Man kann Jan Wünschmann nicht vorwerfen, zur Selbstdarstellung zu neigen. Dass er Ende September im Berliner Helmholtzkietz, gleich um die Ecke von seinem Büro, einen Reporter empfängt, um über sich und seine Arbeit zu sprechen, ist für ihn ungewohnt. Vorausgegangen waren Monate des Zuredens von seinem Mitgesellschafter Nico Hofmann – einem Fiction-Macher, der den offenen Dialog mit der Presse seit jeher als ebenso befruchtenden wie werbewirksamen Teil des Produzentenhandwerks versteht.

Wünschmann hingegen war bislang eher der Mann im Hintergrund. Vorne standen Produzenten mit Strahlkraft wie Jan Mojto oder Frank Doelger, für die der 45-jährige promovierte Jurist die Strukturen bereitete. Als das Medienmagazin DWDL.de im August 2025 erstmals über Wünschmanns neue Firma BetaBerlin Productions berichtete, war deren Gründung zwar schon acht Monate her, aber über Köpfe und Projekte noch nicht viel bekannt. Den kommunikativen Big Bang übernahm genau ein Jahr später Netflix, als es mit dem längst im Dreh befindlichen Sechsteiler "Dolly" die erste Serienproduktion von BetaBerlin ankündigte (DWDL.de berichtete).

Innerhalb des Beta-Film-Imperiums zählt Wünschmann zu den zentralen Figuren. Als Executive Vice President Co-Production & Business Affairs baut er seit 2019 zusammen mit Mojto und Geschäftsführer Moritz von Kruedener am Beteiligungsportfolio des Konzerns, sitzt in etlichen Bei- oder Aufsichtsräten der Tochterfirmen und steht der Rechtsabteilung vor. Seit 2022 führt er gemeinsam mit Robert Franke die Geschäfte der Intaglio Films, die Beta als Joint Venture mit ZDF Studios betreibt. Und seit Anfang 2025 ist er als BetaBerlin-Geschäftsführer eben auch vollgültiger Produzent mit eigenen Projekten.

Das Bemerkenswerte daran: Wünschmann übernimmt zusätzliche Aufgaben, ohne die alten abzugeben. Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, beschreiben ihn wahlweise als perfekt koordiniertes Arbeitstier oder disziplinierten Strategen. Um das Pensum zu schaffen, hat er die Büros von BetaBerlin und Intaglio in Laufweite von seiner Prenzlauer-Berg-Wohnung zusammengelegt und die Abstecher zur Oberhachinger Konzernzentrale auf ein bis zwei pro Monat reduziert.

Wenn Wünschmann davon berichtet, wie ihn tags zuvor ein bestimmter Drehbuchentwurf begeistert hat und wie aufreibend unlängst Verhandlungen in Madrid mit einem möglichen Partner für eine große internationale Koproduktion verliefen, besteht kein Zweifel: Hier sitzt einer, der seine wahre Leidenschaft gefunden hat – auf Umwegen. Weil er einst davon träumte, Regie zu studieren, jobbte Wünschmann nach dem Abi bei Wiedemann & Berg, Eikon Film und Phoenix Film, entschied sich dann aber doch für ein Jurastudium an der Humboldt-Uni, das ihn für zwei Jahre ans Londoner King's College und im Referendariat schließlich zur deutschen UN-Vertretung in New York führte. Statt Filme zu drehen, ließ er sich von der Großkanzlei Linklaters als Anwalt anheuern und akquirierte dort Mandate wie die Umwandlung von HelloFresh in eine SE. 

Die Filmbranche klopfte 2018 an die Tür, als Wünschmann für seinen Studienfreund Simon Amberger sowie dessen Partner Korbinian Dufter und Rafael Parente den Einstieg eines neuen Gesellschafters in ihre aufstrebende Produktionsfirma Neuesuper verhandelte. Eine gewisse Beta Film übernahm damals zunächst ein Drittel der Anteile. Als alle Beteiligten den Deal beim Mittagessen in München feierten, kam Wünschmann mit dem Boss der Gegenseite, Jan Mojto, ins Gespräch, der ihm prompt ein Jobangebot machte. Doch der Anwalt wollte nicht bloß als Jurist in seine einstige Traumbranche wechseln – und sagte ab. Mojto ließ nicht locker, kreuzte in Berlin bei Linklaters auf und bot Wünschmann an, ins Managementteam für Partnerschaften und Akquisitionen zu kommen.

"Jan Mojto hat diese besondere Gabe, auf den ersten Blick etwas in Menschen zu sehen, was diese vielleicht selbst noch nicht so richtig erkannt haben", sagt Wünschmann. "Für mich ist er auch ein Mentor, der mich maßgeblich geprägt und meinen Weg mitbestimmt hat. Ohne ihn wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin." Es spricht wohl für Wünschmanns vielseitige Begabung ebenso wie für die flexiblen Strukturen der Gruppe, dass er mit der Zeit auch in die produzentische Rolle wachsen durfte. Es war abermals Mojto, der Wünschmann auserkor, als 2024 ein Beta-seitiger Partner für die beginnende kreative Zusammenarbeit mit dem scheidenden UFA-Chef Nico Hofmann gebraucht wurde. Hofmann seinerseits lässt keine Gelegenheit aus, Wünschmanns Gespür, Präzision und Ausdauer zu loben.

Dolly © Netflix / Anika Molnar Erste große Serienproduktion: BetaBerlin dreht für Netflix die historische Krimiserie "Dolly"

An BetaBerlin sind beide seit Juli 2025 zu jeweils 15 Prozent beteiligt, Wünschmann hält darüber hinaus noch einen 1,5-Prozent-Anteil an der Beta Film. Projekte wie die aufwendige historische Krimiserie "Dolly", die noch bis Mitte November gedreht und im Frühsommer 2027 an Auftraggeber Netflix ausgeliefert wird, zeigen deutlich, dass BetaBerlin weit mehr ist als ein Vehikel für Hofmanns Produktionen. "Wir verstehen BetaBerlin als Kreativ-Hub, das produzentischen Talenten ein dauerhaftes oder auch temporäres Dach bietet, unter dem sie ihre Visionen und Projekte entwickeln und umsetzen können", so Wünschmann. Das Spannende sei für ihn, dass er "die Kultur und die DNA des Unternehmens Projekt für Projekt, Partner für Partner" gestalten dürfe, "stets im Schulterschluss mit der Beta Film".

Im Fall von "Dolly" etwa sind die Showrunner Hanno Hackfort, Bob Konrad und Richard Kropf auch Mitproduzenten über ihre Candy Shop GmbH – ein Unternehmen, an dem die Beta Film zu 24,9 Prozent beteiligt ist und dessen Gründung Wünschmann 2020 gemeinsam mit den HaRiBos initiiert hatte. Fest zum BetaBerlin-Team gehören die Produzenten Laura von Portatius und Tobias Gerginov sowie der ausführende Produzent Jörg Engels. Frisch abgedreht ist der SWR-Film "Wir vier und der Tote im Kloster" mit dem Rentnerinnenquartett Uschi Glas, Katharina Thalbach, Ursula Werner und Soogi Kang in Kooperation mit Wüste Film, wo von Portatius den quotenstarken Vorläufer "Wir vier und der Enkeltrick" produziert hatte. In gleicher Konstellation entsteht die in Postproduktion befindliche Romanverfilmung "Superbusen" von Constanze Klaue, die Alamode Filmdistribution nächstes Jahr ins Kino bringt.

Und auch bei Intaglio Films, wo seit den von US-Showrunner Frank Doelger geprägten Serien "Der Schwarm" und "Concordia" zumindest nach außen Funkstille herrschte, wirbelt Wünschmann mit einiger Energie hinter den Kulissen. Dem Vernehmen nach könnte das bereits 2019 in Aussicht gestellte Spionage- und Menschenrechtsdrama "Doing Good" mit dem ZDF als deutschem Partner bald in eine konkretere Vorbereitungsphase treten. In Vorbereitung ist zudem "Wir werden jung sein", die Verfilmung des gleichnamigen Maxim-Leo-Romans als Miniserie fürs ZDF, die Hofmann, Mojto und Wünschmann 2024 als eines ihrer gemeinsamen Development-Projekte angekündigt hatten. Lisa van Brakel ("Krank Berlin") ist dabei als Autorin an Bord. Hofmanns Projekte fürs ZDF entstehen künftig unterm Dach von Intaglio, für alle anderen Abnehmer bei BetaBerlin.

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