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Noch viele offene Fragen

Banijay schluckt EndemolShine: Der Montag danach

 

Wer am Wochenende einmal keinen Blick auf die Nachrichten geworfen hat, wird die größte Übernahme im Produzentenmarkt verpasst haben: Banijay übernimmt EndemolShine. Dieser Gewissheit stehen am ersten Arbeitstag danach viele offene Fragen gegenüber.

von Thomas Lückerath
28.10.2019 - 12:15 Uhr

Nach mehr als einem Jahr der Verhandlungen und vielfachen Berichten über eine kurz bevorstehende Übernahme kam vor zwei Tagen nun die finale Bestätigung (DWDL.de berichtete): "Banijay Group to Acquire Endemol Shine Group", so der Betreff der internationalen Pressemitteilung, die am Samstag um 10.15 Uhr deutscher Zeit verschickt wurde. Die Formulierungen in der Mitteilungen gingen dabei nicht über die erwartbaren Aussagen hinaus.

Mit der Übernahme entsteht eine der größten Produktionsfirmen für Bewegtbild auf der Welt - mit entsprechend vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die entsprechend viele Fragen haben und das natürlich nicht nur im deutschen Markt. Manche lassen sich naturgemäß so kurz nach einem Deal noch nicht beantworten, andere aber stellen sich unmittelbar. Doch die Übernahme beschäftigt nicht nur die Unternehmen selbst, sondern auch die Branche. Noch sind die Auswirkungen dieses Bebens vom Wochenende gar nicht absehbar.



Beispielsweise zählte die Banijay Group zuletzt auch zum Kreis der möglichen Interessenten für eine Übernahme des zum Verkauf stehenden Produktionsgeschäfts der ProSiebenSat.1 Media SE, Red Arrow Studios. Die Übernahme von EndemolShine mit jetzt schon bevorstehenden Mammut-Aufgaben der Integration in den unzähligen Märkten, macht einen weiteren Kauf von Banijay eher unwahrscheinlich. Aus dem ProSiebenSat.1-Umfeld war nach der Meldung vom Wochenende daher ein Stück weit Ernüchterung zu vernehmen. Ein attraktiver Käufer scheint dort aus dem Rennen zu sein.

Zahlreich sind natürlich die naheliegenden Fragen der unmittelbar betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von EndemolShine in Deutschland. Nach DWDL.de-Informationen beabsichtigt die Banijay Deutschland Gruppe keine radikalen Maßnahmen. CEO Marcus Wolter kennt EndemolShine und die dortigen Kolleginnen und Kollegen schließlich noch sehr gut. Denkbar ist, dass EndemolShine wie auch Banijay Entertainment und Good Times eine Marke unter dem dafür vorsorglich schon geschaffenen Dach der Banijay Deutschland Gruppe bleibt.

Dafür spricht: Marcus Wolter war schon zu seiner Zeit bei EndemolShine Germany ein Freund des Boutique-Modells mit diversen Marken im Markt und hat zuletzt bereits personell eine Gruppen-Struktur aufgebaut. Auf internationaler Ebene ist allerdings die Frage, ob EndemolShine als eigenständige Marke dauerhaft erhalten bleiben soll, noch nicht adressiert worden. US-Branchendienste befürchteten in einigen Märkten schon ein "Blutbad", weil es nicht überall so gute Voraussetzungen für eine Integration gibt wie in Deutschland.

Sollte Banijay in anderen Märkten nur noch unter eigener Flagge agieren wollen, dürfte das auch Auswirkungen auf das deutsche Gruppen-Modell von Banijay bzw. EndemolShine Germany haben. Dort führt derzeit Magnus Kastner die Geschäfte. Wie bei jeder Übernahme stellt sich auch hier die personelle Frage: Wie gut kann Kastner mit seinem Vorgänger Marcus Wolter, an den er künftig berichten muss? Wolter ist auf dem vorläufigen Höhepunkt seines Erfolgs.

Die vergangenen anderthalb Jahren hätten für den 51-jährigen Fernsehmanager nicht besser laufen könnte. Auf den Ausstieg bei EndemolShine Germany folgte sein Einstieg bei der Banijay Gruppe Deutschland - und das nur als Geschäftsführer, sondern auch Gesellschafter. Mehrere kreative Köpfe von EndemolShine sind ihm in den Monaten danach gefolgt, etwa Arno Schneppenheim, Knut Kremling oder Fabian Tobias. Und jetzt liegt auch die alte Wirkungsstätte wieder in seiner Verantwortung. König Marcus, der I., seines Zeichens Glücksritter der Gegebenheiten.

Es war auch Wolter, der die beiden Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg vor zehn Jahren für ein Joint Venture mit EndemolShine gewinnen konnte, aus dem neben zahlreichen Fernsehfilmen und Mehrteilern auch gefeierte Serienproduktionen wie "4 Blocks", "Der Pass" und "Dark" hervorgingen. Neben Wiedemann & Berg TV gibt es noch eine weitere Firma:  Wiedemann & Berg Film, und für diese Kinofilmproduktion haben sich die Beiden im Frühjahr mit Leonine unter Führung von Fred Kogel einen neuen Partner gesucht.

In einem Geschäft, von dem stets behauptet wird, es sei ein Peoples Business, scheint es auf Dauer wenig praktikabel, dass Max Wiedemann und Quirin Berg einerseits mit Leonine, andererseits mit EndemolShine verbunden sind. Erst recht, wenn bei Filmproduktionen für Streamingdienste die früher klare Trennung zwischen Kinofilm und Fernsehfilm verschmilzt und zum Dilemma für diese Zweiteilung des Geschäfts wird. Gut möglich, dass die Übernahme von EndemolShine und folgende Veränderungen auch Auswirkungen auf das Joint Venture haben.

Auch hier gilt: Antworten fehlen vorerst. Es ist eben gerade einmal zwei Tage her, dass aus Spekulationen einer Übernahme Gewissheit wurde. Deutlich wird aber: Eine Übernahme dieser Größenordnung wird auch auf dem deutschen Markt mehr als nur die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Banijay und EndemolShine betreffen. Ein neuer Produktionsriese entsteht, auf internationaler Ebene, aber auch in Deutschland. Die Auswirkungen werden die Branche noch weit bis ins Jahr 2020 beschäftigen.

Über den Autor

Thomas Lückerath ist Gründer und Chefredakteur des Medienmagazins DWDL.de. Hatte schon viereckige Augen, bevor es Bingewatching gab. Liebt Serien, das Formatgeschäft und das internationale TV-Business. Ist mehr unterwegs als am Schreibtisch.

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