Der Anspruch war bemerkenswert groß, wobei ohnehin selten klein gedacht wird im Hause Axel Springer. „Wir zeigen, was wirklich ist“, versprach der damalige „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt als am morgigen Samstag vor fünf Jahren - am 22. August 2021 um Punkt 9 Uhr - ein sechsminütiger Trailer zum Sendestart lief. Deutschlands größte Boulevardmarke war nun auch Fernsehsender. Aus einer Zeitung, die längst keine Zeitung mehr sein wollte, sollte endgültig eine allgegenwärtige Medienmarke werden. Im Jahr 2021 eine interessante Ergänzung für ein sonst gänzlich digitales Portfolio.
„Ich erhoffe mir, dass wir im Fernsehen das werden, was wir auf Papier und Digital schon seit Jahrzehnten sind: die Stimme des Landes“, sagte der damalige „Bild“-Chefredakteur. Wie wir wissen, kam es anders - für Bild TV und auch Reichelt persönlich. Fünf Jahre ist es her, dass ein Sender startete von dem man bei Axel Springer ziemlich genau wusste, wie er klingen sollte. Nur möglicherweise nicht, wozu man ihn eigentlich brauchte. Axel Springer hatte sich im Digitalgeschäft - gemessen an der Entwicklung von Geschäftsmodellen - als eines der progressivsten Medienhäuser profiliert. Und dann kam, beinahe anachronistisch, ein linearer Fernsehsender.
Allein die Wucht der Marke „Bild“ und Möglichkeiten des Hauses Axel Springer sorgten dafür, dass man sich überhaupt fragte, ob es statt Wahnsinn vielleicht doch ein boulardesker Genie-Streich sein könnte. Alles klang nach Angriff. Dabei hätte man schon damals eine Frage stellen können: Angriff auf wen eigentlich und warum mit noch einem Nachrichtensender? Springer besaß mit Welt längst einen. Dazu kam der Ableger N24 Doku, eine Abspielstation für Dokus. Die damalige Antwort: Wer bei Welt Einordnung bekam, sollte bei Bild Zuspitzung bekommen. Wo andere moderierten, sollte Bild Meinung machen. „Ongoing News und Opinion“ hieß das Konzept offiziell.
„24/7 live-haftiges TV“ versprach Claus Strunz, Chef des TV-Projekts, im Sommer 2021 vor dem Start. Es sollte „informations- und meinungsstark“ werden, Nachrichten „live zu Schlagzeilen“ werden. Die etwas ungelenke Formulierung „live-haftig“ beschrieb ziemlich präzise die Idee: Dieses Fernsehen sollte aussehen und funktionieren wie Bild.de. Schnell, laut, emotional, meinungsfreudig und im Idealfall immer kurz vor der nächsten Eilmeldung. Das Herzstück bildete „Bild Live“, zunächst werktäglich fünf Stunden von 9 bis 14 Uhr. Daneben gab es Fußball mit „Reif ist Live“ und „Die Lage der Liga“, dem wöchentlichen Polittalk „Die richtigen Fragen“ oder abendlichen Talkshow „Viertel nach Acht“. Dazwischen liefen Dokumentationen.
Bild TV wollte Nachrichtensender sein, ohne wie ein klassischer Nachrichtensender zu wirken. Ganz kurz schien die Rechnung zum Start aufzugehen. Am ersten regulären Montag startete „Bild Live“ mit zeitweise mehr als zwei Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen und ließ in einzelnen Viertelstunden sogar RTL hinter sich. Allerdings auf ausgesprochen überschaubarem Reichweitenniveau: Am Morgen waren zunächst rund 20.000 Menschen dabei, zur Mittagszeit etwa 50.000. Aus der Neugier zum Start wurde jedoch kein Trend. In den ersten Monaten pendelte sich Bild TV auf einem Niveau ein, das die Macher eigentlich nervös machen sollte.
"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt, der Bild TV maßgeblich vorangetrieben hatte, musste Axel Springer dann im Oktober 2021 verlassen – keine zwei Monate nach dem Senderstart. Bekanntlich jedoch nicht aufgrund der schlechten Quoten seines Lieblingsprojekts. Damit verlor das Projekt seinen wichtigsten publizistischen Antreiber zu einem Zeitpunkt, als es sich beim Publikum noch gar nicht etabliert hatte. Im März 2022 gab sich Claus Strunz im DWDL-Interview trotzig optimistisch und dachte laut darüber nach, das Live-Programm auf 13 Stunden täglich auszubauen. Man habe sich gefunden, wachse langsam aber stetig.
Doch die Wahrheit war: Ausreichend Publikum fand Bild TV weiterhin nicht. Stattdessen kuriose Korrekturen für die Quote: Die Talkshow „Viertel nach acht“, moderiert u.a. von Nena Brockhaus, wurde damals schon nach wenigen Monaten in den späten Abend verbannt, war live um 20.15 Uhr nur auf YouTube zu sehen. Und doch folgte der von Strunz angekündigte Ausbau der Live-Strecke. Ein tragisches Ereignis der Weltgeschichte sowie die hervorragende Vernetzung sowie der VorOrt-Einsatz von Paul Ronzheimer machten es möglich: Der russische Angriff auf die Ukraine lieferte gerade in den ersten Tagen, Wochen und Monaten beständig Breaking News-Material. Kurz flackerte so etwas wie eine Chance auf.
Es war der vielleicht erstaunlichste Moment in der kurzen Geschichte des Senders: In einer Phase, in der die Einschaltquote zeigte, wie begrenzt das Interesse des Publikums war, wurde das teuerste Element des Programms massiv ausgebaut. Oft stellte sich aber auch in diesen Monaten die Frage, wer hier eigentlich wen speist: Hilft die Marke Bild dem TV-Sender oder der TV-Sender eher der Bild. Was irgendwann in den langen Live-Strecken ein vielleicht kluger aber flüchtiger Gedanke war, konnte am kommenden Tag große Schlagzeile in der gedruckten „Bild“ werden. Der TV-Sender und der enorme Programmhunger langer Live-Strecken lieferte enorm viel Futter für Zeitung und Website, zeigte aber auch das vielleicht größte Missverständnis des gesamten Projekts auf.
Boulevard-Journalismus der „Bild“ funktioniert maßgeblich über Zuspitzung in Schlagzeilen. Legendär sind Titelseite a la „Wir sind Papst“. Schlagzeilen, egal ob online oder gedruckt, die bleiben. Doch in mehrstündigen Live-Strecken versendet sich Gesagtes, lässt sich nur bedingt wiederholen. Bild TV lieferte viel Sendestrecke aber das Medium lässt weniger Pointierung zu. Wo die Website der „Bild“ wie auch die Titelseite der Zeitung direkt auf den ersten Blick liefert, ist Nachrichtenfernsehen abgesehen von wenigen Breaking-News-Situationen geduldiger. Wer 13 Stunden live sendet, kann nicht 13 Stunden lang behaupten, man stehe unmittelbar vor der nächsten Eilmeldung.
Damit wurde ausgerechnet das zum Problem, was Bild TV besonders machen sollte: der permanente Alarmzustand. Es gab also ein viel grundsätzlicheres Problem als die konkrete Ausgestaltung des Programms: Das Projekt war ein Missverständnis. Die Zeitung setzte Schlagzeilen, Bild.de jederzeit alarmieren, die App Pushmeldungen verschicken. Was war die spezifische Aufgabe von Bild TV? Denn so verrückt uns die reale Welt (nicht der Sender) auch erscheint, so sind dramatische Ausnahmesituationen glücklicherweise nicht die Regel. Und auch den legendären „Handy-Alarm“ aus den Kabinettssitzungen, eines der prägenden Relikte von Bild TV, konnte Paul Ronzheimer nicht stündlich beisteuern.
Rund um den ersten Geburtstag des Senders im August 2022 wurde deutlich, dass das Konzept nicht aufging. Der andauernde Krieg in der Ukraine wurde erschreckend alltäglich - nicht nur für die Menschen in der Ukraine, auch in der medialen Aufbereitung. In der Branche kursierten erste Gerüchte über drastische Einschnitte, sogar über ein vollständiges Aus. Im November 2022 fiel dann die Entscheidung: Das tägliche Live-Programm wurde zum Jahresende weitgehend eingestellt. Rund 80 Stellen sollten wegfallen. Live wollte Bild TV künftig nur noch bei besonderen Nachrichtenlagen senden, so wie man schon vor dem linearen TV-Start punktuell auf Website und in der App on air ging.
Nicht einmal 15 Monate nach dem Start des Senders war das Konzept eines boulevardesken Nachrichtensenders damit faktisch gescheitert. Der Kanal selbst durfte zunächst weiterleben, doch das hatte zunehmend etwas Gespenstisches. Wo einst ein meinungsstarker News-Kanal mit stundenlangem Live-Programm versprochen worden war, dominierten nun Dokumentationen und Wiederholungen. Einige Talks hielten sich zunächst, später setzte man noch auf Sport und zeigte in Kooperation mit dem Sport-Streamer Dyn Handball und Basketball.
Im Februar 2023 lieferte WeltN24-Geschäftsführer Frank Hoffmann im DWDL.de-Interview eine alternative Argumentation für die weitere Strategie: Demnach müsse zunächst die technischen Reichweite im AGF-Panel ausgebaut werden, damit es sich lohne über weitere Ausbaustufen zu sprechen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Am 24. November 2023 machte Axel Springer das Ende offiziell. Zum Jahreswechsel wurde die lineare Verbreitung eingestellt, die Sendelizenz zurückgegeben. „Bild“ sollte künftig wieder dort stattfinden, wo es ursprünglich hergekommen war: auf digitalen Plattformen. Einzelne Formate bzw. Ideen wanderten zu Welt.
Nach gerade einmal zwei Jahren und gut vier Monaten war das Experiment Bild TV damit beendet. Für ein Unternehmen, das sich wie Axel Springer seit Jahren als digitaler Medienkonzern verstand, war das Kapitel eine erstaunlich analoge Wette. Vielleicht ist Bild TV deshalb weniger die Geschichte eines schlecht gemachten Fernsehsenders als die Geschichte eines Senders, für den es nie ein ausreichend großes Problem zu lösen gab. Denn wenn es etwas zu senden gab, sendete Bild auch zuvor schon live via Website und App. Und wenn nichts passierte, brauchte niemand 13 Stunden „Bild Live“.
Zumindest nicht in einer journalistisch noch zu verantwortlichen Form. Einst erdacht von Julian Reichelt, hätte es dem dann gechassten Bild-Chefredakteur vermutlich im Alleingang nicht an Meinungen gefehlt, um rund um die Uhr ein Programm mit anhaltender Empörung zu füllen. Doch so boulevardesk „Bild“ auch ist und immer wieder auch Grenzen überschreitet: Von einer realitätsunabhängigen Hemmungslosigkeit im Umgang mit Fakten wie es später Nius werden sollte, war Bild TV noch weit entfernt.
Stellt man sich vor, wie sich Bild TV unter Reichelt hätte radikalisieren können, erscheint das Scheitern des Senders aus Belanglosigkeit als die bessere Option. Ein Sender, der in seiner Anlage einfach nicht durchdacht war und doch letztlich ein Karriere-Sprungbrett für einige sein konnte. Etwa Moderatorin Nena Brockhaus, die mit Sendungsbewusstsein und Meinungsstärke inzwischen nicht nur als Gast durch Talkshows tingelt, sondern mit "Meinungsfreiheit" ihre eigene Talkshow bei Welt hat. Oder eben Paul Ronzheimer, bei dem die OnAir-Präsenz und Moderationserfahrung aus der Bild TV-Zeit 2023 zur Entschiedung führte, ins Podcast-Game einzusteigen.
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