Hope@Home © obs/ARTE G.E.I.E./Daniel Waldhecker
Einbußen und Alternativpläne

Artes Kulturoffensive in der Krise: "You made my month"

 

Mit den Einschränkungen in der Coronakrise gehen bis heute auch kulturelle Begrenzungen einher. Arte will seiner Aufgabe, Kultur zu sammeln und zu präsentieren, in dieser Zeit mehr denn je gerecht werden. Doch einige Planungen muss man über den Haufen werfen.

von Kevin Hennings
26.05.2020 - 13:06 Uhr

"Akzeptiere ich, dass jede Krise eine Chance ist, dann nehme ich ihr ein großes Stück Macht über mich", sprach die Fernsehmoderatorin Nina Ruge 2008 in einem Interview das aus, was sich momentan besonders Kreative zu Herzen nehmen müssen. Besonders viel Kreativität wird in unserer Kultur gebündelt, die in der Fernsehlandschaft speziell bei Arte zu finden ist. Ein Sender, der in den vergangenen Wochen bewiesen hat, dass Kultur nicht an physische Grenzen gebunden ist. Das beste Beispiel dafür ist die Einbindung des britisch-deutschen Violinisten und Weltstars Daniel Hope, dem in kürzester Zeit über 70 geplante Konzerte weggebrochen sind. Kurz nach den ersten Lockdown-Gesetzen hat er mit "Hope@Home" seine eigene Wohnzimmershow bekommen, von der konkreten Planung bis zum ersten Dreh sind gerade einmal 36 Stunden vergangen.


Aus einer Schnapsidee, die Anfang des Jahres bei einem Kaffee mit Wolfgang Bergmann, Geschäftsführer Arte Deutschland, entstanden ist, wurde eine tägliche Produktion, die populär gewordene Instagram-Live-Streams und Coronaproduktionen im Konferenzstil deutlich in den Schatten stellt. Mit modernen FS-7 Kameras werden Bilder inszeniert, die nicht ahnen lassen, dass sich dahinter gar keine ausgebildeten Kameraleute befinden. Grenzenlosen Rückhalt gab es dabei von Bergmann, wie Hope in einer Pressekonferenz verrät. "Die größten Theater stehen in anderen Ländern vor dem Aus", sagt er. Betroffen ist etwa das Shakespeare Globe Theatre in London. Eine Institution, die seiner Meinung nach nicht die gerechte Hilfe erfährt. "In Deutschland gibt es Rückhalt, auch wenn es davon natürlich gerne immer mehr geben kann."

Für Arte-Chef Bergmann war die Investition in Hopes kulturelle Zusammenführung auch eine, die sich in der Reichweite bemerkbar gemacht hat. Mit "Hope@Home" und Arte Concert erreichte man eine Verdreifachung des Publikums. Diese Entwicklung spreche laut Bergmann Bände und zeige ganz klar, was für ein Verlangen nach gutem Content herrsche. "Normalerweise sagt man im Englischen 'you made my day', aber dieses Mal muss ich sagen, Daniel, 'you made my month'."


Der Erfolg der spontanen Programmänderung, zu der auch die kulturelle Internetreise "Culture@Home" mit Bianca Hauda und Romy Straßenburg gehört, tröstet jedoch nicht darüber hinweg, dass Arte einige ersehnte Projekte gänzlich absagen musste. So erklärte Claire Isambert, Leiterin der Hauptabteilung Kultur, am Montag bei der Pressekonferenz, dass unter anderem das große Event zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven nicht in der geplanten Form stattfinden kann. Am 21. Juni sollten seine neun Sinfonien aus neun europäischen Städten als Open-Air-Event mit Publikum aufgezeichnet und gezeigt werden. Auch der neu inszenierte Ring aus Bayreuth sollte den Sommer-Programmkalender füllen, ebenso wie die Salzburger Festspiele und all die Pop-, Rock- und Metal-Musikfestivals, deren Übertragungen in den vergangenen Jahren immer Bestandteil von Arte waren.

Stattdessen wird es nun einen virtuellen Festivalsommer geben und es wird darüber nachgedacht, den Beethoven-Tag in der angedachten Form an einem späteren Termin nachzuholen. "Vor dem Frühjahr 2021 wird das aber leider nicht passieren", so Isambert. Nichtsdestotrotz wird Beethoven am 21. Juni bei Arte geehrt, indem zahlreiche Konzertaufnahmen und Dokumentationen gezeigt werden. "Wir strahlen außerdem um 19 Uhr die erste Sinfonie aus, die von einem Sinfonieorchester seit dem Lockdown gespielt wird: Das Orchestre de la Suisse Romande wird unter der Leitung von Jonathan Nott die neunte Sinfonie von Beethoven aus der Victoria Hall in Genf spielen – natürlich ohne Publikum."

Ein weiterer wichtiger Bestandteil von Arte war in den vergangenen Wochen das digitale Clubprojekt #UnitedWeStream das von der Clubcommission Berlin e.V. ins Leben gerufen wurde, um auf die diffizile Situation der Clubszene während des Lockdowns aufmerksam zu machen. Seit dem 18. März werden jeden Tag ab 19 Uhr DJ-Sets aus europäischen Clubs gespielt – über 11 Millionen Aufrufe konnten seitdem über Facebook, YouTube und die Arte Mediathek generiert werden. Eine stolze Zahl, die jedoch nichts daran ändern wird, dass das Projekt keines für die Ewigkeit ist. "Elektronische Klänge haben zwar schon immer eine Rolle bei Arte gespielt, doch #UnitedWeStream wird die Zeit nach Corona wohl trotzdem nicht bei uns überleben", so Bergmann. "Auch die Künstler wünschen sich das nicht als Dauerveranstaltung." Für die momentane Möglichkeit ihrer Arbeit nachgehen zu können, dürften sie jedoch trotzdem dankbar sein.

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