Vermutlich werden einige Zuschauer verwundert sein, wenn sie am Sonntagabend ins Erste schalten. Zu sehen bekommen nämlich nicht den obligatorischen "Tatort" mit lieb gewonnenen Ermittlern wie Schenk und Ballauf, sondern "Babylon Berlin". Jenes ebenso opulente wie teure und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Serien-Projekt über das Berlin der 1920er Jahre schafft es nun also tatsächlich noch ins Free-TV. Für die ARD ist die Ausstrahlung aus gleich mehreren Gründen ein Risiko. Da wären zuerst all jene Zuschauer zu nennen, die sich zwar für ungewöhnliche Serien begeistern, die Produktion aber bereits vor einem Jahr bei Sky gesehen haben. Gut und gerne eine Million Zuschauer sollen das gewesen sein, die der ARD nun fehlen werden.

Und ganz generell ist "Babylon Berlin" derart ungewöhnlich, dass zu befürchten steht, dass so mancher Liebhaber traditioneller Krimikost schnell das Weite suchen wird, sobald die düstere Geschichte ihren Lauf nimmt. Andererseits beweist gerade der "Tatort" in schöner Regelmäßigkeit, dass selbst dann Spitzen-Quoten zu erwarten sind, wenn der Krimi mal nicht nach Schema F abläuft. So gesehen ist es vermutlich nicht die schlechteste Entscheidung, mit den ersten drei Folgen von "Babylon Berlin" an einem Sonntagabend zu starten. "Wir wollen den wichtigsten Sendeplatz im Ersten nutzen, weil wir dort ein großes Potenzial an Zuschauern sehen", sagt Degeto-Chefin Christine Strobl im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de. Ihr Haus gehört zu der Vielzahl an Partnern, die an der Umsetzung von "Babylon Berlin" beteiligt sind.

Christine Strobl© SWR/Monika Maier
"All denen, die sonst den 'Tatort' anschauen, wollen wir zeigen, dass wir in der ARD auch in der Lage sind, etwas anderes zu machen – eine deutsche Serie, die man im öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramm noch nicht gesehen hat." Es ist gewissermaßen ein Trick, der mit den Sehgewohnheiten des oft trägen Publikums spielt. Der Sendeplatz solle neugierig machen, betont Strobl (Foto), danach geht es dann immer donnerstags in Doppelfolgen weiter. Ganz bewusst habe man sich gegen eine geballte Dosis innerhalb weniger Tage entschieden. "Es ist eine Mischung aus Event-Programmierung und der Zuverlässigkeit einer wöchentlichen Ausstrahlung für Zuschauer, die gerne lineares Fernsehen schauen." Für alle anderen steht "Babylon Berlin" ohnehin in Gänze in der Mediathek zum Abruf bereit.

Dass "Babylon Berlin" nun auf dem "Tatort"-Sendeplatz starten darf, ist jedoch nicht selbstverständlich, wenn man sich das ARD-Konstrukt vor Augen führt, in dem oft verbittert um Ausstrahlungstermine gekämpft wird. Bei "Babylon Berlin" war der Fall aber offenbar anders gelagert – auch zur Überraschung der Degeto-Chefin. "Das Erstaunliche war, dass alle in der ARD an einem Strang zogen, um dieser herausragenden Serie den bestmöglichen Start zu bieten", erinnert sich Christine Strobl. "Man hat ja häufig mit Widerständen zu kämpfen, wenn es um die Verteilung von Sendeplätzen geht – aber in diesem Fall waren sich alle schnell einig, weil die Qualität der Produktion einfach jeden geflasht hat."

"Es werden ja immer mutige Entscheidungen angemahnt – das ist ganz gewiss eine."
Degeto-Chefin Christine Strobl über die Bestellung einer weiteren Staffel

In den kommenden Tagen und Wochen wird sich zeigen müssen, ob das auch für das ARD-Publikum gilt. Ein Quoten-Erfolg ist jedenfalls keineswegs eine ausgemachte Sache – anders als die Bestellung einer weiteren Staffel, zu der sich die ARD zur Überraschung vieler noch vor der Free-TV-Ausstrahlung entschieden hat. "Natürlich muss man zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Entscheidung darüber treffen, ob es weitergeht", sagt Christine Strobl dazu. "Da wir an das Projekt glauben, haben wir schon vorzeitig für eine Verlängerung gekämpft. Es werden ja immer mutige Entscheidungen angemahnt – das ist ganz gewiss eine."

Strobl führt aus, dass die Serie schon heute "ein riesiger Erfolg" sei und verweist auf Preise und Kritiker-Lob, das auch außerhalb Deutschlands zu vernehmen ist. Schon alleine mit dem Erfolg im Ausland sei eine Finanzierung der nächsten Staffel möglich. Die Dreharbeiten für zwölf weitere Folgen sollen schon in wenigen Wochen anlaufen. Dass später erneut Sky das Erstausstrahlungsrecht besitzen wird, trübt jedoch die Freude mancher Gremienvertreter. Gerade erst bewertete der WDR-Rundfunkrat das Vorgehen kritisch. "Mitglieder lobten das offenbar hohe Unterhaltungsniveau, hinterfragten jedoch auch die Kosten und die Rechteverteilung zwischen den Partnern", hieß es noch am Freitag in einer Mitteilung des Rundfunkrats. Der Fortsetzung stimmte man tags zuvor freilich trotzdem zu.

Die erste Staffel hat Christine Strobl inzwischen schon rund zehn Mal gesehen, sagt sie – und an diesem Sonntag wird ein weiteres Mal hinzukommen. "Auch, um das Gefühl dafür zu kriegen, wie sich das am Sonntagabend anfühlt, wenn ich normalerweise zusammen mit meinem Mann den 'Tatort' sehe." Entspannt wird sie der Geschichte um den Kölner Polizisten Gereon Rath aber vermutlich nicht verfolgen. Positiv aufgeregt und nervös sei sie, räumt die Degeto-Chefin ein. Sie dürfte damit im ARD-Universum ganz gewiss nicht alleine sein.