Tom Buhrow © WDR/Max Kohr
"Wir sind Eins"

Dicke Luft in der ARD: Buhrows Werk und Wilhelms Beitrag

 

Die vorweihnachtlichen Friedensangebote in Richtung der Verlage erkaufen sich Tom Buhrow und Ulrich Wilhelm mit Streit im eigenen Haus. Mitarbeiter im WDR fühlen sich ebenso vor den Kopf gestoßen wie andere ARD-Anstalten, die offenbar nicht eingeweiht waren

von Uwe Mantel, Alexander Krei, Timo Niemeier
14.12.2017 - 16:30 Uhr

Eine Woche ist es nun her, dass Tom Buhrow etwas überraschend ankündigte, dass sich sein WDR bei Textangeboten im Web künftig stark einschränken werde (DWDL.de berichtete). Man wolle künftig audiovisuelle Inhalte in den Vordergrund rücken und „wesentliche nachrichtliche Fakten“ textlich nur noch knapp zusammenfassen. Im Sender kursierte daraufhin eine vermeintliche interne Dienstanweisung, wie das genau aussehen soll. 

In diesem DWDL.de vorliegenden Schreiben, das von einem freien Mitarbeiter für seine Kollegen verfasst worden war, heißt es, dass für nachrichtliche Beiträge künftig eine feste Grenze von 1.500 Zeichen gelte, Hintergrundberichte dürften 2.500 Zeichen nicht überschreiten. Auf den Seiten müssten zudem Medien "so weit oben wie möglich" eingebunden werden. Würden diese Regeln nicht beachtet, so würde das als "Minderleistung" angesehen, die nicht nur zu "Depublikation" der entsprechenden Artikel, sondern auch zu "persönlichen Konsequenzen" führen könnten.

WDR-Dienstanweisung

Auszug aus der im WDR kursierenden Mail

Stefan Moll, auf den in dem Schreiben Bezug genommen wird, hat im WDR-Intranet inzwischen widersprochen, dass es solche festen Vorgaben gebe und spricht davon, dass hier offenbar "etwas falsch verstanden" worden sei. Auch offiziell beteuert der WDR, dass es keine solche "Dienstanweisung" mit festen Zeichengrenzen gebe. Auf die interne Mail angesprochen, sagte Buhrow schon vor wenigen Tagen gegenüber dem Deutschlandfunk, dass er diese nicht kenne. "Ich selber mache keine Zeichenvorgaben. Ich werde nicht jetzt anfangen, Erbsen zu zählen, nur es wird weniger Text geben, das ist ganz klar", so Buhrow. Der WDR-Intendant zeigte sich zudem davon überzeugt, dass die Textreduktion im Online-Angebot nichts an den Schwierigkeiten der Verleger ändern werde.

Im WDR war die Anweisung aber offenbar nicht für so abwegig gehalten worden. Die WDR-Redakteursvertretung hatte sich schon Mittwochnachmittag an Intendant Tom Buhrow gewandt. Vor allem stößt man sich dort an der Art und Weise der Kommunikation der neuen Regelungen, die "viele KollegInnen vor den Kopf gestoßen" habe. Man sei "fassungslos über die Art und Weise der internen Verbreitung des Beschlusses". Mit der Androhung persönlicher Konsequenzen betrete der WDR "zweifellos ein neues Feld des internen Kommunikationsstils". Allgemein vergrößere sich die Kluft zwischen Geschäftsleitung und Programmmacher/innen.

Verbunden sind die Vorwürfe mit der Forderung an Intendant Tom Buhrow und die Geschäftsleitung, den Dialog zu suchen und derartige strategische Entscheidungen zu erklären und zu diskutieren - was auf tiefer sitzende Probleme über diesen konkreten Fall hinaus hindeutet. "Wir möchten solche weitreichenden Entscheidungen nicht aus den Agenturen erfahren."

WDR-Vorstoß war offenbar nicht abgesprochen

Doch nicht nur bei der eigenen Belegschaft hat Buhrows Mannschaft für Verstimmung gesorgt, auch in anderen ARD-Häusern blickt man einigermaßen befremdet nach Köln. Die Strategie der starken Begrenzung der textlichen Inhalte war innerhalb der ARD offenbar nicht abgesprochen. Dass man angesichts der letzten Urteile Online-Angebote überprüfen und gegebenenfalls anpassen muss, ist zwar unstrittig - die Frage ist nur, ob der WDR mit den jetzigen Maßnahmen nicht deutlich übers Ziel hinaus schießt. Mit Buhrows Alleingang schlage der WDR nun gewissermaßen Pflöcke ein, die andere ARD-Anstalten in Zugzwang bringen. Der Unmut in der ARD wird hinter vorgehaltener Hand von vielen Seiten artikuliert, auch wenn man beim WDR beteuert, dass Buhrow sein Vorhaben in der letzten Intendantenrunde sehr wohl angesprochen habe.

Ulrich Wilhelm und Karola Wille© MDR/Daniela Höhn

Stabwechsel: BR-Intendant Ulrich Wilhelm und die scheidende ARD-Vorsitzende Karola Wille

Unmut wird wiederum an manchen Stellen aber auch über Karola Wille geäußert, weil es der MDR-Intendantin in ihren zwei Jahren als ARD-Vorsitzende nicht gelungen sei, einer Lösung im Streit mit den Velegern näherzukommen. Und so gibt es Vertreter innerhalb des Senderverbunds, die darauf hoffen, dass der bevorstehende Wechsel an der Spitze endlich Bewegung bringt. Die Haltung, stärker auf die Verlage zuzugehen, teilt Buhrow offensichtlich mit dem kommenden ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks. Der hat gerade den jahrelang vorbereiteten Wechsel des Jugendradios Puls auf die UKW-Frequenzen von BR Klassik überraschend abgeblasen, um so ebenfalls den Forderungen der privaten Konkurrenz und der Verlage entgegenzukommen.

Die gemeinsame Tonalität der Aktionen in Köln und München lässt eine neue ARD-Linie vermuten - und das, obwohl Wilhelm erst zum Jahreswechsel die Führung im öffentlich-rechtlichen Senderverbund übernimmt. Doch: Noch hat MDR-Intendantin Karola Wille den Stab nicht übergeben. Die koordiniert wirkenden Aktionen von WDR und BR ohne Abstimmung im ARD-Verbund und mit der amtierenden ARD-Vorsitzenden seien schlechter Stil, heißt es in ARD-Kreisen. Auch dass es schon vor dem Jahreswechsel ein Hintergrundgespräch Wilhelms mit Journalisten gab, wird mancherorts kritisch gesehen. Sicher scheint: In der ersten Intendantenrunde unter BR-Vorsitz ist erstmal eine Aussprache nötig.

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