Eine Krisentasche ist immer gepackt. Schutzweste, Helm, daneben Mikrofon und MacBook, aufgeladen für den Fall, dass irgendwo auf der Welt etwas passiert und aus einem ganz anders geplanten Tag plötzlich ein Einsatz vor Ort wird. Paul Ronzheimer verkörpert Journalismus als permanente Bereitschaft - und speist inzwischen daraus einen Podcast, der immer wieder genau davon lebt. Er ist Reporter, Podcaster, TV-Gesicht und Personenmarke, nebenbei auch stellvertretender „Bild“-Chefredakteur. Einer, der aus Ostfriesland in die Krisengebiete der Welt zog: Erst Berlin, dann international und inzwischen täglich sendet. Oder besser: spricht. Diesmal als Gast in der neuen Folge von „visionär on air“, dem Podcast von VAUNET und DWDL.de

Was macht journalistische Relevanz aus und welche Mediengattungen und -marken können sie heute für sich reklamieren? Ronzheimer kann mit dem Begriff „klassische Medien“ wenig anfangen. Er denkt dabei an Print ohne Online, lineares Fernsehen, die alte Ordnung. Podcast dagegen sei längst keine Spielerei mehr. Das merke er auch daran, wie Menschen ihm begegnen. Früher hätten sie gesagt: „Du bist doch der Typ von Bild“ oder „Ich habe dich bei Lanz gesehen“. Heute heiße es: „Ich höre deinen Podcast.“ Das sei näher, persönlicher, manchmal fast zu nah. Podcast ist keine Nische, in täglicher Form eher Beziehungspflege: Wer jemandem so regelmäßig ins Ohr spricht, baut mehr auf als Reichweite. Es entsteht Vertrautheit, vielleicht sogar Vertrauen. 

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Und aus dieser Nähe wächst Einfluss. Ronzheimer beschreibt Podcasts in politischen Fragen durchaus als Leitmedium – wehrt sich aber zugleich gegen die Vorstellung, es handele sich um ein „Berlin-Bubble-Ding“. Natürlich höre die politische Elite zu; natürlich Redaktionen; natürlich würden Gäste nach Podcast-Auftritten bei ihm plötzlich auch als Expert*innen in TV-Talkshows eingeladen. Aber die Reaktionen kämen eben aus dem ganzen Land.  Interessant ist dabei, wie sehr Ronzheimer selbst vom Hören geprägt ist. Ist er als Journalist nur auf Sendung - oder auch auf Empfang? Natürlich, entgegnet er. 

Auf dem Weg zum Flughafen Politico, zwischen Sicherheitskontrolle und Boarding Roger Köppel mit Björn Höcke, dazu „The Daily“ von der „New York Times“, „Table-Briefing“ und „Apokalypse“. Nicht in doppelter Geschwindigkeit, wie er sagt – davon werde ihm schwindelig. Aber fast immer irgendwo zwischendurch. Im Auto, Zug, Flugzeug. Er höre heute sehr viel mehr, als er lese. Das ist ein bemerkenswerter Satz für einen Journalisten, der aus der Zeitung kommt. Und er führt zu einer größeren Frage. Was kann Radio vom Podcast-Boom lernen? Ronzheimer sieht durchaus Chancen, verweist etwa auf den Deutschlandfunk, kritisiert aber zugleich, dass viele klassische Sender im Podcastmarkt nicht entschlossen genug auf Personenmarken gesetzt hätten.

Podcasts, so seine Beobachtung, funktionieren oft weniger über Formate als über Köpfe - sagt Paul Ronzheimer. Der Podcast trägt seinen Namen, ebenso wie spätere TV-Projekte. Das sei anfangs eher pragmatisch entstanden: Man kenne ihn, also nenne man es so. Heute ist daraus mehr geworden. Axel Springer wolle Personenmarken entwickeln, sagt Ronzheimer. Zugleich betont er, wie frei er arbeite. Niemand rufe an und frage, warum dieser oder jener Gast eingeladen worden sei. Es sei das freiste Arbeiten, das er je erlebt habe. Diese Freiheit ist ein zentraler Punkt des Gesprächs. Sie erklärt auch, warum Ronzheimer die kleinen Strukturen seines Podcast-Teams so schätzt. 

Paul Ronzheimer © DWDL.de

Gemeinsam mit Filipp Piatov, Producer Daniel van Moll und Lieven Jenrich produziert er sieben Tage die Woche. Schnell, oft ohne Schnitt. Wenn nachts etwas passiert, wird aufgenommen. Genau diese Flexibilität sieht er als Vorteil gegenüber größeren Systemen, auch wenn er die Arbeit vieler Reporterinnen und Reporter bei ARD und ZDF ausdrücklich lobt. Aber die Strukturen dort seien eben andere. Podcasts seien ein Stück weit Gegenmodell eines perfektionierten Medienbetriebs. Nicht alles ist glatt. Nicht alles ist ausgeleuchtet. Nicht alles ist bis zur letzten Silbe poliert. Bei Ronzheimer ist vieles One Take. Und trotzdem – oder gerade deshalb – funktioniert es. 

Gleichzeitig widerspricht er der alten Radioweisheit, Dinge würden sich „versenden“. Im Podcast-Zeitalter gilt eher das Gegenteil: „Alles, was gesagt ist, ist gesagt.“ Jeder Satz kann auf Social Media herausgelöst, diskutiert, kritisiert werden. Relevanz zeigt sich auch darin, dass nichts mehr einfach verschwindet. Doch trotz steigender Reichweiten und dieser Vervielfältigung und sei die Werbevermarktung im Nachrichten- und Politik-Podcast noch nicht dort, wo sie sein müsste. Das Argument vom schwierigen Umfeld – Krieg, Krisen, schlechte Nachrichten – versteht Ronzheimer nur bedingt. Schließlich gehe es genau dort um Relevanz. In den USA seien Podcasts, auch im Nachrichtenumfeld, sehr viel besser vermarktet.

Beim Thema Host-Reads ist er vorsichtig: Selbst will er sie momentan nicht machen, verteidigt aber Kolleginnen und Kollegen, die diesen Weg gehen. Die Debatte darüber müsse ehrlich geführt werden. Journalismus müsse finanziert werden, neue Marken und neue Formen erst recht. „Andere, die keine Host-Reads machen, vermieten möglicherweise ihre Boote“, so Ronzheimer mit Gruß Richtung Gabor Steingart. Dass ausgerechnet politische Podcasts mit hoher Bindung und hoher Durchhör-Rate für Werbekunden noch immer sperrig wirken, gehöre zu den ungelösten Widersprüchen der Branche, so Ronzheimer im VAUNETxDWDL-Podcast.

Ein zweiter Widerspruch liegt in der Plattformfrage. YouTube, Spotify, Apple Podcasts – überall sein, sagt er. Wer heute sage, man finde ihn nur noch auf bild.de, verliere einen großen Teil des Publikums. Die Menschen hätten gelernt, Inhalte auf YouTube zu finden. Gerade lange Formate mit 45 Minuten könnten dort funktionieren und relevante Erlöse bringen. Die eigene Plattform bleibe wichtig, aber die Vorstellung, Menschen würden massenhaft von einer Homepage aus in ein langes Audio- oder Videoformat wechseln, habe sich bislang nicht bestätigt. 

Stichwort Video-Podcast, ein Trend den - völlig selbstlos - vor allem YouTube in jüngster Zeit ausruft. Aber auch Anbieter wie Talk?Now!, die die Brücke schlagen wollen zwischen Podcast und Broadcast. Was reize ihn mehr: Audio oder Video? Ronzheimer hätte vor anderthalb Jahren noch Audio gesagt. Heute sagt er: Video. Nicht, weil er selbst unbedingt gesehen werden möchte. Im Gegenteil: Audio habe den Charme, dass niemand sehe, wenn er nachdenke oder nebenbei etwas nachschaue. Aber die Zahlen sprächen dafür, dass viele Nutzerinnen und Nutzer den Podcast sehen wollen. Andere schalten das Video einfach aus und hören weiter. Das eine müsse das andere nicht ersetzen.

Ronzheimer spricht auch über die Schattenseiten dieser Personenmarke. Wenn sein Name auf einem Format steht, fällt auch ein Fehler direkt auf ihn zurück, wie bei seiner Sat.1-Sendung kürzlich. Natürlich ärgere ihn das. Natürlich sei es unangenehm. Zugleich beschreibt er die Verantwortung als Teamleistung – und als Teil eines Medienbetriebs, in dem Fehler aufgearbeitet werden müssen. Kein Vergleich mit dem, was er als schmerzhaftestes Learning seiner Karriere bezeichnet. Dabei wird es noch einmal ernster. Im Krisengebiet zu erleben, wie Kollegen sterben, die man morgens noch gesehen hat – und danach weiterarbeiten zu müssen, sagt Ronzheimer.

Es ist einer dieser Momente, in denen das Gespräch kurz aus der Medienanalyse herausfällt und klar wird, dass der Beruf des Journalisten im besten Fall Handwerk, Haltung, Neugier und Härte verlangt, manchmal aber auch einen hohen Preis hat. Was würde Ronzheimer an der Medienbranche ändern? Mehr Investitionen in Reporter, sagt er. Vom Lokalen bis zum Bund. Mehr Zeit für Recherche. Und was macht ihm Hoffnung? Dass so viele Menschen Podcasts hören. Auch junge Menschen. Für ihn ist das ein Zeichen, dass es weiterhin Interesse an Analyse, Einordnung und Tiefe gibt – nicht nur an TikTok- und Instagram-Schnipseln. Ein positives Signal für alle Medienmacher*innen.