Die AGF hat ihre TV- und Video-Bilanz 2025 veröffentlicht - und gibt diesmal einen deutlich tieferen Einblick in die erhobenen Daten als in den vergangenen Jahren. Denn die Medien-Welt ist komplizierter geworden, die lineare Nutzung verliert an Bedeutung - und für die Beurteilung des Erfolgs im Streaming und crossmedial existieren mehrere Metriken. "In einem Werkzeugkoffer gibt es eben auch mehr als nur einen Hammer oder Schraubenzieher und wir müssen uns aller Informationen sinnvoll und qualitätsgesichert bedienen können, denn wir haben im Jahr 2026 einiges vor uns", sagt AGF-Chefin Kerstin Niederauer-Kopf.
Um so wichtiger wäre es, dass diese Daten auch öffentlich zugänglich werden - selbst Fachmedien wie DWDL können darauf aber bislang im täglichen Geschäft teils nur in kleinen Ausschnitten, teils gar nicht zugreifen. Um so spannender also die Daten, die die AGF nun fürs Jahr 2025 veröffentlicht hat, insbesondere mit Blick auf die Streaming-Welt. Um die verschiedenen Streaming-Angebote untereinander vergleichen zu können, bieten sich hier zwei Metriken an: Nutzungsvolumen und Nettoreichweite. Während Ersteres zeigt, wie intensiv die Streaming-Plattformen genutzt werden, indem jede gestreamte Sekunde gemessen wird, spiegelt die Nettoreichweite wider, wie viele unterschiedliche Personen damit erreicht werden - unabhängig davon, wie intensiv sie die Inhalte dann auch nutzen.
Nutzungsvolumen: ARD vor ZDF, RTL weit vor Joyn
Mit Blick aufs Nutzungsvolumen ist die ARD der klare Marktführer unter den deutschen Angeboten. 1,23 Milliarden Stunden wurden dort Inhalte gestreamt, das ZDF folgt mit knapp über einer Milliarde gestreamten Stunden dann schon deutlich dahinter. Die Angebote von RTL Deutschland - also in erster Linie RTL+ - liegt bei knapp 750 Millionen gestreamten Stunden und damit weit vor Joyn, das ein Nutzungsvolumen von rund 510 Millionen Stunden verzeichnet.
Die Verhältnisse sehen aber ganz anders aus, wenn man aufs jüngere Publikum blickt: In der Altersgruppe 14-49 liegt RTL mit 537 Millionen Stunden Nutzungsvolumen weit vor der Konkurrenz. Die ARD kommt auf 409 Millionen, das ZDF auf 308 Millionen Stunden, Joyn liegt mit knapp unter 300 Millionen gestreamten Stunden noch darunter.
Das Ranking sähe aber anders aus, wenn man auch die internationalen Streaming-Plattformen mit einbezieht. Neben DAZN (das nicht in den Top 5 auftaucht), unterzieht sich bislang nur Amazon dieser Messung. Hier startete die Messung aber erst im November, daher beziehen sich die ausgewiesenen Zahlen also nur auf zwei statt zwölf Monate. Allein in diesen zwei Monaten kam Prime Video mit dem werbefinanzierten VoD (die werbefreien Inhalte werden offenbar nicht mitgemessen) schon auf rund 269 Millionen Streaming-Stunden, bei den 14- bis 49-Jährigen auf 192 Millionen. Das lässt sich nicht einfach aufs ganze Jahr hochrechnen, aber es ist wohl anzunehmen, dass Prime Video in Sachen Nutzungsvolumen beim jungen Publikum locker mit Abstand ganz vorn stünde und beim Gesamtpublikum mindestens oben mitspielen würde.
Treiber für besonders hohe Nutzungsvolumina sind erwartungsgemäß Serien mit besonders vielen Folgen - also allen voran die Dailys. "Sturm der Liebe" beschert der ARD so allein ein jährliches Nutzungsvolumen von 73,4 Millionen Stunden, "Rote Rosen" von 54 Millionen Stunden, "GZSZ" liegt bei RTL+ bei fast 48 Millionen Stunden. Bei den 14- bis 49-Jährigen ist "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" die Programmmarke mit dem höchsten Nutzungsvolumen überhaupt. Weit oben spielt zudem der "Tatort" mit, der bei Jung und Alt Platz 2 belegt.
ARD und Amazon im Nettoreichweiten-Ranking vorn
Blickt man nicht aufs Nutzungsvolumen, sondern auf die Nettoreichweite pro Tag - also wie viele Personen im Schnitt an einem Tag eine Streaming-Plattform genutzt haben - dann ist der kurze Messzeitraum für Amazon eher von Vorteil, weil der November u.a. durch "Maxton Hall" besonders nutzungsstark gewesen sein dürfte, während nutzungsärmere Monate etwa im Sommer nicht in die Berechnung des Durchschnittswerts eingehen.
Vor allem zeigt sich aber auch die enorme Stärke der ARD mit ihren Angeboten im Vergleich zu anderen Streamern. Die durchschnittliche Nettoreichweite pro Tag lag hier bei knapp 3,5 Millionen Personen, dahinter rangiert Prime Video mit 2,85 Millionen schon mit deutlichem Abstand. Das ZDF lag bei einer täglichen Nettoreichweite von 2,5 Millionen, RTL Deutschland kam auf 2,2 Millionen, Joyn auf 1,1 Millionen. Beim jungen Publikum (14-49) liegt Amazon mit einer Nettoreichweite von 1,73 Millionen vorn. Dahinter folgt dann aber anders als beim Nutzungsvolumen schon die ARD mit 1,46 Millionen Personen deutlich vor RTL mit 1,17 Millionen täglicher Nettoreichweite. Heißt also: Die ARD-Angebote werden täglich von deutlich mehr jungen Leuten genutzt als jene von RTL - dafür streamen die RTL+-Nutzer dann aber deutlich länger. Joyn liegt in dieser Hinsicht noch weiter zurück als beim Nutzungsvolumen.
Lineare Nutzung weiterhin viel höher als Streaming-Nutzung
Schaut man sich die Zahlen nochmal genau an, dann zeigt sich aber auch: Die Streaming-Reichweite ist im Vergleich zur linearen TV-Reichweite nach wie vor überschaubar. 3,5 Millionen Personen erreicht die ARD im Schnitt täglich im Streaming - jede 20-Uhr-"Tagesschau" im linearen Fernsehen kommt allein auf ein Vielfaches dieses Wertes.
Lässt man sich die Programmmarken mit dem höchsten Nutzungsvolumen crossmedial, also in TV und Streaming, ausgeben, dann liegt die "Tagesschau" ganz vorn, auch "Bares für Rares" schafft es dann in die Top 5. Der Streaming-Anteil an der Gesamtnutzung ist dann jeweils aber ziemlich überschaubar.
Trotzdem geht die lineare Nutzung inzwischen in hohem Tempo zurück. Im Schnitt nutzte die deutschsprachige Bevölkerung im vergangenen Jahr täglich 158 Minuten das lineare Programm, das waren 13 Minuten oder umgerechnet 7,7 Prozent weniger als noch im vergangenen Jahr. Bei den 14- bis 49-Jährigen liegt die tägliche lineare TV-Nutzung nur noch bei 67 Minuten, zwölf Minuten weniger als im Jahr zuvor. Zum Vergleich: Die gemessene Streaming-Nutzung stieg zwar um 21 Prozent, liegt aber trotzdem nur bei acht Minuten.
Während die lineare TV-Nutzung komplett erfasst wird, fehlen beim Streaming aber natürlich weiterhin entscheidende Bausteine. Netflix, Disney+, YouTube und Co. werden hier ja noch nicht erfasst. Dass der Anstieg der Streaming-Nutzung den Rückgang im Linearen nicht ausgleicht, erklärt sich aber auch dadurch, dass Mediennutzungszeit in jüngeren Altersgruppen längst in größeren Teilen auch zu TikTok und anderen Plattformen abwandert.
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