MTV EMA Party 2017 © DWDL.de
Eine Aftershowparty mit Fernsehhistorie

MTV feierte Abrissparty in legendären TV-Studios

 

Die geladenen Gäste der MTV EMA 2017 feierten nach der Preisverleihung bis in den frühen Morgen. Die wenigsten von ihnen werden realisiert haben, wo die Aftershowparty stattfand: In den auf Abriss wartenden Fountain Studios. Hier begann vor 90 Jahren die britische Filmproduktion.

von Thomas Lückerath , London
13.11.2017 - 12:16 Uhr

Für TV-Nerds war die Aftershow-Party der MTV EMAs 2017 auf einer zusätzlichen Ebene interessant und denkwürdig. Neben naheliegenden Vorzügen wie Drinks, Street Food und DJs war die Location selbst ein Star - zumindest für die, die realisiert haben, wo sie bis tief in die Nacht gefeiert haben: In den ehemaligen Fountain Studios im nordwestlichen Londoner Stadtteil Wembley.

Zuletzt waren die Fountain Studios im nordwestlichen Londoner Stadtteil Wembley die Heimat von großen britischen TV-Shows wie „Britain‘s Got Talent“ (10 Staffeln), „The X Factor“ (13 Staffeln) oder auch der Gameshow „The Cube“ (9 Staffeln). Selbst RTL hat seine kurzlebige deutsche Adaption von „The Cube“ mit Nazan Eckes hier produziert. DWDL.de war damals bei der Produktion vor Ort. Studio 5 war bis zur letzten Produktion dort - dem "The X Factor"-Finale am 4. Dezember vergangenen Jahres - das größte Fernsehstudio in Großbritannien.

Vor knapp einem Jahr endete eine sehr lange Tradition. Im Juni 1927 - vor mehr als 90 Jahren also - wurde das Gelände von Ralph J. Pugh and Rupert Mason angemietet. Sie wollten hier im Nordwesten Londons ein Filmstudio nach amerikanischem Vorbild schaffen, doch das Vorhaben gelang, u.a. durch ein großes Feuer kurz nach der Einweihung, nicht. Der Standort blieb aber über die Jahre erhalten für die Film- und ab 1955 auch TV-Produktion. 20th Century Fox war mehrfach Mieter. 1960 war Studio 5 bei seiner Eröffnung sogar das größte TV-Studio Europas.

In den 70er und 80er Jahren nagte jedoch der Zahn der Zeit am veralteten Studiokomplex. Die Inhaber wechselten immer häufiger, das Gelände verkam. Die Zeit des Niedergangs endete erst 1993. Durch Übernahme und umfassende Modernisierung wurde der nun Fountain Studios genannte Produktionsstandort so erfolgreich wie nie zuvor in seiner langen Historie. Auch "Pop Idol", die Vorlage für "Deutschland sucht den Superstar", wurde 2001 hier geboren. Die Stars von "Friends" haben hier ihre London-Episode gedreht. Auch "The Voice" war zwischenzeitlich zu Gast in den Studios.

Fountain Studios
© DWDL.de

Im Januar 2016 kam dann die Nachricht, die die britische Produktionslandschaft kurzzeitig erschütterte: Die Fountain Studios werden schließen - und dem Londoner TV-Produktionsmarkt damit spürbar Kapazitäten verloren gehen. Die Eigentümer haben sich für den Verkauf des Grundstücks an eine Immobilienfirma entschlossen. Der Stadtteil Wembley ist im Wandel: Mit dem neuen Wembley Stadium kamen Hotels, Restaurants, Shopping Malls und viele neue Wohnhochhäuser in direkter Nachbarschaft. Das Grundstück wurde lukrativer als das Produktionsgeschäft.

Das Gelände soll in Zukunft für ein Theater genutzt werden. Es gib Pläne für einen Neubau, doch vorerst soll umgebaut werden und ein temporäres Theater mit 1.400 Plätzen in die vorhandenen Gebäude integriert werden. Doch auch das steht noch bevor. Elf Monate nach der Schließung als Produktionsstandort wirken die Fountain Studios von außen traurig und heruntergekommen. Das weitgehend ausgehöhlte Innere wird zwischenzeitlich als Event-Location genutzt, so wie gestern Abend bei der MTV EMA 2017 Afterparty unter dem Motto „It‘s a London thing“.

MTV EMA Party 2017
© DWDL.de

Wie viele Besucher der Party wohl wussten, dass sie dort feierten, wo vor 90 Jahren einst der Traum der Briten von großer Filmproduktion begann und viele legendäre Fernsehmomente enstanden? Nicht viele, vermutlich. Einige Gäste der "Abrissparty" von MTV rätselten jedenfalls, warum auf dem Weg zur Toilette an einer der Wände der Hallen lauter X eingeritzt waren und so manche Botschaft dazu geschrieben wurde. Es waren Abschiedsgrüße der "X Factor"-Crew.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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