Ulli Potofski © Sky/firo
DWDL.de-Interview

Ulli Potofski: "Die Pöbler tun mir leid"

 

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Was halten Sie eigentlich davon, wenn sich ein Kollege vorab Formulierungen zurechtlegt, die er dann im Spiel einbaut?

Ich schreibe mir grundsätzlich gar nichts auf. Natürlich gibt es Kollegen, die sich anders vorbereiten, so manche legen sich sicherlich auch zwei, drei Gags oder schlaue Sprüche zurecht, die sie im Spiel abrufbar haben. Das ist nicht verwerflich. Ich setze allerdings ausschließlich auf Spontanität.

Gibt es eigentlich Sätze, die Sie bereuen?

Bereuen ist ein viel zu großes Wort, denn wirklich wichtig ist das, was wir tun, nun auch wieder nicht. Aber natürlich gibt es ein paar Sätze, die ich so nicht wieder sagen würde. Letztlich mache ich den Job ja auch schon seit über vierzig Jahren.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Frank Ordenewitz hat mal eine grausame Ecke geschossen, die ich mit dem Satz kommentierte: Damit hat er sich gerade für unsere Betriebsmannschaft qualifiziert. Anschließend dachte ich, ach herrje, der arme Ordenewitz. Trotz aller Komik muss man aufpassen, nichts Ehrverletzendes zu sagen.


Ist Humor in Ihrem Beruf gefährlich?

Na klar, ich werde oft missverstanden. Mein Humor zündet offenbar nicht immer und überall sofort (lächelt). Das Authentischsein birgt Gefahren. Es gibt immer Leute, denen ein Spruch nicht gefällt, die dann sagen „Was für ein Idiot!“

Herr Potofski, Sie sind gebürtiger Schalker: Was unterscheidet den Humor eines typischen Schalke-Fans von jenem eines Bayern-Fans? 

Der Bayern-Humor kommt tendenziell von einer abgehobenen Position, was ja wiederum kein Wunder ist, wenn man sieht, wie viele Titel der Klub in den vergangenen Jahrzehnten gesammelt hat. Die exponierte Stellung lädt dazu ein, hübsche Witze über einen Verein zu machen, der seit 1958 sehnsüchtig auf den Gewinn der Meisterschaft wartet. Der Schalker hingegen spottet in der Regel über die „abgehobenen Bayern“, nach dem Motto: „Die neureichen Schnösel werfen nur mit Geld um sich.“ Man sollte stets über sich selbst lachen können.

Was antworten Sie jenen Leuten, die sagen, Field-Interviews seien überflüssig und nervig?

Viele dieser Interviews sind überflüssig, das unterschreibe ich. Gleichwohl sind die Gespräche nach Spielende inzwischen ein Ritual geworden, das viele Zuschauer mögen. Wer glaubt, das sei ein leichter Job, der irrt.

„Weshalb haben Sie heute verloren“ und...

Ja, ich weiß, sowas will kein Mensch hören, derlei Fragen sind ohnehin nicht zu beantworten. Denn wer kassiert freiwillig ein blödes Gegentor oder kann erklären, weshalb er in der 61. Minute über den Ball getreten hat? Genau deshalb versuche ich seit jeher, den Profi auf der persönlichen Ebene zu kriegen, ihn also eher zu fragen, was er in Situation X gedacht oder gefühlt habe, anstatt von ihm eine Spielanalyse abzufordern. Zumindest steigt auf diese Weise die Wahrscheinlichkeit, eine überraschende Antwort zu bekommen. Obwohl auch ich weiß, dass derartige Gefühlsfragen in unserer Branche verpönt sind. 

Sind Sportjournalisten in den vergangenen Jahren unterwürfiger geworden?

Wir Journalisten verkaufen die Ware Fußball. Wer das bestreitet, ist naiv. Auch klar: Niemand würde die Ware, von dessen Verkauf er lebt, ständig schlechtreden. Es ist daher nur die logische Folge, dass es auch im Sportjournalismus teils bedenkliche Entwicklungen gibt. An der einen oder anderen Stelle müsste man den soziologischen Hintergund intensiver untersuchen, denn der ist defintiv nicht derart positiv, wie wir alle tun.

Wie meinen Sie das?

Der gemeine Fußballfan kennt kein Grau, sondern nur Schwarz und Weiß. Daran orientieren sich folglich auch diejenigen, die die Konsumenten bedienen, also wir Sportjournalisten. Drei Punkte, Top-Tabellenplatz, alles geil, Trallala. Oder eben das Gegenteil: Derbypleite, Scheiß-Millionäre, Trainer raus! Profifußball ist nun mal ein stellvertretendes Element unserer Gesellschaft.

So mancher Funktionär würde jetzt wahrscheinlich einwerfen, die Bundesliga stehe so gut da wie nie zuvor, das Geschäft boome...

Genau das ist der Punkt! Jeder muss sich die Frage stellen: Will ich den Fußball ausschließlich von der wirtschaftlichen Seite betrachten? Nicht nur ich vermisse im Fernsehen Formate, die sich noch einmal anders mit Fußball beschäftigen - Sendungen wie „Doppelpass“ sind ja eher pseudokritisch.

Haben Sie bei einigen Spielerinterviews manchmal den Eindruck, der Reporter hat die nötige Distanz verloren und himmelt den Fußballer beinahe an?

Das ist keine neue Erkenntnis. Viele Sportjournalisten finden das Leben eines Profifußballers einfach toll und wollen genauso sein. Die würden selbst gern einen Ferrari fahren, jedes Jahr ihren Urlaub auf den Malediven verbringen und ein Model als Freundin haben.

Der Neidfaktor?

Nein, das ist das falsche Wort. Die sind ja nicht neidisch, sondern die wollen genauso sein! Sowas ist schlimmer als Neid.

Abschlussfrage, Herr Potofski: Welche Leistung sollte in Zukunft mit dem Ulli-Potofski-Preis ausgezeichnet werden? 

(lacht) Um Himmels willen! Okay, jetzt kommen große Worte: Es müsste einen Preis geben für Menschlichkeit und Demut. (Pause) Und das meine ich verdammt ernst.

Herr Potofski, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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