Der Traum von Unterhaltung

Dass Kader Loth und der bekloppte Prinz nur bedingt zum Ausstaffieren einer historischen Dokutainment-Show geeignet sind, wird Jocic zwar vorher gewusst haben, aber mit dem Gestank nach längst antiquiertem Tabubruch-TV kann und will er jetzt nicht leben. Wie also reagiert ein Sendermacher, dem neben einer Loth im Krankenhaus auch noch ein „Manic Monday“ auf den Magen schlägt? Er fängt erst einmal an zu träumen.

Foto: sendungsbewusstseinDer Traum des ProSieben-Chefs führt uns weit hinaus aus den Gefilden, in denen man neuen Fernsehformaten 60 Minuten Bewährungszeit gibt, Showpraktikanten tumb durch Trash-Gruben waten lässt, in denen ein großes Moderationstalent hilflos durch sterbenslangweilige Panelshows wandert. Der schöne Traum des Dejan Jocic führt nach Nordamerika und handelt von einem Sender, der 1986 das Bezahlfernsehen erfand und in der Folge ein Programm hervorbrachte, dass das Konzept Pay TV rentabel machte. Er handelt von Home Box Office (HBO), einem Time-Warner-Sender, der 35 Millionen innerhalb, 13 Millionen Haushalte außerhalb der Vereinigten Staaten erreicht.

Er handelt von „verrückten Ideen, überraschenden Inhalten und hochwertiger Produktion“ (Jocic), von Fernsehpreisen und Zuschauereuphorie, von Brands wie "The Sopranos", "Six Feet Under" oder "Sex And The City" – gefeierten HBO-Produktionen. Von Ideen wie einem „Black History Month“, einem Sendeschwerpunkt in diesen Tagen. Dort feiert der Fernsehfilm „Lackawanna Blues“ seine Premiere, der eindrucksvoll an New Orleans und seine „Songs Of Live“ erinnert, oder von Courage und Qualität der 6-stündigen Bühnenadaption „Angels in America“ mit Al Pacino, Meryl Streep und Emma Thompson (den die ARD im zweiten Quartal 2005 ausstrahlen wird).

„Große Entertainment-Shows und innovative Formate“, raunt es von der Burg, wolle man ins Programm nehmen, und im Traum folgen wir dem Wanderzirkus „Carnivale“ in die 30er-Jahre, in einer Serie, die von Magie und Gottesfurcht in der Zeit der großen Depression erzählt und die Ende diesen Jahres auf Premiere zu sehen sein wird. Zwischen den „Freunden“ und den „Aufpassern“ suchen wir nach dem „Kernprogramm US-Fiction“ und dürfen Peter Sellers „Life and Death“ folgen, unsere Phantasie spielen lassen und an einer Serie wie „Unscripted“ teilhaben, die jeder Laiendarsteller aus dem großen Fundus des ProSieben-Nachmittagsprogramms gesehen haben sollte, bevor er sich den Titel des Schauspielers verleiht: Sie erzählt vom Alltag junger Schauspielaspiranten, von der Realität des Filmgeschäft, scripted indes.

Im Traum kann vieles ganz einfach sein. Im Traum des Dejan Jocic funktioniert Fernsehen mit Geld und Geduld. Es baut auf Qualität und Relevanz, und es schenkt dem Faktor Glaubwürdigkeit Beachtung, der deutschen Privatsendern immer noch mehr als Hindernis denn als Arbeitsgrundlage erscheint. Das Home-Box-Office-Prinzip baut auf die Vielseitigkeit eines Unterhaltungsbegriffs, der im deutschen Fernsehgeschäft durch Quotenspekulation ersetzt wird und im totsenden erfolgreicher Formate endet. Es ist ein Prinzip, das Titelkämpfe im Schwergewichtsboxen ebenso als bewährte Unterhaltung ansieht wie das Format „Def Poetry“, in dem Performancekunst und Poesie ungeschnitten an den Zuschauer weitergeleitet werden.

Im Rapid Eye Movement deutscher Fernsehmacher möge sich öfter etwas vom Witz einer Ali G Show oder der Raffinesse eines Larry David spiegeln. Der ist zielgruppenferner, Ende-50er, zweifelgeplagter Hauptdarsteller einer HBO-Serie mit knapp bemessenem Script, in der er mit saurer Miene einen Brownie aufbohrt oder versucht, ein Konzert von Alanis Morisette zu verhindern. Sonst nichts. Vielleicht ist ihm Herr Jocic im Traum begegnet. Unter Umständen hat er eine Idee, wie man Home Box Office ins Deutsche übersetzen könnte. Möglicherweise hat er so etwas wie Idealismus
in sich entdeckt. Deshalb sollte man ihm zumindest den Titel der Serie verschweigen:

„Curb Your Enthusiasm“ – Bremse deinen Enthusiamus.

Nein. Nicht vor morgen früh.