Sie hatte kaum eine Stimme und doch viel zu erzählen: Der Langstreckenflug rüber nach Spanien sei schuld, sagt Javiera Balmaceda zu Beginn ihrer Conecta-Keynote in Toledo und entschuldigt sich gleich für das schlechte Storytelling: „Ich hätte auch echt gerne eine spektakulärere Geschichte dazu zu erzählen.“ 

Javiera Balmaceda verantwortet bei Amazon Studios die lokalen Auftragsproduktionen in Lateinamerika, Kanada und Australien. Ein zugegeben kurioser Zuschnitt, der größeren Strukturen bei Amazon folgt. Bei der Conecta steht Lateinamerika im Fokus, darüber spricht sie auf der Bühne mit Moderatorin Lily Ford vom "Hollywood Reporter".

Und von dort kann Großes um die Welt gehen: Mag die deutsche Adaption von „LOL“ zwar inzwischen als Blaupause für viele weitere internationale Adaptionen des erfolgreichen Format-Franchise von Prime Video gelten, so kommt die erste Amazon-Umsetzung des Comedyformats aus Mexiko. Darauf legt Javiera Balmaceda durchaus großen Wert.

Conecta © Conecta

Und das obwohl Comedy das schwerste Genre sei in Lateinamerika, denn die kulturellen Unterschiede über so viele spanischsprachige Länder und zwei Kontinente hinweg seien doch erheblich. „Die Geschmäcker sind sehr verschieden“, sagt Balmaceda. Und nicht nur das, auch Akzente: „Ich persönlich komme aus Chile und jeder hasst unseren Dialekt“, sagt sie und lacht.

Manche chilenische Produktion wird für andere spanischsprachige Märkte nochmals neu sychronisiert. Argentinische Produktionen werden für Mexiko eher nochmal neu adaptiert als im Original übernommen. Aber die Hürde für zunächst einmal fremde Geschichten oder Akzente fällt: „Die Zukunft sieht rosig aus.“

Dem auch international in Toledo diskutierten Eindruck, dass das globale Produktionsvolumen gerade eher stagniert, weicht die Managerin von Amazon Studios ein Stück weit aus, zählt dafür die Vielzahl von Produktionen auf, die man gerade in diversen Märkten Lateinamerikas - und darüber hinaus - in Produktion habe. 

Was aber ist derzeit gefragt? „True Crime ist auch weiter ein Selbstläufer“, sagt Javiera Balmaceda und meint damit gleichermaßen Dokudrama und die fiktionalisierte Aufarbeitung. Als Beispiel hat sie einen Trailer zum brasilianischen Film „The Park Maniac“ über den berühmtesten Serienkiller Brasiliens mitgebracht.

Javiera Balmaceda © Conecta

Man schrecke aber auch nicht davor zurück, politische Themen aufzugreifen, was gerade im politisch turbulenten Lateinamerika durchaus kritisch sein kann. Ein globaler Player statt nationaler Anbieter zu sein, mache das einfacher. Mit dem Film „Argentinien, 1985“ gewann man Anfang vergangenen Jahres erst den Golden Globe in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film.

„Argentinien, 1985“ basiert auf der wahren Geschichte von Julio Strassera, Luis Moreno Ocampo und ihrem jungen Anwaltsteam, die es wagten - allen Widrigkeiten zum Trotz - die Köpfe der blutigen Militärdiktatur Argentiniens anzuklagen. Javiera Balmaceda ergänzt: Action und Thriller, gerne basierend auf realen Geschichten, würden weiterhin am Besten funktionieren.

Gut bekannte Genres also. Damit deckt sich ihre Botschaft in Toledo mit dem, was ihr Amazon Studios-Kollege Philip Pratt auch in Deutschland zuletzt mehrfach betonte: „Wir schwenken weg von zu nischigen Projekten.“ Mainstream, so Javiera Balmaceda, müsse aber trotzdem von Herzen lokal gedacht und nicht mit globalem Markt im Kopf entwickelt werden.