZDF an seinem neuen Prestigeobjekt, dem virtuellen Nachrichtenstudio. Am 17. Juli geht es jetzt endlich los. Fraglich ist aber, wie viel Informationswert die neuen technischen Spielereien wirklich bieten. Virtuelle "Erklärräume" sind bislang keine Erfolgsgeschichte im deutschen TV.

von Jochen Voß
12.06.2009 - 12:19 Uhr

Die FR zeigte bereits ein Bild vom neuen Heute Journal-Studio"Seit ich ständig in dem neuen Studio Probesendungen aufzeichne, kommt mir das alte Studio beinahe popelig vor", sagt "Heute Journal"-Moderatorin Marietta Slomka in der "TV Digital" über das neuen Nachrichtenstudio des ZDF, das am 17. Juli erstmals auf Sendung gehen soll. Mit 690 Quadratmetern ist es fast doppelt so groß wie das bisherige Studio. Rund 30 Millionen Euro hat sich der Mainzer Sender den neuen Bau kosten lassen, an dem seit dem Jahr 2006 gearbeitet wird, und der mit rund einem Jahr Verspätung in Betrieb genommen wird.

Mit dem neuen Studio will der Sender technische Maßstäbe setzen, die sich auch auf die Inhalte der Informationsprogramme der Mainzer auswirken sollen. Das neue Studio wird fast ausschließlich mit virtuellen Kulissen bespielt. Einzig die Moderatoren und ein rund 11 Meter langer Schreibtisch, der künftig als Markenzeichen der Info-Sendungen fungieren soll, sind noch echt. Der Rest kommt aus dem Computer. Im neuen Studio, das  aus technischen Gründen komplett in Grün gehalten ist, lassen sich beliebige Inhalte in den dreidimensionalen Raum projizieren. Künftig werden die Nachrichtensendungen des ZDF in den Farben Grau-Blau-Organge daherkommen.
 

 
Wichtiger Bestandteil der Sendungen aus dem neuen Studio werden Hintergrundinformationen zu aktuellen Themen sein, die in so genannten "Erklär-Räumen" präsentiert werden sollen. Dazu bewegen sich die Moderatoren in eingespielten Infografiken und lebensgroßen Projektionen nachrichtlich relevanter Szenerien. Laut "TV Digital" könne man künftig zeigen, wie hoch ein Stabhochspringer springen müsse, oder man könne einen Formel 1-Wagen ins Studio fahren lassen. Das neue Studio ermöglicht also Effekte, die dem Visuellen den Vorzug geben und die Abstraktion in den Nachrichten weiter verschwinden lassen sollen. Seitens des ZDF bemüht man sich, den Vorwurf der Effekthascherei bereits im Vorfeld zu entkräften.

Foto: ZDF/Kerstin BänschSo beteuerte Chefredakteur Nikolaus Brender in der "Frankfurter Rundschau", die auch bereits ein erstes Bild aus dem neuen Studio zeigte, die neuen Sendungselemente würden "kein virtuelles Staun-Festival". Vielmehr gehe es darum "die Dinge mehr denn je auf den Punkt zu bringen". Wie viel Tiefe und Informationsmehrwert das künftige optische Erlebnis bietet, bleibt allerdings abzuwarten. "Ich möchte da nicht stehen und genau erklären, wie Herz-Operationen gehen. Ich bin ja nicht Dr. med. Seibert", sagte ZDF-Nachrichten-Anchor Steffen Seibert (Bild links) der "TV Digital".

Für ihn passt Schauspielerei nicht zu den Nachrichten-Flaggschiffen "Heute" und "Heute Journal". "Ich möchte die grafischen Möglichkeiten nutzen, um den Zuschauern Zusammenhänge klarer zu machen", sagte er und nennt als Beispiel die Schweinegrippe und wie sie vom Tier zum Menschen übergesprungen ist. "So etwas kann man einfach nur erzählen oder optisch unterstützt erzählen - und dann werden wir es uns alle besser merken", so Seibert in der Programmzeitschrift.

Bei all den neuen Möglichkeiten bleibt abzuwarten, wie die neue millionenschwere Technik genutzt wird. So ließ sich nach der Einführung begehbarer Infografiken bei den privaten Kollegen von RTL und Sat.1 vor einigen Jahren beobachten, dass man nach der anfänglichen Euphorie inzwischen seltener auf die virtuellen Spielereinen zurückgreift. Zwar kommen die Elemente immer wieder zum Einsatz - jedoch nicht mehr so häufig, wie in den ersten Monaten, als die Faszination der spielerischen  Technik auch bei den Machern noch neu war. Schließlich ist auch klar, dass aufwändige 3D-Räume sich nicht von selbst erstellen. Sie müssen mit redaktionellen Inhalten gefüllt und grafisch umgesetzt werden. Ein arbeitsintensiver Vorgang, auf dem im schnellen Nachrichtengeschäft eher verzichtet werden kann.

Nikolaus BrenderMan darf gespannt sein, welches redaktionelle Konzept sich das ZDF für seine virtuellen Welten geben wird. Klar ist, dass mit Blick auf die anstehenden Wahlen begehbare Tortendiagramme noch appetitlicher wirken. Klar ist aber auch, dass der Informationswert dadurch in keiner Weise gesteigert werden kann. Die reine Informationsabsicht steht auch nicht unbedingt im Vordergrund. Die neue Optik soll auch dazu dienen, den Seh-Geschmack junger Menschen zu treffen, um sie für Nachrichten zu begeistern. "Wir können doch nicht so lange wie General Motors warten und alte Autos produzieren, bis der Laden zusammenbricht", sagtet Chefredakteur Brender (Bild rechts) der "Frankfurter Rundschau".

So scheint man auch bei der ARD zu denken. Im ersten Halbjahr 2011 will man dort mit einem neuen Studio auf Sendung gehen. Auch hier soll es Bewegungen im virtuellen Raum geben. Was den täglichen Einsatz in den Nachrichtensendung "Tagesschau" und "Tagesthemen" anbelangt, gibt sich ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke allerdings skeptisch: "Ein virtuelles Studio ist für unser Massengeschäft absolut untauglich", sagte er der "Frankfurter Rundschau" mit Verweis auf den stündlichen Sendeturnus der Nachrichten. Es bleibe keine Zeit für ausreichende Proben.

So schließt auch Brender nicht aus, dass in den ersten Wochen im neuen Prachtbau einiges im Vorfeld aufgezeichnet wird, um Sicherheit für die Sendung zu gewinnen. Fraglich ist, wie stark die neue Technik genutzt wird, wenn alles versendet und die erste Euphorie verflogen ist. Auch wenn technisch alles reibungslos läuft müssen die virtuellen Welten ihre Alltagstauglichkeit im trubeligen Nachrichtenalltag erst noch unter Beweis stellen.

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