Clemens Pig wird den ORF ab 2027 als Generaldirektor führen, er ist vom 35-köpfigen Stiftungsrat des Unternehmens in der Nacht von Donnerstag auf Freitag im ersten Wahlgang mit 21 Stimmen gewählt worden. Seine Amtszeit läuft bis Ende 2031. Das Ergebnis war klarer, als man das erwarten konnte, in jedem Fall hat sich im neunköpfigen Bewerberfeld der Favorit durchgesetzt. Schon vor Wochen berichteten österreichische Medien übereinstimmend, dass sich die Regierung, allen voran ÖVP und SPÖ, auf Pig als Kandidaten geeinigt haben sollen. Dennoch war das weitere Bewerberfeld neben Pig hochkarätig: Hoffnungen auf die ORF-Spitze gemacht hatten sich auch Markus Breitenecker (Ex-P7S1), Johannes Larcher (Ex-HBO Max) und Lisa Totzauer (ORF).
"Für den ORF bricht ein neuer Morgen an", erklärte Pig im Anschluss an die Wahl bei einer Pressekonferenz vor Journalistinnen und Journalisten. Er werde bereits "morgen" in enger Abstimmung mit der noch amtierenden Generaldirektorin Ingrid Thurnher die "dringenden Aufgaben" übernehmen. Die Timeline müsse eng gefasst werden, denn die Herausforderungen seien "groß, vielfältig und gleichzeitig".
Pig nannte in der Nacht von Donnerstag auf Freitag drei große Themen, die er schnell angehen wolle: Die aktuelle "Finanzierungskrise" (die Regierung streicht dem ORF aktuell mehr als 90 Millionen Euro), Vertrauen und Legitimation sowie die künftige Plattform- und Digitalisierungsstrategie. Sein Ziel sei es, so Pig weiter, den ORF zu einer "Plattform der Gesellschaft" weiterzuentwickeln. Schaffen wolle er das unter anderem mit mehr österreichischen und regionalen Inhalten. Zudem will Pig eine Streaming-Offensive starten, um ORF On zu stärken, sowie generell mehr Inhalte für junge Menschen.
Die Sitzung des Aufsichtsgremiums begann bereits um 10 Uhr und fand erst gegen 1:15 Uhr ihr Ende. Der angepeilte Zeitplan wurde völlig über den Haufen geworfen, weil die Fragerunden bei den verschiedenen Kandidatinnen und Kandidaten viel länger gedauert haben als geplant. Vor allem bei Pig und Larcher hatten die Stiftungsräte viele Fragen, ihr Hearing dauerte jeweils mehr als 2 Stunden.
Auf Clemens Pig kommen nun einige Aufgaben zu. In der Nacht hat der Stiftungsrat auch schon die von Pig gewünschte Aufstellung des künftigen Direktoriums durchgewunken. Neben einer Finanzdirektion gibt es künftig drei weitere Bereiche: Programm & Brands, Audience & Plattformen sowie Technologie & Innovation. Die entsprechenden Posten werden nun ausgeschrieben, in einigen Wochen erfolgen hier die Bestellungen der Direktorinnen und Direktoren.
Durch den Rücktritt von Roland Weißmann, der mit Vorwürfen der sexuellen Belästigung begleitet wurde, ist der ORF in eine handfeste Krise gerutscht. Perspektivisch wird es für Pig auch darum gehen, eine neue Kultur im Haus zu etablieren und die Außendarstellung des mit Abstand größten Medienunternehmens Österreichs zu verbessern. Und vor allem der zweite Punkt wird spannend: Weil Pig als Favorit der Regierung galt, wurde er vom FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler bereits als "Regierungsgeneraldirektor" bezeichnet.
Westenthaler kündigte bereits vor der Sitzung des Stiftungsrates an, die Wahl im Falle eines Siegs von Clemens Pig anfechten zu wollen. Nach der Wahl erneuerte er diese Aussage. Die Angriffe von rechts dienen natürlich auch dazu, dass Vertrauen in den ORF weiter zu erschüttern. Während seiner Amtszeit wird es für Pig vor allem auch darum gehen, unter Beweis zu stellen, dass er eben kein ORF-Chef der Regierung ist. Und man kann davon ausgehen, dass das sehr weit oben auf seiner Agenda steht. Im Wahlkampf hatte er jedenfalls immer wieder betont, unabhängig zu sein. Zum Thema der wohl kommenden Anfechtung der Wahl erklärte Pig unterdessen, er vertraue auf den Rechtsstaat.
Mehr zum Thema
von



