Als die israelische Armee im Mai 2000 ihren vollständigen Rückzug aus dem südlichen Libanon vollzog, nahm die Weltöffentlichkeit nicht nur an einer Entwicklung teil, die den Friedensprozess im Nahen Osten dokumentieren sollte. Sie wurde auch erstmals einer Fernsehstation gewahr, die ein ganz anderes Signal in alle Kontinente überträgt. Für "Al Manar", arabisch: "Der Leuchtturm", begann mit diesen Bildern der Krieg. Im Juli 2006 ist die Zentrale des Senders ein Ziel israelischer Luftangriffe. Das Gebäude wird beschädigt.
Offiziell ist Al Manar ein gewöhnlicher privater Fernsehsender. Etwa 10 Millionen Menschen täglich sehen das Programm in arabischer, englischer und spanischer Sprache. 300 Mitarbeiter beschäftigt der Sender. Im Programm stehen Sportsendungen, Reportagen, Quizshows und Telenovelas. Dazwischen laufen Werbespots von Red Bull oder Nestlé.
Eher ungewöhnlich dagegen ist eine andere Art von Spot, die der Sender regelmäßig ausstrahlt. Es sind Redebeiträge von Hassan Nasrallah, dem Chef der islamisch-fundamentalistischen Partei Hisbollah. Scheich Nasrallah führt eine Volksbewegung, die zugleich Waisenhäuser baut und ein Nachbarland beschießt. So nennt niemand im Sender den Staat südlich des Libanon beim Namen. "Israel" existiert nicht, heißt "Zionist Entity" (Zionistisches Gebilde) oder "Palestine '48".
Und so finanziert sich Al Manar nicht nur über Werbespots für Joghurt oder Energy-Drinks, sondern laut Angaben des Senders vorzugsweise über Spendengelder schiitischer Gemeinden. Der wichtigste Financier und Unterstützer der Hisbollah, der Iranische Staat, ist ebenfalls ein Geldgeber. Eine dreistellige Millionensumme bezieht Nasrallahs Organisation jährlich vom Iran.
Das hat Folgen im Programm. Eine Quizshow auf Al Manar stellt schon mal die Frage, ob ein "Jude a) eine Schlange, b) eine Kakerlake oder c) ein Schwein" sei. Als der Sender die 26-teilige Serie "Diaspora" ausstrahlte, in der einem christlichen Kind von Juden der Hals aufgeschnitten wird und das Blut des Kindes zu rituellem Brot verarbeitet wird, sprach das oberste französische Verwaltungsgericht im Dezember 2004 ein Verbot des Senders aus, EutelSat schaltete ihn ab.
Rechtlich in Hand der Libanese Communication Group, ist der größte Anteilseigner ArabSat, der sich auf seiner Homepage als "Largest Arab Community in the Sky" präsentiert und Konferenzen in Beirut, Dubai und Amsterdam abhält. Der Downlink des Senders in der europäischen Hauptausleuchtungszone, die von EutelSat versorgt wird, betraf nur einen kleinen Teil der Zuschauer. Der Sender ist außerdem weltweit über Internet-Stream zu sehen.
Zehn Millionen Menschen täglich nehmen Teil an den Produktionen dieses Senders. Das Propagandamittel der Montage blüht: Zu sehen in ausgewählten Szenen israelischer Soldaten, die Frauen belästigen oder Kinder schlagen. Zu hören, wenn der Sender die Hisbollah-Hymne "Jerusalem ist unser" einspielt. Es wird viel passieren: Das Schlussbild einer Daily Soap um einen Selbstmordattentäter ist, von Rosen umrahmt, ein explodierender israelischer Linienbus.
Es ist Sonntag. In Haifa, im Nordens Israels, schlagen Katjuscha-Raketen der Hisbollah ein. Beirut und der Süden Libanons werden von der israelischen Luftwaffe bombarbiert. Al Manar ist auf Sendung.



