Worüber können sich Film-und Fernsehproduktionen diese Woche freuen?

Zum Beispiel darüber, dass ein großer Auftraggeber mehr investieren will. Im DWDL-Interview kündigt Disney-Deutschlandchefin Eun-Ky Park an, die Investitionen in lokale Produktionen verdreifachen zu wollen. In einem Markt, in dem Produzentinnen und Produzenten häufig über Zurückhaltung, Sparprogramme und fehlende Planungssicherheit sprechen, darf man bei einer solchen Ansage erst einmal aufhorchen. Allerdings lohnt sich wie immer das genaue Lesen. Park beschreibt eine globale Offensive. Daraus lässt sich bislang weder eine Verdreifachung des deutschen Budgets ableiten noch sagen, welche Summen wann in Deutschland, Österreich und der Schweiz ankommen werden. Ausgangsbasis, Zeitraum und regionale Verteilung bleiben offen. Die gute Nachricht ist also zunächst eine erklärte Ambition, noch kein bezifferter Auftragszuwachs für die hiesige Produktionswirtschaft.

Dass Disney aber ab Februar Philip Pratt als Verantwortlichen für die lokalen Originals verpflichtet, verleiht dieser Ambition Gewicht. Bei Prime Video verantwortete er ein Portfolio, zu dem „Maxton Hall“, „LOL: Last One Laughing“, die Fitzek-Verfilmungen, der Anti-Kriegsfilm „Der Tiger“ und die Realityshow „The 50“ gehören. Das steht für Erfahrung mit sehr unterschiedlichen Publikumsbedürfnissen. Von junger Romance über Filme und Thriller bis zu Comedy und Reality. Gerade für Non-Fiction-Produzenten dürfte die Personalie deshalb interessant sein. Parks ausdrückliche Offenheit für alle Genres bekommt damit einen bekannten Ansprechpartner. Nun entstehen solche Hits allerdings selten nur durch einen Einzelnen. Pratt hatte bei Amazon eine Top-Mannschaft mit klaren Verantwortlichkeiten aufgebaut. Diese Struktur arbeitet nach seinem Weggang weiter. Auch das gehört zur Einordnung seiner Erfolgsbilanz: Gute Führung zeigt sich im Aufbau einer Organisation, die auch ohne ihren bisherigen Chef weiterarbeiten kann. Bei Disney übernimmt Pratt ebenfalls eine bestehende Originals-Struktur. Ob daraus nun eine vergleichbar breit aufgestellte Mannschaft wird, ist natürlich noch nicht bekannt. Bekommt er die Möglichkeit, erfahrene Verantwortliche für einzelne Genres zu holen? Über welchen Etat kann er verfügen? Welche Projekte darf man vor Ort entscheiden, welche müssen durch internationale Freigaben? Die Antworten werden bestimmen, wie schnell aus der angekündigten Offensive tatsächlich zusätzliche Produktionen werden. Das sind alles berechtigte Fragen, aber kein Grund, die Nachricht klein zu reden. Mehr Investitionsbereitschaft und ein erfahrener Programmverantwortlicher senden ein antizyklisches Signal an einen Markt in dem woanders Kündigungswellen rollen. Diese Ankündigung darf die Branche erst einmal freuen.

Wer gewinnt gerade das große Geschäft mit Europas Fußballrechten?

Wieder einmal Relevent Sports. Die vom US-Milliardär und Miami-Dolphins-Eigentümer Stephen Ross mitgegründete Sportvermarktungsagentur aus New York hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem der mächtigsten Akteure im internationalen Fußballgeschäft entwickelt. Nachdem sie TEAM Marketing bereits das jahrzehntelange Mandat zur Vermarktung der UEFA-Klubwettbewerbe ab 2027 abgenommen hatte, sichert sie sich nun auch die Vermarktung der Nationalmannschaftswettbewerbe von 2028 bis 2036. Für TEAM Marketing ist das zwar kein weiterer Mandatsverlust, aber ein unmissverständliches Signal. Der frühere Platzhirsch hat seinen wichtigsten Kunden endgültig verloren, während sein amerikanischer Wettbewerber seine Position weiter ausbaut. Über Jahrzehnte war TEAM eine der bemerkenswertesten Erfolgsgeschichten der europäischen Sportvermarktung. Die Schweizer Agentur hatte die Champions League nicht einfach nur vermarktet, sondern maßgeblich dazu beigetragen, sie zu einer der wertvollsten Sportmarken der Welt zu entwickeln. Ein Geschäftsmodell mit langfristigen Verträgen, internationaler Reichweite und beträchtlichen Erträgen. Für den Mutterkonzern Highlight Communications, zu dem neben TEAM Marketing auch Constantin Film gehört, war die Sportvermarktungsagentur entsprechend lange ein wirtschaftliches Kronjuwel.

Es stellt sich nun die grundsätzliche Frage, wie viel ein Unternehmen noch wert ist, dessen wesentlicher Teil seiner bisherigen Ertragsperspektive weggebrochen ist. Highlight steht eh unter finanziellem Stress. Die Halbjahresbilanz zeigt die finanzielle Fallhöhe: Zum 30. Juni standen 190,6 Millionen Schweizer Franken kurzfristige Finanzverbindlichkeiten lediglich 16,5 Millionen Franken an liquiden Mitteln gegenüber. Das Konzerneigenkapital war mit 20,6 Millionen Franken negativ. Trotz deutlicher operativer Verbesserungen schrieb Highlight im ersten Halbjahr einen Verlust von 17,6 Millionen Franken. Der Refinanzierungsdruck ist entsprechend erheblich. Gleichzeitig hat Constantin Film, das zweite große Standbein des Konzerns, zuletzt die gesellschaftsrechtlichen Voraussetzungen für den Einstieg eines neuen Investors geschaffen. Namen wie Beta Film werden bereits gehandelt. Was als strategische Öffnung eines traditionsreichen deutschen Filmproduzenten erscheint, könnte deshalb auch Teil einer finanziellen Rettungsoperation für dessen Mutterkonzern sein. Damit hängen zwei Geschichten zusammen, die zunächst wenig miteinander zu tun haben: die Neuordnung der europäischen Fußballvermarktung und die mögliche Neuordnung der Eigentümerverhältnisse bei Constantin. Wer einen Konzern refinanzieren will, muss seinen Kapitalgebern vor allem eine überzeugende Antwort auf eine Frage geben: Woher sollen künftig die Erträge kommen?

Was, wenn ein Käufer sich über einen günstigen Kaufpreis freut?

Freenet übernimmt waipu.tv vollständig. Für die verbliebenen rund 25 Prozent an der Betreibergesellschaft Exaring AG zahlt der Konzern zunächst 76 Millionen Euro. Weitere bis zu 50 Millionen können hinzukommen, wenn bestimmte Erfolgsziele erreicht werden. Der zuvor erwogene Börsengang ist damit vom Tisch. Freenet kennt man vor allem als Mobilfunkanbieter. Sein Geschäftsmodell: Leistungen fremder Netze vermarkten und daraus eigene Kundenbeziehungen machen. Mit der Münchner Exaring und ihrer Marke waipu.tv verfolgt der Konzern im Fernsehen eine verwandte Idee. Die Plattform bündelt Sender und Abrufangebote, ergänzt sie um komfortable Funktionen und verdient mit Abonnements sowie Werbung. Für Freenet ist das inzwischen das zweite strategische Kerngeschäft neben Mobilfunk. Die Mehrheit an Exaring hielt der Konzern längst. Jetzt gehört ihm auch der Rest. Stolpern lässt allerdings die Kommunikation zum Preis. Freenet-Chef Robin Harries sagt, man habe die Anteile „unerwartet günstig erwerben“ können. Das klingt fast, als müsse auf Verkäuferseite etwas schief gelaufen sein. Warum sonst sollte jemand ein Unternehmen mit guten Wachstumsaussichten überraschend preiswert abgeben?

Vielleicht gilt aber auch schlicht: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Ein Börsengang bedeutet gerade in wirtschaftlich unsicheren Zeiten erhebliches Risiko. Zudem dürften die Verkaufsalternativen begrenzt gewesen sein. Wer kauft gerne eine Minderheitsbeteiligung an einer Gesellschaft, deren strategische Richtung ein anderer bestimmt? Freenet war der nahe liegende Käufer. Zumal der Ausstieg zumindest teilweise vorbereitet war: Freenets Geschäftsbericht 2024 dokumentiert Rechte von Exaring-Minderheitsaktionären, ihre Anteile innerhalb bestimmter Fristen zu festgelegten Preisen an Freenet zu verkaufen. Ob diese Vereinbarungen den jetzigen Deal beeinflusst haben, ist unbekannt. Interessant ist der hohe erfolgsabhängige Kaufpreis. Bis zu 50 Millionen Euro zusätzlich entsprechen rund zwei Dritteln der sicheren Zahlung. Freenet zahlt mehr, wenn sich der vereinbarte Erfolg einstellt. Selbstbewusste Verkäufer können einen sicheren Erlös realisieren und zugleich an der Entwicklung teilhaben, an die sie glauben. Entscheidend bleibt, wie erreichbar die Ziele sind und wer sie beeinflussen kann. „Unerwartet günstig“ muss deshalb nicht heißen, dass jemand schlecht verkauft hat. Vielleicht haben beide Seiten einen Preis gefunden, der die Sicherheit von heute mit den Chancen vor morgen verbindet. Auch das kann ein guter Deal sein.

Wie viel zusätzlichen Wert schafft die WM in einem Markt, in dem Netflix ohnehin schon führt?

In Spanien lässt sich diese Frage demnächst beantworten. Netflix hat sich die exklusiven audiovisuellen Rechte für Spanien und Andorra an der Fußball-Weltmeisterschaft 2030 gesichert. Alle 104 Spiele sollen live auf der Plattform laufen, begleitet von Vorberichten, Halbzeitanalysen, Nachbetrachtungen und täglichen Zusammenfassungen mit ausdrücklich spanischer Perspektive. Der Kaufpreis bleibt unbekannt. Ein Spiel pro Spieltag soll kostenlos zugänglich sein. Außerdem wird einem nationalen Free-TV-Sender ein Paket angeboten, das sämtliche Spiele Spaniens, beide Halbfinals und das Finale umfasst. Wer dieser Partner wird, steht noch nicht fest. Für Netflix ist Spanien bereits ein starker Markt. Laut Regulierungsbehörde CNMC war Netflix Ende 2025 für 47,2 Prozent der Haushalte, die kostenpflichtige Streamingdienste nutzen, die meist genutzte Plattform. Prime Video und Movistar Plus+ folgten mit deutlichem Abstand. Warum also zusätzlich eine WM kaufen? Weil Marktführerschaft innerhalb des Streamings noch keine Marktführerschaft im gesamten Fernsehalltag bedeutet. In einem fußballbegeisterten Land, dessen Nationalmannschaft gerade Weltmeister geworden ist und das 2030 selbst Spiele der Endrunde ausrichtet, kann dieses Turnier Netflix für Wochen ins Zentrum der nationalen Aufmerksamkeit rücken.

Der Deal passt außerdem zur bisherigen Sportstrategie: ausgewählte NFL-Spiele, besondere Baseball-Termine, große Kämpfe, regelmäßiges WWE-Programm und Frauen-Weltmeisterschaften in Nordamerika. Netflix verbindet wiederkehrende Live-Unterhaltung mit Ereignissen, die weit über das übliche Sportpublikum hinausreichen. Die Herausforderung beginnt nach dem Finale. Bleiben die neu gewonnenen Kunden auch für Serien und Filme? Könnte Spanien eine Zäsur für Europas Rechtevergabe markieren? Zumindest zeigt der Deal eine mögliche Rollenverschiebung. Der Streamer kontrolliert das Gesamtangebot, ein klassischer Sender übernimmt ein frei zugängliches Teilpaket. In Deutschland hat die Telekom die WM-Rechte 2030 bereits erworben, geschützte Schlüsselspiele müssen dennoch wie 2026 für eine freie Fernsehübertragung zugänglich gemacht werden. In Frankreich hält M6 schon ein Free-TV-Paket mit 54 Spielen. Großbritannien schützt sogar das gesamte Turnier. BBC und ITV haben die Rechte bereits gesichert. Eine europäische Netflix-WM steht damit nicht bevor. Aber Spanien zeigt, wie Netflix künftig auch im Fußball zu einer zentralen Adresse werden könnte. In einem ohnehin schon heiß umkämpften Markt.

Und was scheint nun erst einmal geklärt? 

Das Verhältnis deutscher Sender zu YouTube. Zumindest konnte man diesen Eindruck nach Berichten vom gemeinsamen MIPCOM-Auftritt von RTL-Deutschland-Chef Stephan Schmitter und YouTube-Europachef Pedro Pina gewinnen. Schmitter formulierte die Quintessenz anschließend auf LinkedIn selbstbewusst: Wer über die Zukunft der Medien spreche, komme an den großen Plattformen nicht vorbei. Diese aber auch nicht an RTL. Sein Anspruch: Partnerschaft auf Augenhöhe, getragen von unterschiedlichen Stärken. YouTube liefert Reichweite und Technologie, RTL Inhalte, Marken, lokale Relevanz und Beziehungen zu Werbekunden. Das klingt nach einer geklärten Haltung. Lange haben deutsche Sender um das richtige Verhältnis zu YouTube gerungen: Wettbewerber, zusätzliche Abspielstation, Marketingkanal oder Partner? Wie viel durfte man dort zeigen, ohne das eigene Geschäft zu beschädigen? Inzwischen scheinen sich die großen Häuser positioniert zu haben. Sie haben ihren Frieden mit YouTube gemacht. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Die ARD betrachtet YouTube als wichtigen zusätzlichen Publikumszugang, will Menschen langfristig aber in ihre Mediathek führen. Das ZDF entwickelt mit Marken wie Terra X und ZDFinfo eigenständige Angebote für das Plattformpublikum. Besonders konsequent verfolgen beide Häuser diesen Ansatz mit funk. Junge Menschen dort zu erreichen, wo sie ohnehin Medien nutzen, gehört zum Kern des Auftrags. RTL betont stärker die wirtschaftliche Verbindung: zusätzliche Werbeerlöse, neue Nutzung für ältere Inhalte und die Chance, Publikum für RTL+ und künftig Sky zu gewinnen. ProSiebenSat.1 wiederum verbindet über Studio71 Creator-Geschäft und Vermarktung mit YouTube. Formate wie „THE RACE“ zeigen, wie Joyn und YouTube durch zeitlich gestaffelte Veröffentlichung und Werbeintegrationen zusammenspielen.

Der gemeinsame Nenner aller: Die Zukunft lässt sich nicht allein innerhalb der eigenen Angebote gestalten. Die grundsätzliche Verhältnisfrage ist damit weitgehend geklärt. Die Macht- und Wertverteilungsfrage allerdings keineswegs. YouTube kontrolliert die technische Umgebung, die Empfehlungen und wesentliche Regeln der Monetarisierung. Die Sender können über ihre Inhalte entscheiden, aber nicht darüber, wem die Plattform diese morgen noch zeigt. Auch eine starke Programmmarke verschafft nicht automatisch dieselbe Verhandlungsmacht wie der Zugang zu einem riesigen Publikum. Schmitters Augenhöhe ist deshalb zunächst ein berechtigter Anspruch. Wie viel vom gemeinsam geschaffenen Wert bei den Sendern bleibt, wird wohl trotzdem weiter verhandelt.