Glaubt man einer rund sechs Jahre alten Erhebung des Richterbundes Bremen, dann arbeiten Richterinnen und Richter in Deutschland im Wochenschnitt etwas weniger als 50 Stunden. Staatsanwälte sollen offiziell um die 40 Stunden arbeiten, zu rechnen sei mitunter aber mit deutlich höheren Stundenzahlen. Eine entsprechend erhöhte Arbeitsbelastung stellt sich seit kurzer Zeit auch bei Ulrich Wetzel ein. Seit vergangenem Herbst ist er zurück im TV-Business. Schon von 2002 bis 2008 präsentierte er einst im RTL-Nachmittagsprogramm "Das Strafgericht", seit einigen Monaten produziert Constantin Entertainment die Fortsetzung, nun unter leicht angepasstem Titel "Ulrich Wetzel – Das Strafgericht".

 

Weil die neuen Gerichtssendungen RTL insbesondere abseits der klassischen Zielgruppe Publikum zuspielen, wird die Schiene ab der kommenden Woche Montag bis 17:30 Uhr um "Das Jugendgericht" erweitert. Auch beim neuen Jugendgericht soll Wetzel den Vorsitz übernehmen – er führt somit also in einer normalen Arbeitswoche durch zehn Verhandlungen, brutto ist er siebeneinhalb Stunden nachmittags und zwölfeinhalb Stunden inklusive Vormittags-Wiederholungen on air, dazu kommen neuerdings weitere Aufgüsse am Wochenende.

Im Eilverfahren sollen die Fälle des nur halbstündigen "Jugendgerichts" dennoch nicht abgeurteilt werden, verspricht Wetzel im Gespräch mit DWDL.de, nicht ohne zu erklären, dass "Eilverfahren" in Wirklichkeit "beschleunigte Verfahren" heißen. "Wir sind aber in beiden Formaten bemüht, das gerichtliche Verfahren möglichst zeitnah auf die Tat folgen zu lassen. Eine Forderung, die permanent an die Justiz herangetragen wird, infolge insbesondere personeller Unterbesetzung aber oft nicht zu leisten ist", sagt der heute 66-Jährige mit einem Schmunzeln.

Jenseits der Altersgrenze

Würde er in einem echten Gericht arbeiten, dann wäre sein Ruhestand in greifbarer Nähe. Deutsche Richterinnen und Richter erreichen die Altersgrenze in der Regel mit Vollendung des 67. Lebensjahres. Dass es RTL da nicht so genau nimmt, zeigt auch Barbara Salesch, die mit 72 Jahren wieder geschriebene Fälle verhandelt.

Richter Alexander Hold © Sat.1 Alexander Hold
Überraschend kommt die Rückkehr der TV-Juristen nicht, auch wenn sich die Verantwortlichen großer Sender lange sträubten - und dies in Unterföhring bis heute tun -, die Ära der Gerichtsshows neu aufleben zu lassen. Doch nachdem sich alte Ausgaben, besonders beim Spartenkanal RTL Up, aber auch bei Sat.1 Gold, über viele Monate hinweg als sehr quotenstark präsentierten, war ein regelrechter Run auf die Daytime-Juristen von früher entstanden. Nicht nur bei Salesch und Wetzel klingelte einst das Telefon – auch andere Richter wurden um ein TV-Comeback gebeten. So etwa Alexander Hold: Der Allgäuer saß von 2001 bis 2013 in über 2000 Episoden einer nach ihm benannten Sat.1-Show am Richterpult und war später noch in weiteren Formaten wie "Im Namen der Gerechtigkeit" präsent.

"Das Telefon steht praktisch nicht mehr still." 
Alexander Hold

"Das Telefon steht praktisch nicht mehr still. Schon bevor Barbara Salesch und Ulrich Wetzel mit neuen Folgen auf den Bildschirm zurückgekehrt sind, gab es wiederholt Anfragen, was auch nicht so verwunderlich ist, nachdem deren und meine teils 20 Jahre alten Sendungen heute noch teils bessere Quoten erreichen als so manches neue Format", sagt der Jurist zu DWDL.de. Zur Verfügung steht er übrigens nicht mehr – sein Fokus liegt auf dem Oktober. Dann nämlich sind in Bayern Landtagswahlen und die haben für den gebürtigen Kemptener inzwischen eine große Bedeutung. Aktuell ist Hold einer der Vizepräsidenten des bayerischen Landtags, im Herbst tritt er für die Freien Wähler als Spitzenkandidat in Schwaben an.

Frank Engeland © Imago / Teutopress "Das Familiengericht" im Jahr 2002 mit dem vorsitzenden Richter Frank Engeland
Sein Kollege Frank Engeland, der ab Herbst 2002 rund fünf Jahre lang Richter des "Familiengerichts" bei RTL war, berichtet gegenüber DWDL.de: "Selbstverständlich wurde auch ich mehrfach angefragt, habe jedoch keinerlei Intention wieder vor die Kamera zu treten". Engeland ist inzwischen wieder beim Amtsgericht in Köln tätig und dort mit Registersachen befasst. Mit seinem Kollegen Hold eint ihn, dass er "weder die Sendungen der Kollegen noch die Wiederholungen des 'Familiengerichts'" schaue.

Bei anderen früheren Protagonisten der Nachmittagssendungen hatten die produzierenden Firmen indes mehr Erfolg. Juristen wie Bernd Römer oder Ulrike Tasic blieben Barbara Salesch treu. In ihren Sendungen ist mittlerweile mit Matthias Klagge ein Mann zu sehen, der früher Rechtsanwalt im RTL-"Familiengericht" war. Beim "Strafgericht" wiederum mischen, wie damals, unter anderem Funda Bıçakoğlu oder Gabriele Bender-Paukens auf Seiten der Staatsanwaltschaft mit. Sie wechseln sich dort mit Stephan Lucas ab, bekannt geworden einst bei "Richter Alexander Hold". Und auch Christopher Posch steht vor einem Comeback – nicht mehr als TV-Staatsanwalt, sondern als Verteidiger im neuen "Jugendgericht".

Die neue RTL-Sendung soll, so umschreibt es Ulrich Wetzel, eine neue Farbe in den Gerichtsshow-Nachmittag bringen. "Das Jugendgericht unterscheidet sich vom Strafgericht neben der Art der Verhandlungsführung in erster Linie in der Zielsetzung des Verfahrens. Während in Verfahren gegen Erwachsene in erster Linie Strafzwecke wie Sanktion und Prävention im Vordergrund stehen, geht es in Jugendgerichtsverfahren um erzieherische Einwirkung auf Angeklagte, Einbeziehung der Familie, ggfls. des Jugendamtes und um die Korrektur von fehlgeleiteten Entwicklungen bei Jugendlichen und Heranwachsenden", sagt er.

"Wichtiger Anker"

Über die aktuell wieder große Nachfrage nach Sendungen dieser Art sei er indes nicht überrascht, wie er "ohne eingebildet sein zu wollen" erzählt. "Beide Sendungen vermitteln Menschen, dass Verlass auf den Rechtsstaat, die Ermittlungsbehörden und letztendlich auf Gerechtigkeit ist. Das ist gerade in Zeiten der Unsicherheit ein wichtiger Anker, der Verwirrungen sortiert, Schieflagen einordnet und Vertrauen in unsere Demokratie bestärkt."

Durchaus möglich also, dass mit "Ulrich Wetzel – Das Jugendgericht" noch nicht das Ende der Fahnenstange in Sachen Daily-Courtshow erreicht ist. Auf früheres Richterpersonal lässt sich dann aber nicht mehr zurückgreifen. Neben den Desinteresse bekundenden Hold und Engeland urteilten früher im deutschen Fernsehen noch Ruth Herz und Kirsten Erl. Sowohl Herz als auch Erl sind inzwischen jedoch verstorben.

Es sind also die bekannten Köpfe von früher, die aktuell als Aushängeschilder gefragt sind: "Wir sind sehr glücklich, dass Barbara Salesch und Uli Wetzel den Vorsitz im Strafgericht übernommen haben. Und wir hoffen, dass sie ihn auch nicht so schnell wieder abgegeben. Wir sind fest davon überzeugt, dass Barbara Salesch und Uli Wetzel wichtig für den Erfolg der Reihe sind. Sie bieten dem Publikum Orientierung und vermitteln ein hohes Maß an Expertise und Kompetenz. Sie haben die Messlatte verdammt hochgehängt", sagt Pierre N'Goma, Head of Producers von RTL. Angesichts des aktuellen Courtshow-Erfolges schließe man es dennoch nicht kategorisch aus, "dass irgendwann in der Zukunft auch einmal ein neues Gesicht am Richterpult Platz nehmen könnte", so N'Goma.

An weiterem Nachschub wird ohnehin längst gearbeitet. Nach DWDL.de-Informationen denkt RTL über eine Neuauflage des "Familiengerichts" nach - zwar ohne Frank Engeland, aber möglicherweise mit Matthias Klagge und seiner Anwalts-Kollegin Barbara von Minckwitz. Abseits des Gerichtssaals könnte daneben schon bald auch wieder die Stunde der "Trovatos" schlagen. Die einst von Filmpool produzierte Detektiv-Soap gilt als Kandidat für eine Neuauflage bei RTLzwei. Den Titel hat man sich bereits schützen lassen. Aus dem geht allerdings hervor, dass hier keineswegs nur auf die alten Hasen setzen wird: Die Rede ist von "Die Trovatos - Next Generation".

"Ulrich Wetzel - Das Strafgericht", montags bis freitags um 16:00 Uhr bei RTL, "Ulrich Wetzel - Das Jugendgericht" läuft ab der kommenden Woche direkt im Anschluss um 17:00 Uhr