Was wäre Reality TV, wenn ZDF-"Besserwisser" Sebastian Lege es nachkochen würde? Ein echter Augenschmaus! Bitte Laborbrille aufsetzen, Plastiklöffel schwenken und los geht's: "Heute analysieren wir 'Love Island' – und kochen es für einen Bruchteil des Originalpreises nach!"

Die Zutatenliste für "Das Reality-Rezept": ein Haufen durchtrainierter und flirtbereiter Kandidat:innen, mindestens Fitness-Level acht, tiefgekühlt und bereit für den Einsatz. Eine Villa auf Mallorca, Mietpreis egal, wird sowieso abgesetzt. Dazu künstlicher Beziehungsstress, das E621 des Fernsehens, der Geschmacksverstärker schlechthin. Ein Tränen-Emulgator für die emotionalen Höhepunkte, 24-Stunden-Überwachung als Bindemittel und eine Prise konstruierte Eifersucht. Zum Konservieren der Spannung kommt noch das bewährte Voting dazu – hält wochenlang frisch, wenn's erstmal im Streaming-Regal steht!

"Das Verrückte ist", würde Lege sagen und dabei prüfend an seinem Löffel lecken, "das Original kostet Millionen Euro pro Staffel! Aber unsere Nachkoch-Version kriegen wir für einen Bruchteil des Preises hin – und die Zuschauer:innen merken keinen Unterschied!"

Bitte noch den "Wedding-Pass" erwerben

Anschließend würde er das Reagenzglas mit der pinkfarbenen Reality-Essenz gegens Licht halten und in die Kamera zwinkern: "Schauen Sie mal: 99 Prozent künstliche Aromastoffe. Aber die Leute lieben es trotzdem. Warum? Weil es immer gleich schmeckt!"

Reality TV ist sozusagen bewegtbildgewordenes Fast Food: Wenn's vertraut schmeckt, will niemand wissen, was wirklich drinsteckt.

Dass das Genre längst im Überfluss hergestellt wird, ist nichts Neues. Ungewöhnlich ist aber, wie sehr es inzwischen aus seinen bisherigen Grenzen hinausschwappt, auch in völlig neue Kanäle hinein.

Überall, wo man zu Beginn dieser TV-Saison hinsieht, ist – Reality. In den Sommerwochen war das Reality-Experiment "Villa der Versuchung" einer der seltenen Erfolge für Sat.1. Seit Mitte August läuft bei RTL+ die fünfte Staffel von "Are You The One ? – Realitystars in Love" mit satten 21 Folgen, flankiert von "Prominent getrennt", Staffel vier. Am gestrigen Samstag zelebrierte bild.de den Höhepunkt seiner vierteiligen Reality-Soap "Die Heiters: Jetzt wird geheiratet!" mit einer Live-Hochzeit, die sich per zu erwerbendem "Wedding-Pass (zusätzlich zum BILDplus-Abo)" verfolgen ließ – sofern man nicht mutig genug war, zuvor Pop-ups mit dem Feld "Traumhochzeit verpassen" wegzuklicken.

Niemand ist mehr immun

Joyn hat für den Wochenstart "The Power – Wer hat die Macht?" angekündigt – als "Next-Level-Reality" mit einem Best-of der bekanntesten Genre-Mechanismen: Dauer-Überwachung, kein Außenweltkontakt, haufenweise Intrigen, von Montag bis Freitag in Doppelfolgen.

Kurz nach der neuen Staffel "Love Island VIP" bei RTLzwei (mit Stars aus Dschungelcamp, "Bachelorette" und "Too Hot To Handle") geht Mitte des Monats auch noch "Das Sommerhaus der Stars" von RTL in seine zehnte Runde, bevor Sat.1 und Joyn ab Anfang Oktober wieder "Promi Big Brother" zelebrieren.

Und dann steigt ja auch noch die ARD ins Geschehen ein und stellt bald "Werwölfe – Das Spiel von List und Täuschung" in die Mediathek – ein Hybridformat aus Gameshow und Reality, bei dem 13 Teilnehmer:innern im Laufe mehrere Folgen herausfinden müssen, wer von ihnen als vorab bestimmter "Werwolf" im Geheimen gegen die Gruppe agiert.

Genau wie im Düsterwald gilt auch für deutsche Bewegtbildmedien: Es gibt kein Entkommen mehr! Reality ist überall. Und hat inzwischen selbst Akteur:innen infiziert, die bislang völlig immun dagegen schienen.

Dr. Ochsenknecht, bitte übernehmen Sie

Jüngst hat es die mehrfache Grimme-Preisträgerin Maren Kroymann erwischt. Durch die gesamte siebte Staffel ihrer ARD-beauftragten Gesellschaftssatire zieht sich der offensiv formulierte Wunsch einer grundlegenden Umschulung: "Ich will die Follower, ich will die Reichweite, ich will angekreischt werden von Teenagern in der Bahn." Also begibt sie sich ins "Institut für Realitätsentwicklung", um sich dort von Frau Dr. Natascha Ochsenknecht ("Wir duzen uns hier alle") zur Reality-Protagonistin ausbilden zu lassen.

Denn: "Nach vier Jahrzehnten Kabarett und Spartenfernsehen ist es bei mir dringend an der Zeit für eine solide Altersvorsorge."

Kroymann lernt "die Hauptzutat guter Reality" ("Konflikt!" – aktiv und passiv, Sie Trottel), schlägt sich wacker beim Testkampf mit Plastikknüppeln ("Wer hätte gedacht, dass soviel unterdrückte Wut in dir steckt?" – "40 Jahre als Frau beim deutschen Fernsehen!"), kriegt fast eine Rose von Filip Pavlović überreicht, übt im Dschungel-Outfit das richtige Würgen über Kotzfrucht mit Larveneiern, tritt für die "Schlacht im Schlampagner" gegen ihre Kontrahentin Annette Frier an und lernt auswendig, was Natascha, "zertifizierte Mother of deutsche Reality", ihr an Ratschlägen mitgibt: "Generell gilt bei Reality TV: Wenn du das Gefühl hast, dass du übertreibst, leg lieber noch 'ne Schippe drauf."

Zur Belohnung in den Container

Am Ende ihrer Ausbildung darf Kroymann zur "Belohnung" (Abspann laufen lassen!) tatsächlich in den Container. Und was auf den ersten Blick wie eine hübsche Parodie auf ein zunehmend das Fernsehen auffressendes Genre und nach einer fast schon zu liebevollen Würdigung seiner zentralen Akteur:innen wirkt, könnte bald schon nur minimal übertriebene Gegenwartsbeschreibung sein.

Zumindest für alle, die in Zukunft noch in irgendeiner Form im Bewegtbildmedium ihres Vertrauens vorkommen wollen, wenn sie sich bislang keinen Lebenszeitvertrag für die Quizshow ihrer Wahl gesichert haben.

Dabei wird der Weg selten vom seriösen Entertainment direkt in die sorgsam ausgehöhlten Zoff- und Dating-Untiefen führen. Aber der Schritt vom Jurypult einer großen Tanzshow ins Ensemble einer vom Heimatsender forcierten Krimi-Reality ist kein allzu großer mehr.

Das Genre braucht mehr Variation

Und vielleicht ist das ganz gut so. Denn das Reality-Genre braucht dringend eine Infusion mit Kreativität und Variation, um nicht mehr nur zombiehaft von einem Quotenerfolg zum nächsten zu wanken, sondern sich neu aufzustellen und für ein breiteres Publikum interessant zu werden. Schließlich bedienen die allermeisten der etablierten Formate immerzu dieselben Reflexe (Formatidee: "Refl-Ex on the Beach").

Oder um im Anfangsbild dieser Kolumne zu bleiben: Die Erfolgsformel funktionierender Reality ist bislang wirklich alles andere als ein Geheimrezept.

Grundprinzip ist stets die vorhersagbare Unvorhersagbarkeit – alle wissen: es gibt Streit, nur noch nicht wann. Dazu kommt der dröge Ritual-Charakter (wöchentliche Eliminierungen), das Bedienen von Stellvertreter:innen-Emotionen (andere durchleben Konflikte für uns) und ein demokratischer Voyeurismus (alle sind "normal", nur extremer). Diese Systematik gehört schon seit längerem aufgebrochen, um dem Genre eine Vielschichtigkeit zu geben, die es derzeit schmerzlich vermissen lässt – sei es nun mit Crossover-Elementen oder durch die Öffnung für neue Protagonist:innen mit mehr Seriosität.

Grundnahrungsmittel des Fernsehens

Mag ja sein, dass Reality zum neuen Grundnahrungsmittel des Fernsehens geworden ist. Aber vielleicht wäre das gar nicht so schlimm, solange die Zutaten stimmen? Oder wie Sebastian Lege beim Nachkochen seines Reality-Süppchens appellieren würde: "Wenn ihr schon künstliche Aromastoffe nehmt, dann wenigstens die guten!"

Vielleicht muss man's auch so wie Maren Kroymann machen und mit den Mitteln spielen, die das Genre anbietet – selbst auf die Gefahr hin, dass man es dadurch zusätzlich legitimiert. Die Kabarettistin kann sich über die ihr bislang fremden Mechanismen lustig machen, soviel sie will: Am Ende hat sie durch die satirische Selbstöffnung ja tatsächlich ihr Repertoire erweitert.

Vielleicht ist das die Antwort auf die derzeitige Reality-Dominanz. Nicht dagegen ankämpfen, sondern damit spielen. Das Genre wird sich so schnell nicht besiegen lassen – aber vielleicht kultivieren, reflektieren, mit Ironie veredeln. Als Reality-Auszubildende kann man im Container landen und trotzdem ein Stück weit seine Zurechnungsfähigkeit behalten. Das ist doch eigentlich eine schöne Botschaft: Reality-TV mit Hirn ist möglich. Nur halt bislang: äußerst selten.

Und damit: zurück nach Köln.

Alle Episoden der 7. Staffel von "Kroymann" unter dem Motto "Road to Reality" sind in der ARD Mediathek verfügbar.