Anke Greifeneder, Lavinia Wilson, Lutz Heineking © Seriencamp
Von "Andere Eltern" bis "Dead End"

"Seriencamp": Die Deutschen können auch lustig

 

"Work in Progress": Beim "Seriencamp" in München wurde eine enorme Bandbreite an neuen deutschen Serienproduktionen präsentiert. Hoch im Kurs stehen die Absurditäten des Elterndaseins und andere Skurrilitäten.

von Uwe Mantel , München
09.11.2018 - 00:41 Uhr

Wenn es um die neu entdeckte Lust der deutschen Fernsehbranche an heimischen Comedyserien geht, dann erzählt Anke Greifeneder, die bei Turner die deutschen Eigenproduktionen verantwortet, gerne eine Anekdote. „Als ich in unserer Zentrale in den USA vorgeschlagen habe, einen deutschen Comedy-Sender zu starten, herrschte erst minutenlange Stille – und dann 15 Minuten lautes Gelächter“. Das beschreibt wohl ganz gut das Image deutscher Comedy international, aber auch bei vielen im eigenen Land.

Dabei hat sich da zuletzt einiges getan – und daran ist Anke Greifeneder nicht ganz unschuldig, wird doch inzwischen nicht nur für TNT Serie produziert, sondern kräftig auch in Eigenproduktionen für TNT Comedy investiert. Beim "Seriencamp" in München wurde in der Reihe "Work in Progress" am Donnerstag die neueste Produktion vorgestellt – und die kann sich, so zumindest der erste Eindruck nach dem Screening einiger Szenen, wirklich sehen lassen.

Die von Lutz Heineking produzierte Serie „Andere Eltern“ lässt eine Gruppe hipper Eltern, die zusammen eine Kindertagesstätte eröffnen wollen, aufeinander los und legt das seltsame Verhalten und die Absurditäten des Elterndaseins offen. Das Besondere daran: Es gab kein Drehbuch, lediglich einen Szenenplan. Die Schauspieler durften und mussten improvisieren – und die Kamera wurde einfach draufgehalten. „Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse“, erzählt Lavinia Wilson, die als Schauspielerin in der Serie zu sehen ist. „Wir hatten viel mehr Freiheiten, aber auch Verantwortung für unsere Charaktere." Die Serie ist nicht nur im Endprodukt im Mockumentary-Stil gehalten, sie wurde auch quasi wie eine Dokumentation gedreht. Laut Heineking habe man teilweise bis zu 45 Minuten ohne Schnitt gedreht, insgesamt fünf bis sechs Stunden am Tag. Das hat so gut funktioniert, dass aus den eigentlich sechs geplanten Folgen letztlich sieben wurden. „Das passiert eben, wenn man improvisiert“, so Heineking.

Ohnehin scheint das Elterndasein eine gute Grundlage für Comedy zu liefern – denn auch eine weitere der beim Seriencamp vorgestellten derzeit in Arbeit befindlichen Produktionen erzählt davon. Die für Sat.1 entstehende Sitcom "Die Läusemutter" von der Bing Film & TV GmbH ist allerdings keine Eigenerfindung, sondern die Adaption eines niederländischen Vorbilds – produziert von den gleichen Machern wie das Original. Und generell bemühe man sich hier, so dicht wie möglich am Original zu bleiben, schließlich war das mit seinem Humor ein riesiger Erfolg in Holland.

Die Serie spielt an einer Grundschule – die Schüler sind allerdings nur schmückendes Beiwerk, tatsächlich geht es um die Erwachsenen, ob Lehrer oder Eltern. Dabei habe die Autorin auch einfach aus dem wahren Leben geschöpft und über Charaktere erzählt, die ihr so oder ähnlich wirklich begegnet sind. Und auch wenn die deutsche Autorin Iris Kobler manche Details an die deutsche Lebenswirklichkeit anpassen musste: Generell seien die Themen der Serie universell. Das sei auch ein Grund gewesen, wieso sich ProSiebenSat.1 so schnell dafür entschieden hat, diese Serie nach Deutschland holen zu wollen – und dann auch noch zwei Staffeln am Stück zu bestellen.

Keine Comedy, aber mit Skurrilitäten gespickt ist auch die von Real Film für ZDFneo produzierte Serie „Dead End“. Eigentlich handelt es sich um eine sechsteilige Crime-Serie, in der eine junge Pathologin, die ihre Ausbildung in den USA gemacht hat, sich in der brandenburgischen Provinz wiederfindet, wo sie ihrem Vater – dem örtlichen Leichenbeschauer gespielt von Michael Gwisdek – helfen muss. Der hat seltsame Angewohnheiten entwickelt und nimmt gerne schonmal Teile seiner Arbeit mit nach Hause. Das erinnert vom Plot her in Ansätzen etwas an „Mord mit Aussicht“, ZDFneo-Vize-Chef Slaven Pipic versichert aber, es werde nicht nur brutaler, sondern auch lustiger.

Für den ein oder anderen Lacher ist auch die neue Vox-Serie "Wann sind wir da?" gut, für die der Sender wieder mit Bantry Bay zusammenarbeitet, die auch schon die erste Vox-Serie „Club der roten Bänder“ produziert haben. Tatsächlich handelt es sich hier aber um den Versuch, ein Familiendrama auf den Bildschirm zu bringen. Dass "This is us" in den USA der größte Serienerfolg der jüngeren Vergangenheit ebenfalls ein Familiendrama war, sei dafür sicherlich eine Art Türöffner gewesen, meint Serienschöpfer Richard Kropf - das Vorbild sei es aber nicht, die Idee zu "Wann sind wir da" existiert schon einige Jahre länger.

Die Serie soll die ganze Bandbreite der Gefühle bedienen: "Die besten Drama-Serien schaffen es, dich innerhalb einer Stunde sowohl zum Lachen als auch zum Weinen zu bringen", erklärt Hauke Bartel, der bei Vox die fiktionalen Eigenproduktionen verantwortet. "Wann sind wir da" unterscheidet sich dabei übrigens in mehrfacher Hinsicht vom "Club der roten Bänder" aber auch dem in Kürze startenden "Milk & Honey": Diesmal ist es keine Adaption, sondern eine originäre deutsche Eigenentwicklung. Und diesmal gibt es mit Jürgen Vogel einen bekannten Hauptdarsteller, während man bislang auf Newcomer oder weniger bekannte Darsteller setzte. Da die Serie keine so "laute" und eindeutige Prämisse wie etwa "Milk & Honey" aufweist, wo vier Freunde als männliche Escorts anfangen, erhoffe man sich vom bekannten Namen die nötige Grund-Aufmerksamkeit für die Serie, erklärt Bartel.

Die deutsch-französische Produktion "Eden" von Lupa Filmproduktion, Atlantique Productions und Port Au Prince FilmGmbH für SWR/Arte erhält hingegen schon durch ihr aktuelles Thema Aufmerksamkeit: Es geht um Flüchtlinge. Alles beginnt damit, dass an einem griechischen Strand fünfzig Flüchtlinge mit einem Schlauchboot vor den Augen der Urlauber stranden und davon rennen. Dieses Ereignis ist Dreh- und Angelpunkt für das Schicksal der Protagonisten: eine deutsche Familie nimmt einen jungen Migranten auf, eine französische Unternehmerin ersinnt ein neues Modell zur Verwaltung von Flüchtlingslagern, ein griechischer Sicherheitsbeamter wird von Schuldgefühlen geplagt und eine syrische Familie ersucht politisches Asyl in Paris.

"Sie sind nicht so groß, wie sie scheinen."
ZDFneo-Chefin Nadine Bilke über Netflix

Vier Jahre ist es schon her, dass man mit den Arbeiten an der Serie begonnen hat und die größte Sorge war: Wird eine Serie, die sich einem solchen Thema widmet, eigentlich noch aktuell sein, wenn sie Jahre später heraus kommt? Wie man heute weiß, war diese Sorge unbegründet - es ist das große Thema dieser Jahre - und eines, das polarisiert. Doch egal, wie man generell zum Umgang mit Flüchtlingen stehen mag: Wenn man die Schicksale Einzelner darstellt, dann ist das schon wieder etwas ganz anderes. Und das sei auch die Chance, die man mit einer fiktionalen Serie in diesem Bereich habe.

Die "Work in Progress"-Sessions beim "Seriencamp" in München zeigte in jedem Fall eine vitale deutsche Produktionslandschaft mit enormer Bandbreite - von ernst bis witzig, von ausgefeiltem Drehbuch bis Improvisation, von eigenen Ideen bis zur Adaption, von öffentlich-rechtlich über privates Free-TV bis zu Pay-TV. Scheint ganz so, als habe nicht zuletzt neue Konkurrenz die deutsche TV-Landschaft tatsächlich ordentlich auf Trab gebracht.

Diese neue Konkurrenz wie Netflix oder Amazon Prime Video betrachtet man bei den alteingesessenen deutschen Sendern übrigens weiterhin betont gelassen. Klaus Holtmann, der bei der Mediengruppe RTL die Pay-TV-Aktivitäten verantwortet, rechnete einmal mehr vor, dass Netflix vielleicht 50 Stunden lokalen Content produziere, die Mediengruppe RTL hingegen eine Milliarde nur für deutsche Inhalte ausgebe. "Gemessen daran ist Netflix ziemlich klein". Und auch Nadine Bilke, die neue Chefin von ZDFneo stimmte ein: Selbst wenn man lineare Quoten außen vor lasse und nur die Mediatheken-Nutzung im Vergleich zu Netflix-Reichweiten betrachte, könne man relativ relaxt sein. "Sie sind nicht so groß, wie sie scheinen."

Dass Streaming-Dienste aber die Tür für andere, ungewöhnlichere Geschichten aufgestoßen haben, räumt auch Holtmann ein. "Wir sehen, dass es dafür ein Publikum gibt und werden dieses künftig auch bedienen." Insofern sei man offen für allerlei Vorschläge auch ungewöhnlicherer Art - schließlich will man künftig nicht nur Mainstream bei RTL bedienen, sondern plant beispielsweise auch Eigenproduktionen bei TV Now, den Anfang wird man bekanntlich ja mit "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" im Frühjahr schon machen. Und auch beim ZDF kommt es nicht von ungefähr, dass man damit begonnen hat, direkt für ZDFneo zu produzieren und dort jünger und edgier als im ZDF-Hauptprogramm sein zu können. Mit solchen Inhalten werde man auch für die Netflix-Zielgruppe relevant bleiben.

Über den Autor

Uwe Mantel ist stellvertretender Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Schaut seit den 80ern Fernsehen und schreibt seit 2004 auch darüber. Kann sich sowohl in gute Serien als auch trockene Zahlen vertiefen. Und seine fränkische Herkunft nicht verleugnen.

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