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Rechtsradikaler Hass und Gewaltandrohungen

Augen zu und durch: Facebook sieht kein Problem

 

Am Tag nachdem das Medienmagazin DWDL.de die Versäumnisse von Facebook bei der Kontrolle von gewaltverherrlichenden und hasserfüllten Kommentaren zum Thema machte, versuchte Facebook sich zu erklären - und ließ dabei viele Fragen offen.

von Thomas Lückerath
07.08.2015 - 23:35 Uhr

Wie wird Facebook wohl reagieren auf die am Donnerstag erhobenen Vorwürfe eines unverantwortlichen Umgangs mit Hass- und Gewaltbotschaften auf den eigenen Seiten, die auch nach Meldung durch Facebook-Mitglieder erschreckenderweise als unbedenklich im Sinne der Gemeinschaftsstandards bewertet wurden? Nun, fangen wir mit dem Erfreulichen an: Man hat überhaupt in gewisser Form reagiert und am Freitag von sich aus den Kontakt gesucht. Eine Sprecherin von Facebook erläuterte telefonisch den Sachverhalt aus Sicht des Unternehmens; eine schriftliche Stellungnahme kam per eMail. Namentlich genannt werden möchte sie nicht.

„Wenn solche Inhalte aus sadistischem Vergnügen oder zum Zwecke der Gewaltverherrlichung geteilt werden, dann löscht Facebook sie. Schnell.“

Eine Facebook-Sprecherin

Die schriftliche Stellungnahme ist in der Tat eine sehr ausführliche Antwort - leider jedoch auf Fragen, die niemand gestellt hat. Wir dokumentieren die schriftliche Stellungnahme im vollen Wortlaut am Ende dieses Artikels. Darin wird zunächst erklärt, dass es sogenannte Gemeinschaftsstandards bei Facebook gebe und das Beiträge, die gegen diese verstoßen, gelöscht werden würden. Dass dies in der Praxis eben nicht passiert, wird nicht thematisiert. Auch nicht im weiteren Verlauf. Stattdessen wird erklärt, warum manchmal anstößige Inhalte stehen bleiben - weil sie etwa Missstände verdeutlichen würden.

Aber, so teilt die Facebook-Sprecherin schriftlich mit: „Wenn solche Inhalte aus sadistischem Vergnügen oder zum Zwecke der Gewaltverherrlichung geteilt werden, dann löscht Facebook sie. Schnell.“ Eine gänzlich inkompatible Antwort auf den mehrfach belegbaren Fakt, dass genau dies nicht geschehen ist. Weiter verweist Facebook auf eine Infografik, die den Ablauf bei der Meldung eines anstößigen Inhalts attraktiv aufbereitet, aber auch keine der Fragen beantwortet. Stattdessen eine Feststellung, die angesichts der erhobenen Vorwürfe surreal wirkt.

Da heißt es: „Zudem möchten wir Sie gerne darauf verweisen, dass Facebook kein Ort für die Verbreitung rassistischer Ansichten ist.“ Nun, leider schon - und das obwohl Nutzer Facebook darauf hingewiesen haben. Im gleichen Atemzug betont das Netzwerk - was allerdings niemand bestritten hat - dass via Facebook auch viele gute Aktionen gegen Rassismus organisiert werden. Darüber hinaus arbeite man z.B. mit "Laut gegen Nazis" und "Netz gegen Nazis" zusammen. Doch umso ratloser macht die schriftliche Stellungnahme von Facebook auf die erhobenen Vorwürfe.

Mit keiner Silbe werden die eigentlichen Fragen beantwortet: Warum wird trotz Meldung von gewaltverherrlichenden Hasskommentaren nichts unternommen? Und wie prüft Facebook eigentlich die eingegangenen Beschwerden? Und welchen Wert haben die ehrenwerten Gemeinschaftsstandards, wenn Sie in der Praxis nicht umgesetzt werden? Auf diese Nachfragen bekommen wir telefonisch erste Antworten. Doch sie machen eigentlich nur noch ratloser.

„Zudem möchten wir Sie gerne darauf verweisen, dass Facebook kein Ort für die Verbreitung rassistischer Ansichten ist.“

Eine Facebook-Sprecherin

Ein Mysterium samt Vorwurf räumt die Facebook-Sprecherin aus der Welt: Jeder von Nutzern bei Facebook als anstößig gemeldete Beitrag werde von einem Mitarbeiter des Community Operations Team individuell kontrolliert. Diese Mitarbeiterin bzw. dieser Mitarbeiter beherrsche die jeweilige Sprache muttersprachlich. Die im Netz kursierende Spekulation, dass erst wiederholte Meldung eines Beitrags zur tatsächlichen Prüfung führt, weist die Facebook-Sprecherin im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de entschieden zurück. Daraus ergibt sich jedoch die Frage: Wenn dem so ist, warum bleiben dann so viele fragwürdige oder gar offen illegale Beiträge online und werden nicht gesperrt?

Eine konkrete Antwort darauf gibt es am Freitag auf Nachfrage auch telefonisch nicht. Grundsätzlich sei immer im Einzelfall zu klären, ob eine sicherlich unschöne Äußerung am Ende doch noch von der Meinungsfreiheit gedeckt werde oder eine tatsächliche Bedrohung darstelle. Die von DWDL.de exemplarisch angeprangerten Beiträge wolle man aber nochmals prüfen. Dabei geht es nicht um die Beispiele sondern das Kontrollsystem. Am Ende bleiben nach dem Austausch mit Facebook am Freitag mehr Fragen offen als vorher: Von Versäumnissen will man beim weltgrößten sozialen Netzwerknichts wissen und offensichtlichen Klärungsbedarf im Community-Management adressiert man in seiner Stellungnahme gar nicht erst - und behauptet sogar glatt das Gegenteil.

Weitere Fragen, die sich aufdrängen: Wie viele Menschen arbeiten eigentlich im deutschen Community Operations Team? Diese Nachfrage will man uns jedoch nicht beantworten. Müsse man das Community-Management nicht optimieren? Nein, es gebe ja ein funktionierendes System. „Augen zu und durch“ scheint die Devise zu sein bei Facebook. Auf die eigentliche Kritik am mangelhaften Community-Management und dem fahrlässigen Umgang mit Hasskommentaren sowie Aufrufen zu Gewalt geht man nicht ein und erklärt stattdessen sehr wortreich und beinahe surreal, warum ja in der Theorie überhaupt nicht passieren könne, was allerdings in Praxis täglich auf Facebook passiert.

DWDL.de bleibt an dem Thema dran und wird am Montag nochmals das Gespräch mit Facebook suchen.

Im Folgenden die schriftliche Stellungnahme im vollen Wortlaut:

„Für Facebook ist die Sicherheit der Menschen auf Facebook von höchster Priorität. Grundsätzlich ist es so, dass alle Inhalte, die gegen die Gemeinschaftsstandards von Facebook verstoßen, umgehend gelöscht werden. Solche Inhalte werden von den Nutzern selbst und einem Team ausfindig gemacht. Wichtig ist hier, dass die Menschen auf Facebook jegliche Inhalte, die gegen die Richtlinien von Facebook verstoßen, melden können. Dies kann jederzeit und überall gemacht werden, d.h. es können z.B. Seiten, Personen, Gruppen, Fotos oder Kommentare gemeldet werden. Nachdem eine Meldung bei Facebook eingegangen ist, wird diese von einem Team überprüft und anschließend eine passende Maßnahme ergriffen.
 
Menschen nutzen Facebook als Plattform, um ihre Erfahrungen mit anderen Menschen aus der ganzen Welt zu teilen. Mitunter werden entsprechend Inhalte geteilt, die manche als verstörend empfinden. Manchmal sind es Erfahrungen und Themen, die Bildmaterial beinhalten, das von öffentlichem Interesse ist, wie etwa Gewalt, Menschenrechtsverletzung, Terrorismus oder andere Gewalttaten. Wenn Menschen solche Inhalte teilen, tun sie dies oft, um dies zu verurteilen. Wenn solche Inhalte aus sadistischem Vergnügen oder zum Zwecke der Gewaltverherrlichung geteilt werden, dann löscht Facebook sie. Schnell.
 
Möglicherweise hilft Ihnen diesbezüglich die Erklärung, was passiert, wenn man "Melden" geklickt hat, noch weiter. Zum Meldeverfahren steht auf Facebook Deutschland ein ausführlicher Leitfaden inkl. Infografik zur Verfügung, der eventuell interessant ist.
 
Zudem möchten wir Sie gerne darauf verweisen, dass Facebook kein Ort für die Verbreitung rassistischer Ansichten ist. Vielmehr ist Facebook eine Plattform, auf der sich Menschen über ein breites Spektrum von politischen Meinungen austauschen, und Diskussionen über die gesellschaftlichen Auswirkungen von Rassismus und Rechtsextremismus sind ein wichtiger Teil davon. Facebook unterstützt verschiedene Aktionen und Initiativen. Dazu zählt beispielsweise no-nazi.net oder aktuell das Projekt 361 Grad Respekt. Darüber hinaus arbeitet Facebook z.B. mit "Laut gegen Nazis" und "Netz gegen Nazis" zusammen.
 
Einen allgemeinen Überblick über die Arbeit und die verbundenen Schwierigkeiten des Community Operations Team finden Sie in diesem Artikel der ZEIT

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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