"Gilmore Girls: A Year In The Life" © Saeed Adyani/Netflix
Meine Woche in Serie

Die schwachen & tollen Momente der Netflix-"Gilmore Girls"

 

Die Fortsetzung der "Gilmore Girls" hat Fans weltweit in ihren Bann geschlagen - auch unsere Kolumnistin Ulrike Klode. Sie ist noch unentschieden, ob sie von allen 4 Folgen richtig begeistert ist und hat deswegen zwei Listen gemacht. ACHTUNG, SPOILER!

von Ulrike Klode
26.11.2016 - 10:15 Uhr

Nein, es ist nicht perfekt. Ja, die Schwächen sind unübersehbar. Aber, klar, die Erwartungen an die neuen "Gilmore Girls"-Folgen waren riesig. Schließlich hatten wir fast zehn Jahre Zeit, Erwartungen aufzubauen - und die bereits gesehenen 153 Episoden in der Erinnerung zu überhöhen. Und ich war vor einem Jahr sehr skeptisch, ob es überhaupt eine gute Idee ist, die Serie fortzusetzen (meinen Text dazu gibt's hier: "Ich habe Angst vor den Netflix-'Gilmore Girls'".) Bevor ich jetzt gleich eine Liste mit "Hach"-Momenten aufschreibe, kurz noch ein paar wichtige Punkte, die mich gestört haben - in der Hoffnung, dass sich für die nächste Fortsetzung etwas ändert. (Ja, nach dem Ende gehe ich davon aus, dass es weitere Folgen geben kann - das hängt natürlich vom Erfolg für Netflix ab.)

- ACHTUNG, ab hier folgen SPOILER für alle vier Episoden von "Gilmore Girls: A Year In The Life" - 

 - Zu viel Daniel Palladino: Die Folgen "Winter" und "Fall" wurden von Amy Sherman-Palladino geschrieben und inszeniert, die anderen beiden von ihrem Mann Daniel Palladino. Das merkt man, "Winter" und "Fall" erzeugen ein anderes Gefühl beim Gucken, dieses typische "Gilmore Girls"-Gefühl, das "Spring" und "Summer" bei mir nicht hervorrufen konnten. Woran genau das liegt, werde ich beim zweiten Anschauen erforschen.

- Zu viel Musical: Grundsätzlich finde ich die Idee eines Stars-Hollow-Musicals witzig. Aber das so lange auszuwälzen?!? Nein, drei Stunden war wirklich zu lang. Achso, es waren nur 20 Minuten? 5 Minuten hätten ausgereicht, um die Message rüberzubringen.

- Zu wenig Sookie: Die Sookie-Szene war zu kurz, vieeeeel zu kurz. (Obwohl sie perfekt war - siehe unten.)

- Zu viele Seltsame-Haushälterin-Szenen: Wir hatten schon nach der ersten Folge verstanden, was es mit der neuen Haushälterin von Emily auf sich hat. Die ausführlichen Szenen danach hätten deutlich kürzer ausfallen oder gar wegfallen können.

- Schlechte Zeitökonomie: Ja, "Gilmore Girls" hat sich immer dadurch ausgezeichnet, dass Raum war für die Geschichten von Nebenfiguren, die wir ins Herz geschlossen haben. Aber hier war hin und wieder das Gleichgewicht gestört: Phasenweise wurde zu viel Zeit aufgewendet für Szenen, in denen die drei Hauptfiguren Lorelai, Rory und Emily mit anderen Charakteren und nebensächlichen Handlungssträngen beschäftigt waren und dafür zu wenig die Haupthandlungsstränge vorangetrieben wurden. Es wirkt, als hätten sowohl Amy Sherman-Palladino als auch ihr Mann Probleme damit gehabt, 90-Minuten-Folgen zu inszenieren. Die Folgen wirken teilweise zerstückelt, haben immer mal wieder einen holprigen Rhythmus, und die Balance zwischen relevanten und unwichtigeren Szenen stimmt nicht immer. 

- Schlechtes Timing: Einige Szenen waren einfach zu sehr ausgewalzt - auch über ihren Höhepunkt hinaus, andere dagegen kamen zu kurz. Beispiel: Rorys Ausflug mit der "Life And Death Brigade". Die "With a little help from my friends"-Musikszene + die zu lange Tangoclub-Szene + die zu lange Hotel-Szene. Entweder: Alles kürzer und dadurch unterhaltsamer. Oder sich entscheiden, eineinhalb der Szenen ganz wegzulassen. 

- Ein unausgewogenes Albern-Tragisch-Verhältnis: Das Besondere an der Serie war immer, dass tragische und alberne Elemente Hand in Hand gingen und eine ganz besondere Einheit gebildet haben. Doch dieses Mal waren die Längen spürbar. Zwischen dem, was das Tragische ausmachte und dem, was das ergänzende Alberne dazu war, verging oft entweder zu viel Zeit, weil dazwischen irgendeine andere Szene in die Länge gezogen war. Oder das Alberne wurde zu lange und über den Punkt des Lustigseins hinaus erzählt.

- Und was bitte sollte das mit der Hochzeitsszene? Sollte das eine Art Traum sein? Oder war das als Musicalszene geplant, doch Lauren Graham hatte am Drehtag keine Stimme mehr? Grundsätzlich waren die Deko und die Idee schön. Aber: Viel zu lang! Und zu seltsam.

Ja, ich habe viele Punkte an den neuen Folgen auszusetzen, und beim längeren Nachdenken darüber - schließlich schreibe ich diesen Text gerade mal vier Stunden nach dem Gucken von Folge 3 und 4 - fallen mir sicher noch einige mehr ein. Trotzdem habe ich es genossen, wieder in Stars Hollow und in das Leben der drei Gilmore-Frauen einzutauchen.

Deswegen nun die Momente, in denen ich am liebsten "Hach!" gerufen hätte - in annähernd chronologischer Reihenfolge:

- Die Art, wie Richard Gilmore trotz seines Todes präsent ist - man sollte meinen, der Tod des Charakters sei für die Geschichte passiert, nicht aus der realen Gegebenheit heraus, dass Edward Herrmann 2014 gestorben ist. Die daraus folgende Handlung ist spannend: Wie Lorelai mit dem Tod des übergroßen und über alles geliebten Vaters umgeht; wie Emily nach 50 Jahren an der Seite ihres Mannes mit dem Verlust umgeht und ihr Leben neu entdeckt; wie sich die Beziehung zwischen Lorelai und Emily dadurch verändert.

- Das neue Verbotsschild in Luke's Diner: 

Verbotsschilder in Luke's Diner aus © Screenshot Netflix

- Mr. Kim lebt und in Folge 2 durften wir ihn sogar zum allerersten Mal sehen. (Ein Foto gibt es hier bei "Entertainment Weekly".)

- Aprils Brief in Folge 1 und die vielen Nachschlagewerke, die Luke nutzt, um ihn komplett zu verstehen.

- Sätze wie "We never had a serious conversation about it. That moment at the Twickham house, but since then ..." (als Lorelai und Luke über Kinder sprechen) oder "Dean! Cornstarch." (als Rory und Dean sich zufällig in Taylors Laden treffen) und wir wissen sofort, was gemeint ist.

- Die Art, wie Lorelai in Folge 1 und 2 Sookie vermisst. (Übrigens, ich hab's gegoogelt: Die beiden, die sie da rausschmeißt, das sind erfolgreiche Köche, die in den USA prominent sind.)

- Pete äh Paul - der Freund von Rory, mit dem sie schon seit zwei Jahren zusammen ist, den aber immer alle vergessen - das greift das Problem auf, das meine Gesprächspartnerin Eva Schulz in der "Seriendialoge"-Folge zu "Gilmore Girls" geschildert hat: Wir wollen nicht, dass Rory mit jemandem zusammen ist, der uns nicht vorgestellt wurde. Und indem jetzt jemand eingeführt wurde, der nicht nur Rory, sondern auch dem Rest der Familie irgendwie egal ist, ist das für uns nicht tragisch - es hat ja eh keine Zukunft. "Vulture" hat sich der Figur in einem Extra-Text angenommen, lesenswert: "A tribute to Paul" 

- Kirk bei Emily Gilmore zum Dinner. Herrlichst! Und die wunderbare Antwort von Lorelai auf die Frage, warum er da ist: "Oh that I could".

- Die Jess-Szene im Büro der "Stars Hollow Gazette".

- Jess umarmt Luke zur Begrüßung und klaut danach dessen Baseballcap vom Kopf und wirft es weg. Irgendwie liebevoll.

- Lorelai weint bei der verspätet gezeigten Musicalnummer. (Aber das Musical an sich - siehe ganz oben.)

- Als Lorelai ihrer Mutter am Telefon Monate später ihre Richard-Gilmore-Geschichte erzählt, um die Emily sie bei der Beerdigungsfeier gebeten hatte. Lorelai weint. Und auch auf dem Sofa bei mir flossen die Tränen.

- "I believe in my former life I was coffee." (Lorelai sagt das. Wer auch sonst?)

- Lukes Rede in der Küche, nachdem Lorelai wiedergekommen ist. Hach!

- Lorelais Vorschlag am Ende dieser wunderbaren Küchenszene. HACH!

- Als Rory durch das leere Haus der Großeltern geht, Erinnerungen sichtbar und hörbar werden und sie sich schließlich an den Schreibtisch ihres Großvaters setzt, um das Buch zu schreiben.

- Michels Einstieg in das Gespräch mit einer Bewerberin:
Michel: "You brought some Kleenex?"
Bewerberin: "Yes."
Michel: "I'd get them out now. - Your name is Molly? Why?"

- Die nächtliche Versöhnungsszene zwischen Rory und Lorelai.

- Dass Luke regelmäßig mit Kiefer Sutherland angeln geht, wir und Lorelai aber erst jetzt davon erfahren.

- Das neue Friday-Night-Dinner-Arrangement zwischen Emily und Lorelai. (Auch wenn es nicht um Dinner am Freitagabend geht.)

- Die Dean-Szene.

- DIE SOOKIE-SZENE. (Ein Milestones-Cake! Die Chemie zwischen den beiden! Dass Sookie riechen kann, wer alles in ihrer Küche gekocht hat.)

- Dass Emily jetzt Führungen im Wal-Museum macht und die Waljagd so blutig schildert, dass Kinder Angst bekommen.

- Dass Lorelai Rory folgenden Tipp für ihren Buchtitel gibt: "Drop the 'The'. Just 'Gilmore Girls'. That's cleaner."

- Jess' sehnsuchtsvoller Blick durchs Fenster auf Rory. Seufz!

- Die Fortsetzung beginnt und endet damit, dass Lorelai und Rory auf der Treppe zum Pavillion sitzen und sich unterhalten.

- Der letzte Satz!

- SPOILER-GEFAHR ZU ENDE - 

Mein Wunsch fürs nächste Mal: Bitte mehr Konzentration auf das Wesentliche. Und mehr Lane. Und mehr Sookie. Und mehr Jess - und weniger Logan.

Und zum Schluss noch drei Gucktipps: 

"Tempel" ist die erste für ZDFneo produzierte Drama-Serie: Im Mittelpunkt steht der Krankenpfleger Mark Tempel (Ken Duken), der aus finanziellen und familiären Nöten in die Illegalität abzurutschen droht. Der Einstieg in die Serie hat mich überrascht, weil eine gute Portion schwarzer Humor zu spüren ist - die leider spätestens Ende der erste Folgen auf der Strecke bleibt. Trotzdem: Reingucken lohnt sich auf jeden Fall. Und ich werde nach den zwei Folgen, die ich vorab gesehen habe, auf jeden Fall weiterschauen. Es gibt sechs Folgen à 30 Minuten, die am 29. November, 6. und 13. Dezember ab 21.45 Uhr bei ZDFneo in Doppelfolgen gezeigt werden. Und danach in der ZDF-Mediathek zu sehen sind. Wer jetzt schon mehr wissen will: Peer Schader hat sich für DWDL.de im Sommer bei den Dreharbeiten umgesehen: "ZDFneo steigt für 'Tempel' mit den Großen in den Ring" 

"Black Books" ist eine wunderbare britische Comedy - und obwohl sie schon 2000 bis 2004 in Großbritannien zu sehen war, wurde sie in Deutschland tatsächlich noch nicht gezeigt. Das ändert sich nun endlich: "Black Books" startet am 2. Dezember um 0.40 Uhr auf Tele 5 und ist danach in der Tele-5-Mediathek online verfügbar. Zynisch, subtil oder auch mal zum Schreien komisch - die Serie lohnt sich. Die Hauptrolle spielt der Komiker Dylan Moran, der sie gemeinsam mit Graham Linehan (Autor von "Father Ted" und "The IT Crowd") erfunden und geschrieben hat. In der weiblichen Hauptrolle mit dabei übrigens Tamsin Greig, die auch in "Episodes" die Hauptrolle spielt. 

"Fauda" ist eine Polit-Thriller-Serie aus Israel, die im vergangenen Jahr dort für Aufsehen sorgte. Es geht um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern - die Geschichte eines israelischen Terroristen-Jägers auf der einen und der des gesuchten Terroristen auf der anderen Seite. Das Besonders: beide Seite werden hier geschildert und in ihrer Emotionalität und in ihren Beweggründen gezeigt. Die zweite Staffel ist in Arbeit, die erste ist ab 2. Dezember bei Netflix verfügbar.

Jetzt zum wirklich Wichtigen: Wo kann man das gucken, über das ich schreibe?

"Gilmore Girls: A Year in the Life": Nur bei Netflix.

Wer mir auf Twitter folgen möchte, kann das hier tun: @FrauClodette.

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Sie haben einen Text aus dem Archiv des Medienmagazins DWDL.de aufgerufen, das bis ins Jahr 2001 zurückreicht und mehrere Zehntausend Artikel umfasst.



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