Quelle der Daten für diesen Artikel: AGF Videoforschung

Der Januar 2026 war kein gewöhnlicher Monat für das deutsche Fernsehen. Viel mehr ein Monat über den die Branche möglicherweise noch länger diskutieren wird. Eine DWDL.de-Recherche wirft Fragen auf zur Belastbarkeit der Einschaltquoten-Messung und der Qualitätssicherung beim zu Grunde liegenden Panel bzw. Panel-Haushalten. Es geht um auffällige Veränderungen im Nutzungsverhalten einer besonderen Zielgruppe, nicht an einzelnen Tagen sondern über Wochen hinweg.

Den Anfang nahm die Recherche bei einer Routine: Dem regelmäßigen Blick auf die Monatsmarktanteile im TV. Er legt Entwicklungen in der linearen Senderlandschaft abseits einzelner Tage mit besonderen Programmen und entsprechenden Effekten offen; dokumentiert grundlegendere Veränderungen im Markt. Im Januar 2026 gab es jedoch sehr auffällige Abweichungen, die sich nicht saisonal erklären lassen. 

Es geht dabei um das Kinderfernsehen, konkret um den öffentlich-rechtlichen Kika und die kommerziellen Angebote von Toggo (das Tagesprogramm von RTL Super), Toggo Plus, Disney Channel und Nickelodeon. Betrachtet wird in diesem Segment die Sendezeit zwischen 6 Uhr morgens bis zum Beginn der Primetime und dabei die Kernzielgruppe der 3- bis 13-Jährigen. Um die soll es auch in diesem Artikel fortan gehen. Dort erreichten allein diese fünf Angebote laut Jahresmarktanteilen 2025 zusammen mehr als 52 Prozent Marktanteil.

Doch im Januar 2026 fiel dieser Wert abrupt auf 41,3 Prozent. Ein sehr plötzlicher Reichweitenverlust, der mit einem Blick auf das angebotene Programm nicht erklärbar ist. Besonders betroffen: Der Kika sowie Toggo und Toggo Plus. Für die Angebote von RTL Deutschland wäre es demnach einer der schlechtesten Monate seit Sendestart in den 90er Jahren gewesen. Einzige Ausnahme: Die Sommermonate 2024 als sich Tiefstwerte ohne Weiteres mit der starken Konkurrenz durch die Fußball-Europameisterschaft und übertragenen Spielen im Tagesprogramm erklären ließen.

Auch beim Disney Channel, dem Kika und Nickelodeon lag der Monatswert im Januar niedriger als in jedem Monat des Vorjahres. Einzelne Spiele der Handball-EM im Januar erklären den jetzigen Reichweiten-Einbruch nicht, auch weil Tage betroffen sind, an denen gar kein Handball gespielt wurde. Es stellt sich also die Frage: Warum haben alle Kindersender von Dezember auf Januar so spürbar Publikum verloren? Und wo sind die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer abgeblieben? 

Weil DWDL.de – wie auch anderen Berichterstattern – ein solch detaillierter Zugang zu den täglichen Quotendaten seit jeher verwehrt bleibt, begann unsere Recherche erst jetzt bei dem Blick auf die unerklärlichen Monatsmarktanteile und offenbarte, was den betroffenen Medienhäusern und der AGF in den vergangenen Wochen schon hätte auffallen müssen: Nicht nur ein Minus bei den Kindersendern, sondern ein mindestens ebenso überraschender Anstieg der Nutzung anderer Sender. 

Nachrichtensender bei Kids plötzlich gefragter als bei Erwachsenen 

Allen voran der Nachrichtensender ntv, der bislang nicht gerade dafür bekannt war, sein Programm auf Kinder auszurichten: Bei den 3- bis 13-Jährigen waren im Januar Weltpolitik, Wirtschaftsnachrichten und Dokumentationen so gefragt wie noch nie in der Geschichte bei ntv. Zwischen 2015 und 2025 erzielte der Nachrichtensender Jahres-Marktanteile irgendwo zwischen 0,2 und 0,4 Prozent bei den Kids. Doch im Januar 2026 erreichte ntv laut Quotenmessung der GfK im Auftrag der AGF spektakuläre 3,6 Prozent. Ein Wert, zu gut um wahr zu sein. 

Marktanteil ntv (Zielgruppe 3-13)

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Quelle: DWDL.de-Recherche; Aufbereitung: DWDL
dwdl.de/zahlenzentrale


Das unterstreicht auch - für mehr Kontext - ein Vergleich mit dem Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen: Dort erzielte ntv im Januar 1,8 Prozent. In anderen Worten: Der Nachrichtensender holte demnach bei Kindern unter 13 Jahren einen doppelt so hohen Marktanteil wie bei Menschen zwischen 14 und 49 Jahren. Besonders kurios: An vereinzelten Tagen erreichte ntv nach DWDL.de-Recherchen sogar zweistellige Marktanteile bei den 3- bis 13-Jährigen. Am Montag, den 26. Januar, war ntv mit 10,0 Prozent Tagesmarktanteil bei den Kids sogar gefragter als Toggo.

Doch nicht nur ntv profitierte im Januar augenscheinlich von einer plötzlich erhöhten Nutzung durch Kinder – auch für Das Erste oder RTL wurden plötzlich steigende Daytime-Quoten bei den 3- bis 13-Jährigen ausgewiesen. Wie lassen sich diese auffälligen Verschiebungen im Markt erklären? Antworten darauf suchen wir bei der AGF Videoforschung, dem Gemeinschaftsunternehmen der großen deutschen Sender, welches die Quotenmessung bei der GfK beauftragt.

AGF-Geschäftsführerin sieht "keine Anomalie"

Auf Anfrage des Medienmagazins DWDL.de bestätigt Kerstin Niederauer-Kopf, Geschäftsführerin der AGF Videoforschung, dass es im Januar "tageweise erhöhte Marktanteile bei ntv" in der Altersgruppe der 3- bis 13-Jährigen gab. "Gleichzeitig beobachten wir in dieser Zielgruppe insgesamt eine hohe Volatilität durch Verschiebungen zwischen einzelnen Angeboten; auch andere Sender können an einzelnen Tagen profitieren", erklärte sie. Methodisch sei dies jedoch "keine Anomalie". 

Vielmehr weise die Kinder-Zielgruppe "aufgrund ihrer vergleichsweise kleinen Fallbasis und der fortschreitenden Fragmentierung der Nutzung eine hohe statistische Schwankungsanfälligkeit auf". Mit Blick auf die Januar-Zahlen räumt Niederauer-Kopf zugleich ein, dass die erwähnten Ausschläge sichtbar seien und beobachtet würden. "In solchen Fällen analysieren wir, ob sich die Werte durch reale Nutzungsmuster – etwa Nutzungskonzentrationen oder Co-Viewing – erklären lassen", erklärt die AGF-Geschäftsführerin. 

Unter Co-Viewing wird verstanden, wenn etwa Eltern und Kinder gemeinsam schauen. Unklar ist, ob das eine Erklärung für den vorliegenden Fall ist. Messfehler sieht man bei der AGF nicht. Auf Nachfrage heißt es am Dienstag, dass keinerlei Hinweis vorlägen, "dass die beobachteten Werte nicht durch reale Nutzung erklärbar wären". Angesichts von Auswirkungen, die sich über mehrere Wochen hinweg beobachten lassen und auffällig in den Monatsmarktanteilen mehrere Marktteilnehmer niederschlagen, erscheint das verwunderlich.

Ist das Raster der Quotenmessung noch fein genug?

Mindestens jedoch stellt sich die Frage, wie sinnvoll und belastbar die über das derzeitige AGF-Panel ermittelbaren Zahlen in Teil-Zielgruppen wie die der 3- bis 13-jährigen Kinder noch sind. Gemessen wird die TV-Nutzung für die AGF-Daten aktuell in 5.400 Panel-Haushalten, in denen etwa 11.000 Personen leben. Sie stehen aber für 79,463 Millionen Menschen - rein rechnerisch repräsentiert jeder Einzelne also 7.224 Personen. Es steht die Frage im Raum, ob dieses Raster bei Zielgruppen und zu Zeiten, in denen schon wenige tausend Zuschauerinnen und Zuschauer den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg ausmachen, noch fein genug ist.

Vor diesem Hintergrund experimentiert die AGF ja auch bereits mit einem neuen Ansatz wie der Einbeziehung von HbbTV-Nutzungsdaten für eine breitere Datenbasis, wie sie in Österreich schon eingeführt wurde. Und sie verweist zudem seit langer Zeit darauf, größere Zeiträume zur Betrachtung heranzuziehen, wenn es um nutzungsärmere Zeiten oder kleinere Zielgruppen geht. Einzelne Tageswerte seien dann "aufgrund der geringen Fallbasis mit entsprechender Vorsicht zu interpretieren", sagt auch Niederauer-Kopf. 

Allein: Es geht in diesem konkreten Fall um den Zeitraum von einem Monat, nicht einzelnen Sendungen oder Tagen. Bei der AGF stehen die jüngsten Entwicklungen nun zumindest unter Beobachtung. Zwar würden die Januar-Daten "regulär ausgewiesen", es erfolge jedoch "eine vertiefte Plausibilisierung", kündigt die AGF-Chefin gegenüber dem Medienmagazin DWDL.de an. Das Ergebnis dürfte einige Markteilnehmer sehr interessieren.

Quelle für alle Daten in diesem Artikel, sofern nicht anders vermerkt: AGF SCOPE 1.9; Marktstandard: Bewegtbild; vorläufig gewichtete Daten; Tages-MA: Auswertungstyp TV-Zeitintervall; nutzungsbezogen; Sendungsdaten: Auswertungstyp TV; produktbezogen;