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Mein DSF: Die Geschichte einer großen Liebe

 

Am 11. April geht eine Epoche zu Ende: Aus DSF wird Sport 1. Tele 5-Chef Kai Blasberg ist ein Mann der ersten Stunde und schreibt exklusiv für das Medienmagazin DWDL.de in einer dreiteiligen Reihe über seine erste große berufliche Liebe.

von Jochen Voß
07.04.2010 - 09:32 Uhr

DSFDeutsches Sport Fernsehen. Welch eine Marke. Welch ein Versprechen. Der ganze deutsche Sport in einem Fernsehsender. Alles, was relevant ist; alles, was interessiert. Unschlagbar weil einzigartig.

So oder so ähnlich dachte ich es mir, damals, im Alter von 27 Jahren, als ich, von der IPA plus kommend, zur neu gegründeten Media Gruppe München wechselte. Wusste ich doch, dass laut Helmut Thoma der eigentliche Gegner nicht Sat.1 , sondern ProSieben hieß, und die Kirch Gruppe meinen Jugendtraum realisieren wollte: ein richtig geiles Sportfernsehen. Tele 5 hieß das noch, als ich im Sommer '92 nach München kam.
 
Und ich wusste nicht, dass ich in wenigen Monaten zum DSF wechseln musste. Das kam so:
 
Bahnhofstraße
 
Eigentlich sollte ich ja unter der Leitung von Michael Wölfle das Verkaufsgebiet Nielsen 2 bei der MGM betreuen. Als ich kam, saß da aber schon einer, was ich komisch fand. Die MGM vermarktete „Der Kabelkanal“ (so hieß das damals und für's Programm waren Thommi Ohrner und Ludwig Bauer tätig). Und natürlich Georg Koflers ProSieben, einem noch recht kleinen, aber sehr aufstrebenden Filmsender. Und dann war da noch mein Traum. DSF musste ja ein Erfolg werden; allein schon, weil ich es glaubte.
 

 
Aber der Anfang stand unter keinem guten Stern. Das alte Tele 5 war ein schicker, kleiner, frecher Privatsender im Besitz von Silvio Berlusconi und der TMG. Der Medienmogul Kirch traf sich dann mit seinem italienischen Freund und besprach die Auflösung. Platz sollte sein für Pro Sieben, Platz auch für ein Sportfernsehen; und da bot es sich an, Tele 5 zu verkaufen und zu wandeln; denn Leo glaubte in der Tat an die Möglichkeit, einen solchen Sender mit Hilfe der Bayern LB sinnvoll und profitabel zu gestalten. Naturgemäß waren die Tele 5ler nicht sonderlich erbaut und drohten zum Jahreswechsel '92/'93 laut Flurfunk mit der Sprengung des Satelliten. So sahen wir Münchner Neulinge in der Silvesternacht bei einem ebenfalls abgeworbenem Kollegen der IPA plus dem angekündigten Feuerwerk am Fernseher zu, doch statt Schwarzbild erschien Punkt Null Uhr: Kati Witt.
 
Eiskunstlaufen und Tanzen, Wrestling und viel Talk, richtige Sportnachrichten, DRTV-Werbung im Übermaß und keinerlei Markenwerbung war der Beginn. Diesen Sender im Werbemarkt zu etablieren, war auch zu der damaligen Zeit äußerst beschwerlich. Mein erster buchender Partner hieß Reiner zur Jacobsmühlen, und mich beschlich der Verdacht, er tat es aus Mitleid. Doch dann kamen schnell auch Quotenknaller; damals war Tennis noch sehr populär, Boris Becker gewann das erste live ausgestrahlte ATP-Turnier in Doha und wir hatten unsere erste Millionenquote.

Unfassbar: damals gab es eine Preisliste mit ausgewiesenen Rabatten, an die man sich hielt.

Im März 93 brachte mir dann Jürgen von Schwerin, der Controller der MGM, einen neuen Edelpraktikanten, vor dem mich mein Zimmerkollege Johannes Mettler warnte: „Vorsicht, U-Boot von Leo“. Mit Dieter Hahn verstand ich mich sofort sehr gut. Er sollte Geschäftsführer von TV Weiß-Blau werden, einem notleidenden Stadtsender des Strauß-Sohnes Franz-Georg. Da ich bei RTL die Regionalsender vermarktet hatte, kamen wir ins Gespräch, schließlich hatten wir alle weder von Tuten noch von anderem einen Schimmer, was wir damals aber nicht wussten und es uns auch nicht weiter belastete. Dann kam der erste April und Dieter Hahn wurde der Nachfolger von DSF-Chef Donald P.T. McLoughlin. Ein Schock.
 
Es stellte sich heraus, dass der Sender doch nicht ganz so preiswert zu führen sei wie von den Kirch-Auguren berechnet (man sah die Hälfte der realen Kosten im ersten Jahr in der Planung als ausreichend an) und so wechselte man halt den Chef. Der damalige Assistent von McLoughlin, ein Herr Namens Paalzow, war fortan in selbiger Position für Hahn tätig. Dessen erste Amtshandlung: den Chefredakteur Guido Bolten seiner Aufgaben zu entbinden, um neben seiner offenbar wenig ausfüllenden Arbeit als Geschäftsführer diesen ihm vollständig unbekannten Job gleich einfach mal mitzumachen.
Eine gewisse Hybris umflorte ja insgesamt die nächsten Jahre.
 
Poker, Poker – nichts als Poker
 
Man kann es sich heute, wo ganze Sendergruppen unter Heuschrecken fallen, nicht mehr vorstellen: die Landesmedienanstalten verboten Leo Kirch die Beteiligung an der Media Gruppe München, respektive die Vermarktung des DSF musste aufgrund geltenden Rechts aus eigener Hand erfolgen. Für den kommenden Aufbau einer eigenen Verkaufstruppe wurde der Verfasser dieser Zeilen ausgeguckt. Gefragt wurde ich nicht. Als ich Ende April 93 aus einem einwöchigen Griechenland-Urlaub zurückkam, war ich Angestellter des DSF. Leo Kirch hatte Georg Kofler gebeten, mich gehenzulassen, Dieter Hahn wollte mich haben und ich hatte dazu wenig zu sagen. So etwas einem 28 jährigen zu überlassen sagt mit Wissen von heute eine Menge über den inneren Zustand des Privatfernsehens der frühen 90er Jahre. „Anything goes“, „The sky is the limit“.

Es war anstrengend, es war aufreibend, es war wild und fordernd, kurzum genau das richtige für einen jungen Dilettanten wie mich. Bald waren wir 20 Leute und erreichten unsere Zahlen. Wir reisten in Leos Privatflieger nach St.Petersburg zu den Goodwill Games und trafen Ted Turner, es ging nach Island zur Handball WM, ich war dreimal in Wimbledon und zweimal bei den US Open, habe bei Uli Hoeneß im Büro gesessen, Steffi Graf die Hand geschüttelt und Franziska vom Almsicks Weltrekord über 200 Meter Freistil live in Rom gesehen, wo unsere Verkaufberater noch von der Tribüne Spots verkauften; wir erwarben die Rechte an der deutschen Leichtathletik, am Handball und mussten tausend Tonnen reichweitenfreies Golf im Programm platzieren, weil es Dieter Hahn partout nicht auszureden war, dass man Golf spielt, aber nicht schaut.
 
Wir bekamen die Rechte der zweiten Fußball-Bundesliga, was damals eher schmählich angesehen wurde und etablierten das Montagsspiel live. Boxen gab es plötzlich auch mit Frauen, ein gewisser Hans-Peter Kohl schlich immer öfter über die Gänge, ich durfte mir von meinem Kinderidol Hajo Rauschenbach seine Märchengeschichten erzählen lassen, ertrug das ständige Bitten Frank Buschmanns, mal zur NBA live fliegen zu dürfen, kaufte mich in die spielerisch hervorragende Fußballmannschaft des DSF mit immer neuen Trikotsätzen ein, da ich auch damals sportlich die Qualifikation nicht erreicht hätte.

Es kam vor, dass der neue Geschäftsführer nach einem frühmorgentlichen Golfexkurs gegen 7 Uhr die vermeintlich leeren Hallen des Senders betrat und auf angetrunkene Redakteure stieß, die nackt (!) mit dem Rennrad über die Flure fuhren. Bei Weihnachtsfeiern wurden Kleinwagen im Gegengeschäft an die Mitarbeiter verlost und ich selbst gab unaufgefordert bis zu sechs Zugaben selbstkomponierter Sendersongs.
Und nicht nur beim FC Bayern wurde auf Kopierern kopuliert.

Das klingt wie ein Irrenhaus und es war ein Irrenhaus. Und jeder, der dabei war, sehnt sich nach diesem Lebensgefühl zurück. Wir waren wirklich „mittendrin - statt nur dabei“.

Lesen Sie am Donnerstag in Teil 2: Warum Fernsehen Geld kostet, warum alte dicke Männer gerne über Fußball quatschen und warum Dieter Hoeneß Unrecht hatte.

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