Undercover © ZDF/Jo Voets
DWDL-Serienkritik

"Undercover": Tony Soprano macht einen Campingausflug

 

Peace, Love und Ecstasy: Immerhin von letztgenanntem gibt es einiges in Belgien. In "Undercover" soll einer der größten Drogenringe Europas gesprengt werden, weshalb ein Polizisten-Duo erst einmal zum Campen fährt. Erfrischend moderne Bilder eines Mafialebens.

von Kevin Hennings
07.05.2019 - 17:25 Uhr

Limburg. Eine belgische Provinz nahe der deutschen Grenze, die sich wunderbar dafür eignet, um über's Wochenende mal die Seele baumeln zu lassen. So animiert die unberührte Natur zum Wandern, während das nur einen Katzensprung entfernte Maastricht mit einem entspannten Städtetrip lockt. Und wenn dann noch ein bisschen Zeit bleibt, machen Sie noch einen Abstecher zu Ferry Bouman, einem der größten Ecstasy-Produzenten Europas. Nun gut, der von ihm in der neuen ZDFneo-Serie "Undercover" verkörperte Drogen-Pate existiert nicht wirklich – die sinneserweiternden Pillchen sind in Limburg dafür umso prominenter. Die modern gedrehte Serie zeigt, dass die Wurzel allen Übels manchmal an den ungewöhnlichsten Orten gefunden werden kann. Auf einem Campingplatz beispielsweise.

Auf einem äußerst beschaulichen macht es sich Ferry (Frank Lammers, "Der Admiral") jeweils am Wochenende gemütlich, um nicht immer in seiner Hochsicherheitsvilla hocken zu müssen. Praktisch: Als Nachbarn hat er sein Schoßhündchen und ehemaligen Kickboxer Jurgen van Kamp (Kevin Janssens, "Vermisst"), der das Wort "Zundschnür" erst einmal nachschlagen müsste. Wenn er denn wüsste, was ein Duden ist und wie dieser handzuhaben ist. In diese freudige Nachbarschaft gesellen sich nun auch Kim (Anna Drijver, "Bellicher") und Bob (Tom Waes, "Pieter Aspe") – ein Ermittler-Duo, welches undercover dafür sorgen möchte, dass Limburg wieder das wird, wofür man es als Außenstehender hält.

Sie beziehen einen räudigen Wohnwagen in unmittelbarer Nähe zu Ferrys Ferienhaus und stehen vor der beinahe unmöglichen Aufgabe, eine Art Freundschaft zu ihm entwickeln zu müssen. Der Tony Soprano Belgiens ist in Sachen Gelassenheit nämlich genauso nachhilfebedürftig, wie sein Untertane Jurgen. Das Erwähnen des legendären Tony Soprano kommt nicht von irgendwo: "Undercover" schafft es mit einfachsten Mitteln eine Atmosphäre zu erschaffen, die auch bei den "Sopranos" geliebt wurde. Tony wurde in dieser Weltklasse-Serie nicht nur als brutaler Vollstrecker gezeigt, sondern auch als empfindlicher Mensch, der regelmäßig zur Therapie geht. So umfangreich und intensiv ist die Mafia-Version in "Undercover" zwar auf keinen Fall, doch man nimmt Ferry ab, dass er auch ein Mann mit Gefühlen ist. 

Einzigartig und dadurch auch sehenswert wird "Undercover" dank seiner zeitgemäßen Machart. Ganz klar: Das Budget war nicht übermäßig groß. Und doch, oder gerade deswegen hat man sich die Mühe gemacht, das Geld in die richtigen Ecken zu investieren. Die Bilder sind sauber inszeniert und stimmig – das, was man hier zu sehen bekommt, ist dörfliches Belgien und nicht durch jeden anderen Ort auf der Welt einfach so zu ersetzen. Diese Annahme festigt sich dadurch, dass die Drehbuchautoren penibel darauf geachtet haben, lokale Gags mit einzubauen. Jedoch nicht nur. Popkulturelles Augenzwinkern werden ebenso allerhand losgelassen. So heißt der prominent eingesetzte Hund der Frau von Ferry "Khaleesi" – die parallel zur Ausstrahlung noch um ihren Königstitel in "Game of Thrones" buhlt.

Wunderbar war die Entscheidung, Limburg zum Texas von Europa zu machen. So versammeln sich im Kuhkaff-Drogenbusiness die rassistischsten Arschlöcher um Ferry, die um 21:45 Uhr im deutschen Fernsehen gezeigt werden können. Bezeichnend dafür steht der Anfang der Serie: Es werden zwei verlotterte Asiaten in Unterhemd gezeigt, die mit einer Fußfessel verbunden Ecstasy-Pillen pressen. Als es durch einen tumultartigen Zwischenfall dazu kommt, dass einer von ihnen fliehen kann, dreht Boss Ferry durch. Wenn sein Handlanger, der für die Beiden zuständig ist, sie angemessen bezahlen und verpflegen würde, gäbe es diese Probleme doch nicht. "Aber das sind doch nur Chinesen!", erwidert der andere verständnislos. Der gleiche Mann besorgt anschließend irgendeinen anderen Asiaten, da er zu faul ist, den Entflohenen zu suchen. Fällt ja eh nicht auf.

Doch auch wenn diese Art Humor plump wirkt: Sie ist es nicht. Es wird vom Macher-Team um Eshref Reybrouck ("Danni Lowinski") und Frank Devos ("Sylvia‘s Cats") so sensibel und aufmerksam inszeniert, dass stets ein positiver Charme mitschwingt. Das ist unter anderem ein Grund dafür, warum "Undercover" im letzten Jahr bereits den Publikumspreis beim Seriencamp ergattern konnte.

Bei einem Titel wie "Undercover" und einer Inhaltsangabe, die erst einmal nach klassischem Krimi klingt, fällt es leicht, abgeschreckt wegzusehen. Bei diesem wunderbaren belgisch-deutschen Ko-Projekt, an dem neben ZDFneo und der good friends Filmproduktion auch Netflix beteiligt ist, ist "klassisch" jedoch das allerletzte Wort, mit dem diese Serie beschrieben werden sollte. Die austauschbare Kernhandlung, in der es darum geht, einen bösen Mann hinter Gittern zu bringen, ist so verschwindend egal im Vergleich zu all den kleinen Geschichten, die auf dem Weg dahin geschehen. Jede platzierte Figur bringt eine urkomische Nuance mit sich, die "Undercover" im Grunde zu einer kleinen Comedyeinlage macht. Limburg – das Kolumbien des Ecstasy, ist gespickt mit Mafia-Damen, die sich ihr Chi vom Campingplatzabgeordneten reinigen lassen, Jean-Claude Van Damme-Verschnitten die ihre Töchter mit Bier füttern und Photoshootings, bei denen sich die Models etwas mehr hinterfragen sollten, wieso sie dafür überhaupt zugesagt haben. Kurz & knapp: "Undercover" ist eine kurzweilige Serie, die es mehr als verdient hat, eine Chance von Ihnen zu bekommen.

Die erste Staffel von "Undercover" ist ab sofort immer mittwochs ab 21:45 Uhr in Doppelfolgen bei ZDFneo zu sehen. Alle Folgen werden am 8. Mai auf einen Schlag kostenfrei in der ZDF-Mediathek veröffentlicht. Netflix stellt die Serie hierzulande bislang nicht zur Verfügung. 

Über den Autor

Der Gerade-noch-Volo-nun-Jung-Redakteur Kevin Hennings ist seit 2016 bei DWDL.de. Neben seiner Liebe zur Serienwelt, die er oft in Form von Kritiken und Kommentaren zeigt, hegt er eine intensive Leidenschaft für Stand-Up-Comedy und Podcasts.

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